Zeitung Heute : "Abenteuerlust ist natürlich dabei"

"Waffe fallen lassen!", brüllt Fritz Möckel.Sekunden später fallen Schüsse.Ein Mann, der eben noch das Wachpersonal mit einem Messer bedrohte, bricht zusammen - getroffen von Möckels Kugeln.Glücklicherweise gibt es bei der Aktion keine Verletzten: Jurastudent Möckel hat nur auf die mannshohe Videoleinwand eines Simulationsgeräts geschossen.Der Schauplatz dieser Actionszene liegt in Hamm.In der westfälischen Stadt hat eine ganz besondere Schule für Leibwächter eröffnet.Bundesweit einmalig ist nach Angaben der Initiatoren, daß die Absolventen am Ende ein Zertifikat der örtlichen Industrie- und Handelskammer (IHK) bekommen.

Leiter und Gründer des "Ausbildungszentrums für Personenschutz" ist Abderrazak Missa.Der 38jährige Marokkaner war selbst jahrelang Bodyguard für französische Prominente.Viele der bestehenden Ausbildungen für Leibwächter in Deutschland hält er für mangelhaft und wenig seriös: "Ich will weg vom Image des Bodyguards mit dem kleinen Hirn und den großen Muskeln."

Das hat seinen Preis: 16 000 Mark kostet der dreimonatige Lehrgang in Hamm.Zehn Stunden am Tag, siebenmal in der Woche werden die zunächst acht Teilnehmer im Crash-Kurs in Theorie und Praxis des Personenschutzes geschult.Mehr als 200 Anfragen aus ganz Deutschland gab es dafür, zu einem Großteil von Arbeitslosen die auf eine attraktive Umschulung hofften.Allerdings stellen sich die Arbeitsämter bislang quer, klagt Missa.Die Teilnehmer zahlen deshalb ihre Kursgebühren aus eigener Tasche.

Auf dem Stundenplan der Leibwächter-Schule stehen erwartungsgemäß die Fächer Recht, Waffenkunde, Schießen, Notfallmedizin, Autosicherheitstraining und Nahkampf.Dafür hat der studierte Maschinenbauer Missa sieben Dozenten engagiert: Juristen, Waffenexperten, Kriminologen und Fitneßtrainer.Mit von der Partie ist auch eine Düsseldorfer Modedesignerin.Sie ist zuständig für Stilberatung und Benimmregeln."Hier lernen die Teilnehmer, sich korrekt zu kleiden und zu benehmen." Schließlich dürfe ein Personenschützer auf keinen Fall unangenehm auffallen, meint Missa."Das fängt schon bei der Körperpflege an und hört bei der Wahl des After Shaves auf."

Die meisten der angehenden Leibwächter haben noch keine praktische Erfahrung im Personenschutz.Am Start sind Studenten, Installateure und Ingenieure.Sie alle haben im Mai den dreitägigen Aufnahmetest der Schule bestanden."Das hat ganz schön geschlaucht", erzählt Isa Bediroglu."Einmal wurden wir plötzlich nachts um 02.00 Uhr geweckt und mußten jemanden über 50 Meter aus dem Wasser bergen."

Nach bestandener Prüfung hofft er wie alle auf einen gutbezahlten Job in der Sicherheitsbranche.Obwohl er gerade sein Maschinenbaudiplom gemacht habe, sehe er als Ingenieur zur Zeit wenig Chancen, sagt Bediroglu.Dann gesteht er: "Na klar, Abenteuerlust ist natürlich dabei." AP

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