Zeitung Heute : Aber wen bloß lieben?

CARLA RHODE

Eiszapfen unter sich: "Jane Eyre"-Verfilmung, die neunte Nicht weniger als acht Verfilmungen des wohl populärsten Charlotte Brontë-Romans verzeichnet Kindlers Literaturlexikon.Franco Zeffirellis Version, die neunte also, ist vielleicht die überflüssigste.An dem etwas behäbig wirkenden Realismus seiner Inszenierung liegt es nicht - sofern man sich in die bedrängende Atmosphäre der spartanischen Erziehung im Internat von Lowood zurückversetzen will, wo die verstoßene Waise Jane Eyre gedemütigt und schikaniert wird, hat er seine Qualitäten. Geraldine Chaplin spielt die grausame Lehrerin Miss Scratcherd mit der spitzen, kalten Schärfe eines Eiszapfens.Was schon im Roman so eindringlich geschildert wird, weil es auf authentische Erlebnisse der Autorin zurückgeht, verdichtet sich hier zu einem düster-beklemmenden ersten Kapitel.Alles folgende aber leidet unter der Fehlbesetzung der nun erwachsenen Jane mit der allzu herben, ruppigen Charlotte Gainsbourg.Jane Eyre soll keine Schönheit sein; das Besondere dieser Figur liegt in der Kombination eines unscheinbaren Äußeren mit couragiertem Auftreten.Als Jane Hauslehrerin auf Thornfield Hall wird, beeindruckt sie den Schloßherrn mit ihrer Schlagfertigkeit, und er erkennt ihre innere Schönheit.Aber gerade sie muß diese Aschenputtel-Gestalt durchleuchten, wenn man glauben soll, daß sie magisch anziehend auf ihn wirkt und auch selbst aufrichtig und leidenschaftlich lieben kann.Aber wen soll sie lieben? Doch nicht etwa dieses Rauhbein von Edward Rochester, den William Hurt, fast unkenntlich unter langen wirren Haaren, verkörpert.Keine Jane, kein Rochester, keine Möglichkeit, in dem Sog des schauerlich-melodramatischen Geschehens abzutauchen.Ein großer Aufwand - vertan. CARLA RHODEIn der Lupe 2

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