Zeitung Heute : "Aber es gibt jetzt eine linke Opposition ..."

BERND MATTHIES

Nein, mit Vorsichtsmaßnahmen hält sich Gregor Gysi nicht lange auf.Zwar deutet alles darauf hin, daß seine Partei im Osten Verluste hinnehmen mußte, zwar ist zu diesem Zeitpunkt, gegen 20 Uhr 10, noch längst nicht alles für die PDS gelaufen - aber das neue Plakat hält er schon mal vor die Fernsehkameras: "Der Osten hat rot gewählt." Der Osten? Gerade zurück von einer eilig improvisierten Pressekonferenz, steht Gysi er unter lautem Jubel seiner Anhänger auf der Bühne, schiebt ein vorsichtiges "Wenn sich denn die Hochrechnungen bestätigen" ein und legt dann los, daß es den Roten und den Grünen angst und bange werden müßte: "Sie denken immer noch, daß sie das alleine hinkriegen, aber es gibt jetzt eine linke Opposition ..."

War was? In der prallvollen, überhitzten und rauchgesättigten Fabrikhalle in der Straßburger Straße in Prenzlauer Berg hatte sich zwei Stunden lang zunächst immer ein Herzenswunsch der Partei nach dem anderen erfüllt.Kaum drei Minuten nach 18 Uhr versprach die erste Trendmeldung fünf Prozent der Stimmen und zweieinhalb Direktmandate - genug für den notorisch optimistischen Parteisprecher Hanno Harnisch, den ersehnten Ausruf zu tätigen: "Wir sind jetzt im Bundestag!" Dann wurde es immer besser.Im Zehn-Minuten-Abstand stieg das prognostizierte Ergebnis um 0,1 Prozentpunkte, von irgendwo wurde das dritte Direktmandat vermeldet, Jubel immer wieder.Christa Luft, deren Sitz im Bundestag von Anfang an sicher zu sein schien, traute sich als erste Spitzenkraft der Partei auf die Bühne und legte das Schwergewicht auf ökonomische Aspekte: Fünf Prozent, das sei der Fraktionsstatus.

Eine strahlende Siegerin, eine eher gedämpft wirkende Beinahe-Verliererin: Petra Pau, die zu diesem Zeitpunkt den Wahlkreis Mitte schon abgeschrieben hatte, wurde dennoch von warmen Sprechchören eingehüllt.Gleichen Zuspruch fand auch Angela Marquardt, Bundestagsabgeordnete in spe, die sich den Erfolg der Partei in Mecklenburg-Vorpommern anrechnen lassen durfte.Sie habe "nicht nur mit Argumenten" gegen den Einzug der Rechten im Norden gekämpft, sagte Parteisprecher Harnisch.Und dann natürlich Gregor Gysi, künftig wohl vom Parteigruppenvorsitzenden zum Fraktionsvorsitzenden befördert, der mit gewohnter rhetorischer Brillanz die Seinen über erste Anfälle von Skepsis hinweghob.Man mag ihn in Prenzlauer Berg.Als dann am späteren Abend plötzlich von vier Direktmandaten die Rede war und die Zitterpartei endgültig überstanden schien, kochte die Stimmung über.

2500 Besucher sollen es gewesen sein auf der PDS-Wahlparty, davon etwa 300 Journalisten.Bürgerlich anmutende Musik von André Hermlins "Swing Dance Band", Bier und Caipirinhas, Bratwürste und Bouletten, vor allem aber viele heiß brennende Scheinwerfer, deren Anwesenheit der Partei ihren bundespolitischen Rang bestätigten.Kaum hatte ein Kandidat die Bühne verlassen, wurde er via TV-Studio schon wieder auf die große Leinwand befördert; alles verdoppelte und verdreifachte sich, der Jubel und die Buhs: Für Westerwelle und Waigel, für Hintze und - nein, dem scheidenden Kanzler wurde sogar eine gewisse heitere Aufmerksamkeit zuteil, bevor man ihn mit einem lautstarken Rap aufs Altenteil an den Wolfgangsee schickte.Und noch ein Nationalheiligtum nahm Schaden: Daß Michael Schumachers Erzrivale Mika Häkkinen am Nürburgring gewonnen hatte, löste großen Beifall aus.Die PDS ist eben doch eine ungewöhnliche Partei, ob mit zwei oder drei Direktmandaten oder gar dem heiß ersehnten Fraktionsstatus im Bundestag.

In Bonn wird die "bunte Truppe", wie sich die Genossen selber gerne nennen, auch in den nächsten vier Jahren von Gregor Gysi geführt werden.Dann voraussichtlich nicht mehr als Gruppe, sondern als Fraktion - mit allen parlamentarischen Rechten.Einen Kanzler Schröder hätte die PDS mitgewählt, wenn er ihrer Stimmen bedürft hätte, hatte Gysi im Wahlkampf angekündigt.Jetzt, wo Rot-Grün eine eigene Mehrheit im Parlament hat, sieht er die Rolle der PDS eher in einer "konsequent linken Opposition".

Wie die aussehen soll, darüber hat sich der Parteivorstand schon vor wenigen Wochen den Kopf zerbrochen.Das Ergebnis, wie Parteichef Lothar Bisky es vorstellte: Die neue PDS-Fraktion soll sich vornehmen, gleich in den ersten hundert Tagen der neuen Regierung Schröder Anträge der SPD aus deren Oppositionszeit wieder vorzulegen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar