Zeitung Heute : „Aber sie sind da nicht drin, oder?“

Flug Air France 447: Eine Maschine mit 228 Menschen stürzt 2009 über dem Atlantik ab. Seither hat ein Manager erforscht, warum seine Tochter sterben musste, und eine Mutter rang mit ihrem Leben. Bis jetzt Wrackteile und Leichen auf dem Meeresgrund entdeckt wurden

von und Sabrina Gebauer
Am Boden.
Am Boden.Foto: AFP

Vor einer Woche klingelte bei Barbara Crolow in Berlin-Steglitz das Telefon. Man sagte ihr, dass endlich das Flugzeugwrack gefunden worden sei. Mit einem Schlag waren die alten Wunden wieder aufgerissen.

Ein paar Tage nach diesem Anruf, die Nachricht vom Fund des 2009 verschollenen Air-France-Fluges 447 von Rio de Janeiro nach Paris ist mittlerweile auch in den Medien verbreitet worden, wiegen sich die Bäume in einer leichten Brise, an den Zweigen erste Knospen, Vögel zwitschern. Die Sonne erwärmt die Haut. Auf einem Spielplatz in dem kleinen Park toben Kinder. Im Gartencafé nebenan sitzt Barbara Crolow. Sie hat ein Kind verloren. 228 Menschen reisten in dem Flugzeug, als es abstürzte, darunter auch ihr Sohn. „Ich hänge nicht mehr am Leben“, sagt sie.

Barbara Crolow trägt ein dunkelrotes Jackett, um den Hals ein blaues Tuch. Der Wind weht der 67-Jährigen die weißen Haare immer wieder ins Gesicht. Dass ihr das Leben nicht mehr viel bedeutet, ist ihr nicht anzusehen. Am ersten Juni 2009 fuhr sie mit ihrem Mann von Berlin nach Hamburg. Der Neffe, der dort lebt, hatte Geburtstag. „Wir holen Alexander vom Hamburger Flughafen ab“, hatte Barbara Crolow ihrem Neffen am Telefon versprochen. Eine Stunde später rief der an und berichtete, dass ein Flugzeug aus Rio de Janeiro vermisst werde, das um zwölf Uhr in Paris hätte landen sollen.

„Aber Alex ist da nicht drin, oder?“

„Wenn das Flugzeug um zwölf in Paris sein sollte, ist er drin.“

Aus dem Radio erfuhren die Crolows dann, dass die Maschine nicht mehr vermisst wurde. Es war definitiv: ein Absturz. Barbara Crolow glaubte das nicht. Bis die ersten Flugzeugteile von der brasilianischen Marine aus dem Meer geborgen wurden, war sie überzeugt, dass das Flugzeug im Urwald von Brasilien stand oder in der Wüste von Senegal. Dass es mit ihrem Sohn im Ozean verschwunden war, konnte sie nicht fassen.

Eine Beerdigung hat es nie gegeben. Nur 51 Leichen wurden in den Wochen nach dem Unglück geborgen, Alexander Crolow war nicht dabei. Familie und Freunde haben sich an einem Ort von ihm verabschiedet, an dem er sich gern mit Freunden getroffen hat. In Hamburg haben sie einen Gedenkstein für ihn und seine Freundin Júlia aufgestellt, die ebenfalls im Flugzeug saß. Was in der Nacht zum 1. Juni 2009 genau passiert ist, wurde nie geklärt.

„Wir haben uns mit dem Meeresgrab abgefunden“, sagt Bernd Gans. Der Leichnam seiner Tochter ruht ebenfalls tief unten im Atlantik. Als Anfang vergangener Woche das französische Verkehrsministerium verlauten ließ, dass ein Tauchroboter Teile der Maschine in 4000 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund ausgemacht hat, nordöstlich der Inselgruppe Fernando de Noronha, und dass auch Leichen in der Kabine zu sehen sind in einem identifizierbaren Zustand, da konnte Ute Gans zwei Nächte lang nicht schlafen. „Alles kommt wieder hoch“, sagt ihr Ehemann, und es ist nicht klar, ob er sich der Doppeldeutigkeit dieses Satzes bewusst ist. „Da denkt man wieder daran, wie das Mädchen wohl irgendwo da unten ist.“

Die Eltern sind nicht erleichtert, weil sie vielleicht bald eine Antwort auf ihre drängende Frage erhalten werden. Sie sind wütend und entsetzt, dass sich die französische Seite nicht an Vereinbarungen gehalten hat, wieder einmal nicht: Man hatte abgesprochen, dass die Angehörigen der Opfer zuerst über wichtige neue Erkenntnisse informiert würden. Stattdessen habe sich Frankreichs Verkehrsministerin Nathalie Kosciusko-Morizet nach drei erfolglosen Suchaktionen mit dem Fund „gebrüstet“, habe eine „PR-Veranstaltung“ abgezogen. Ehepaar Gans empfindet das als „pietätlos“.

Es gibt Angehörige der Absturzopfer, die sich bis heute einschließen. Ehen sind zerbrochen. Viele haben therapeutische Hilfe in Anspruch genommen, manche waren in psychiatrischen Krankenhäusern. Bernd Gans hat einen anderen Weg gewählt, mit der Katastrophe umzugehen. „Ich befasse mich jeden Tag sicherlich zwei bis drei Stunden damit, ich arbeite für die Aufklärung der Ursache, für die Aufdeckung.“ Er ist Vorsitzender des Vereins „Hiop AF447“, was ausgeschrieben „Hinterbliebene der Opfer des Flugzeugabsturzes AF447“ heißt.

Der 70-jährige Mann aus Vaterstetten bei München ist interessiert an der Luftfahrt, er kennt sich aus. Einst war er als Daimler-Manager zuständig für die zur Firmengruppe gehörende Dasa, die Deutsche Aerospace Aktiengesellschaft. „Ich fliege viel“, sagt Gans und fügt sachlich hinzu: „Luftverkehr muss es geben. Wir müssen aber alles tun, um ihn sicherer zu machen.“

Auch Ines Gans ist viel geflogen. Die junge Verkaufsmanagerin des Münchner Luxushotels „Bayerischer Hof“ und Tochter von Bernd und Ute Gans hatte in Rio de Janeiro ihren 31. Geburtstag gefeiert, sie besuchte ihren Bruder Elmar dort für zwei Wochen. Dann nahm sie dieselbe Maschine zurück in die Heimat wie Alexander Crolow, Júlia Chaves de Miranda Schmidt sowie 213 weitere Passagiere. Ines Gans saß auf dem Platz 29 C.

Und nun ist sie Teil eines höchst verstrickten, kaum entwirrbaren Knäuels aus Fakten und Vermutungen und zufälligen Beziehungen geworden. Viele Fäden darin sind französische – die Fluglinie Air France, der Hersteller Airbus, der Zielort Paris, ebenso 72 Passagiere an Bord, die drei Piloten, die Regierungsverantwortlichen in Paris. Doch folgen viele Fäden auch den Reiserouten der Globalisierung, reichen nach Brasilien etwa, woher 59 Insassen stammten, in die Schweiz, wo sechs Menschen vermisst werden, und nach Deutschland mit 28 Opfern. Es gibt deutsche und amerikanische Technikexperten und in verschiedenen Ländern Angehörigengruppen und deren Rechtsanwälte.

Warum ist AF447 abgestürzt? Mit einer solchen Frage bringt man Bernd Gans zum Reden. Er ist ein Faktenmensch, ein Sammler, ein Analytiker. Bisher weiß man: Es tobte ein schweres Unwetter über dem Atlantik, in das die Maschine hineinflog. Zahlreiche elektronische Funktionen fielen aus, darüber wurden automatische Mitteilungen nach Paris gesendet. Als das Flugzeug auf dem Wasser aufschlug, flog es geradeaus, verlor aber sehr schnell an Höhe. Es krachte weitgehend intakt ins Meer.

Technischer Defekt, ein Versagen der Piloten, eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände? Seit dem Absturz bohrt Bernd Gans nach. Sein kleines Arbeitszimmer rechts neben dem Eingang der Doppelhaushälfte in Vaterstetten ist eine Art Recherchezentrale geworden. Ein Computer, zwei Stühle, ein Telefon, das häufig läutet. Wenn er am PC sitzt und den Blick etwas höher richtet, schaut er auf das große Foto einer jungen Frau. Lange blonde Haare, sie lächelt und trägt einen lilafarbenen Pullover. Ines.

Bernd Gans erzählt ausführlich und bedächtig über die vielen offenen Fragen, über Vermutungen und gewonnene Erkenntnisse. Er ist ein Mann von einnehmendem Wesen, er lächelt häufig. „Diese Arbeit ist Teil meiner Therapie“, sagt er. „Ohne sie würde ich zerbrechen.“ Als Manager habe er gelernt, wie wichtig es ist, bei einem Geschehen „die Deutungshoheit zu gewinnen“.

Ein wichtiges Detail sind für ihn die Geschwindigkeitssensoren des Flugzeugs. Die sind bei dem Unwetter ausgefallen, Eiskristalle verstopften sie. Der Pilot wusste deshalb nicht mehr, wie schnell die Maschine war und ob die Strömung an den Flügeln abreißen könnte. Diese Probleme gab es nur bei Sensoren der französischen Firma Thales, die in den Air-France-Airbussen A330 eingebaut waren. Die Apparate der US-Firma Goodrich hingegen, mit denen die meisten anderen Luftfahrtgesellschaften ihre Airbus-Jets ausstatten, funktionieren einwandfrei. Air France hatte viel über den Wechsel der fehleranfälligen durch die besseren Sensoren geredet – geflogen ist AF447 aber mit den alten. Um zu sparen? Die Langstrecke Rio–Paris wird zweimal am Tag bedient, sie ist ein gutes Geschäft.

Mit seinen Mitstreitern hat Bernd Gans herausgefunden, dass andere Piloten in jener Nacht das Unwetter umflogen haben. Ein Flugzeug 20 Minuten vorher, ein weiteres 20 Minuten danach. Waren die Air-France-Piloten nicht trainiert, solche Extremfälle zu erkennen und angemessen zu handeln?

Der Fernseh-Meteorologe Dieter Walch hat Gans Aufnahmen von den damaligen Wetterverhältnissen gegeben. „Zu sehen ist ein normales Gewitter“, beschreibt Gans. „Wenn man dann aber auf Fernsicht geht, erkennt man dahinter eine riesige Unwetterwand.“ Haben die Piloten das nicht geprüft? „Es muss tennisballgroße Hagelkörner gegeben haben“, vermutet Gans. „Es blitzt um einen herum, das Flugzeug knallt tausende Fuß rauf und runter, ein Gerät nach dem anderen fällt aus, die Hölle.“

Der Kapitän hatte sich vor dem Unglück schlafen gelegt. Er hatte sich nicht gesichert, deshalb ist seine Leiche nach oben getrieben und gefunden worden. Die beiden Kopiloten hingegen, die die Maschine steuerten, waren angeschnallt und dürften auf den Meeresgrund gezogen worden sein.

Kurz kommt Ute Gans ins Arbeitszimmer. Sie ist verschwitzt von der Gartenarbeit. Auch sie lächelt, grüßt kurz und verlässt den Raum wieder. „Meine Frau ist in sich gegangen“, sagt Bernd Gans. „Das ist ihre Art, damit zurechtzukommen.“

Als Alexander Crolow im September 2008 mit seiner brasilianischen Freundin Júlia ins Haus seiner Eltern in Berlin-Steglitz zog, war es erfüllt von Leben. Die beiden hatten sich in Hamburg beim Jurastudium kennengelernt, sie waren lustige und charismatische Menschen. In Brasilien habe Alexander seiner Freundin einen Heiratsantrag machen wollen. „Wir gehen davon aus, dass sie uns ihre Verlobung verkünden wollten“, sagt die Mutter. Beide starben im Alter von 27 Jahren.

Heute ist das Haus in Berlin-Steglitz ein Trauerhaus. Das Zimmer ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter hat Barbara Crolow nicht verändert. Für sie ist ihr Sohn noch immer präsent. „Ich spüre seine Umarmungen, ich denke daran, was Alex jetzt machen würde, was ihm gefallen würde oder was nicht. Vielleicht hätten wir jetzt Enkelkinder …“

Wirklich verarbeiten konnte sie den Verlust bis heute nicht. Nur verdrängen. Seit zwei Jahren arbeitet Barbara Crolow nicht mehr. Sie kann sich nicht mehr konzentrieren. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um das, was geschehen ist. Wenn sie in die Philharmonie geht, kann sie der Musik nur mit einem Ohr zuhören. Ein Teil von ihr denkt daran, dass ihr Sohn das nie wieder erleben wird. Er mochte Musik.

Was bleibt von den Toten? Was von dem verlorenen Kind? Das fragen sie sich auch im Hause Gans. Bisher ist unklar, ob die französische Staatsanwaltschaft Anklage erhebt. Sollte es zu einem Strafprozess kommen, wird Bernd Gans Nebenkläger sein. „Das wird mit einer Geldstrafe enden“, vermutet er. Aber er will ein Urteil. Viele Angehörige verhandeln auch über den Vergleich bei einer Entschädigung. Die Versicherung aber zeige „kein Interesse an Kulanz“. Entschädigt wird wie bei einem normalen Verkehrsunfall anhand festgelegter Sätze. Das Leben seiner Tochter ist versicherungstechnisch weniger wert als das anderer, für sie gibt es einen geringeren Betrag. Denn sie hatte keine Kinder, musste niemanden versorgen. „Das wird tabellarisch abgefertigt, Schluss, aus, keine Emotion“, sagt Bernd Gans.

28 Millionen Euro haben Air France und Airbus für die Aufklärung des Absturzes bislang ausgegeben, es ist die teuerste Erforschung eines Unfalls. In einem Monat, so die Schätzungen, könnten Wrackteile und Leichen geborgen werden. Wollen die Eltern von Ines Gans das überhaupt? „Für mich ist es ein Gebot der Kinderliebe“, sagt der Vater. Wird Ines Leiche je aus dem Meer gehoben, soll sie in Vaterstetten beerdigt werden. Und Barbara Crolow in Berlin-Steglitz sagt: „Wenn bei den Untersuchungen herauskommt, dass sie nicht lange leiden mussten, wäre das schon erleichternd.“

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