Zeitung Heute : Abrahams Reise

Der Eskimo kam mit seiner Familie 1880 aus den eisigen Weiten Kanadas. Er ließ sich anheuern – für Geld und aus Neugierde. Er landete im Berliner Zoo. Jetzt wird sein Tagebuch veröffentlicht.

Beate Hagen

Das Wasser des kleinen Teiches im Zoologischen Garten war schon gefroren. Wenn Abraham mit seinem Kajak darauf fahren wollte, musste er erst das Eis aufschlagen. Die feuchte Kälte des frühen Berliner Winters kroch unter seinen dicken Seehundfell-Parka, und obwohl der Mann aus dem Norden Labradors sehr viel niedrigere Temperaturen gewöhnt war, fröstelte er. „Wir leiden häufig unter Erkältungen, ständig läuft meine Nase“, notierte Abraham der Inuit, wie sich die Eskimos selber nennen, Anfang November 1880 in sein Tagebuch, „wir sind oft krank in Berlin, haben sehr viel Heimweh und vermissen unser Land, unsere Verwandten und unsere Kirche“.

Knapp sechs Wochen vorher war der Schoner „Eisbär“ in den Hamburger Hafen eingelaufen. An Bord des Segelschiffes befanden sich zwei Inuit-Familien aus Labrador, samt ihren Schlittenhunden und Gerätschaften. Der norwegische Seefahrer und Kaufmann Adrian Jacobsen war im Sommer 1880 im Auftrag des Hamburger Tierhändlers und Zoodirektors Carl Hagenbeck die Küsten Grönlands und Labradors entlang gefahren, um nach „Eskimos“ Ausschau zu halten, die bereit waren, mit ihm nach Europa zu kommen. Es war die Zeit der „Völkerschauen“ in den Zoos der großen europäischen Städte, und Hagenbeck brauchte Nachschub für seinen neu gegründeten Hamburger Zoo.

In Hebron, einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine im Norden Labradors, wurde Jacobsen schließlich fündig. Trotz der eindringlichen Warnung der deutschen Missionare, nicht dem Werben des Norwegers nachzugeben und sich wie wilde Tiere im Zoo ausstellen zu lassen, entschlossen sich zwei Familien mitzukommen: der tiefgläubige, christlich getaufte Abraham, dessen Ehefrau Ulrike und jugendlicher Neffe Tobias samt den beiden kleinen Töchtern des Paares, Sara und Maria. Die zweite Familie hatte keine christlichen Namen angenommen, ihr gehörte Terrianiak an, ein Schamane aus dem hohen Norden der Halbinsel, dessen Ehefrau, die Schamanin Paingo, und Noggasak, die jugendliche Tochter des Paares.

Über die abenteuerliche Reise der acht Inuit nach Europa, die fünf Monate später ein tragisches Ende nahm, schrieb der 35-jährige Abraham ein Tagebuch, das jetzt von dem Greifswalder Professor für Kanadistik Hartmut Lutz und seinen Studenten bearbeitet und vom kanadischen Verlag University of Ottawa Press unter dem Titel „The Diary of Abraham Ulrikab“ in englischer Sprache herausgegeben worden ist. Hinweise auf die Existenz des Tagebuchs hatte Lutz während eines Forschungsjahrs in Kanada bekommen, der Text lag allerdings einige tausend Kilometer weiter südlich: im Herrnhuter Missionsarchiv in Bethlehem, Pennsylvania. Die leidvolle Geschichte der Inuit, für Lutz „ein trauriges Dokument deutsch-kanadischer Beziehungen im ausgehenden 19. Jahrhundert“, soll demnächst im Verlag Von der Linden auch in deutscher Sprache erscheinen.

„Ich war mir nicht sicher, ob ich alle meine Schulden und die meines Vaters zurückzahlen könnte, und ich dachte, dies sei eine Chance, sie zu begleichen“, schrieb Abraham über seine Beweggründe, die Heimat zu verlassen. Drei Schillinge für jeden Mann, zwei für jede Frau und einen für jedes Kind am Tag hatte Jacobsen seinen „Exoten“ versprochen. Doch es war auch die Neugierde. Die Missionare der Brüdergemeine, einer evangelischen Freikirche deutschen Ursprungs, hatten viel über die Schönheiten Europas erzählt, und Abraham hatte sich schon lange gewünscht, dies alles einmal zu sehen.

Der kurze Aufenthalt im Hamburger Zoo ließ Abraham noch hoffen, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Herr Hagenbeck hat viel Gutes für uns getan“, berichtete er, „er gab uns Betten und für mich eine Violine und Musik.“ Doch schon auf der zweiten Station der Reise, im Zoologischen Garten in Berlin, begann Abraham, seinen Entschluss zu bereuen. „Berlin ist nicht schön, weil es hier so viele Menschen und Bäume gibt und so viele Kinder. Die Luft summt ständig vom vielen Hin- und Herlaufen und Fahren, es donnert Tag und Nacht vom Rattern der Schlitten (Kutschen) und von den Stimmen der Dampfpfeifen“, klagte Abraham.

Sie spazierten in ihren schweren Inuit-Trachten vor ihren selbst gebauten Hütten hin und her, unterhielten sich, fuhren mit dem Kajak und dem Hundeschlitten oder zeigten den Umgang mit der Seehund-Harpune, dem Gewehr und der Hundepeitsche. Eine der größten Attraktionen war die „Seehundjagd“: Tobias wickelte sich in ein Fell ein und imitierte den Seehund, Terrianiak den Jäger. Sobald der Seehund auf Schussweite herangekommen war, donnerte das Gewehr und der Seehund war getroffen. Terrianiak band ein Seil um das erlegte Tier und zog es zu seiner Hütte, wo schon die Frau, Kinder und Freunde auf ihn warteten.

Das Berliner Publikum war begeistert, es „klatschte wie die Eiderenten mit den Händen“, schrieb Abraham amüsiert. Vom 2. Oktober, dem Tag der Ankunft der Gruppe in Berlin, bis zu ihrer Abfahrt am 14. November 1880 hatten 16 000 Menschen die Schau der „Eskimos“ im Zoologischen Garten gesehen. Neugierige Menschenmassen, vor allem Kinder, belagerten die Häuser der beiden Familien und drängten sich hinein, so dass es auch Jacobsen, der die Inuit als eine Art Aufpasser begleitete, oft zu viel wurde. „Jedes Mal, wenn unser Herr die Menschen hinausgeworfen hat, kommen wieder andere, die ihre Plätze einnehmen, es ist nicht mehr möglich, sich zu bewegen“, klagte Abraham. Die Leckereien, „alles mögliche zu Essen und große Früchte“, die die Berliner den vermeintlichen Wilden als Belohnung für die Darbietungen zusteckten, waren als Abwechslung von den eintönigen Mahlzeiten willkommen.

Auch die Berichterstatter in den Zeitungen überschlugen sich. Begeistert schrieb die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung – Berlin“ über die Seehundjagd im Zoologischen Garten, über die außerordentliche Freundlichkeit, mit der Tobias den Kindern begegnete, über die Panik, in die die Eisbären des Zoos beim Anblick ihrer „natürlichen Feinde“, der Eskimos, ausbrachen und über die „Furcht der Wilden“ vor den Löwen und Tigern des Zoos. Im „Ersten Deutschen Vereins-Magazin“ machte das Berliner Bekleidungsgeschäft „Goldene 110“ Reklame mit den Eskimos, indem es sich über „die unmodernen Seehundfelle“ belustigte. Für den Berichterstatter der „Frankfurter Nachrichten“ waren es einfach nur Kinder, die sich dort präsentierten.

Doch es gab auch nachdenkliche Töne. In der „Magdeburgischen Zeitung“ schrieb ein Redakteur mit dem Kürzel J. P.: „Allein diese Menschenkinder, diese Ebenbilder Gottes, wenn’s erlaubt ist, zu sagen, so mitten hinein in die zoologischen Gärten als Ausstellungsobjecte zu bringen, daß scheint uns der Wissenschaft und der Lehre vom Menschen und seinem eigentlichen Wesen ganz und gar nicht zu entsprechen. Sollen diese interessanten Menschenexemplare nun schon einmal ausgestellt werden, dann müsste uns schon das Gefühl für Rassenanstand davor bewahren, unseres Gleichen in Thiergärten sehen zu lassen.“

Den Organisatoren der „Völkerschauen“ waren solche Bedenken fremd. Im kolonialen Europa des 19. Jahrhunderts hatte man damit begonnen, sich für die so genannten unzivilisierten Völker außerhalb Europas zu interessieren, und es wurde zur Mode, nicht nur die exotische Tier-, sondern auch die Menschenwelt zusammen mit ethnografischen Sammlungen in den Zoos zur Schau zu stellen. Als sich das deutsche Kaiserreich nach 1871 anschickte, auf die Weltbühne zu treten und eine Kolonialmacht zu werden, konnte man auch in den deutschen Zoos „lebende Exponate“ in „typischen Szenen“ beobachten.

Marktführer war der Hamburger Hagenbeck. Er organisierte zwischen 1874 bis zu seinem Tod 1913 etwa 60 Völkerschauen, die Palette reichte von australischen Aborigines, die mit dem Bumerang warfen, bis hin zur spektakulären Wild-West-Show der Oglala-Sioux. Das Geschäft mit den „lebenden Exponaten“ boomte, denn nicht nur die vielen neugierigen Zoobesucher bezahlten gut für den kolonialen Blick auf die fremden Völker, sondern auch die Wissenschaft.

Für die junge Anthropologie und Ethnologie entsprach die Präsentation im zoologischen Garten der damals gültigen Auffassung, die den „Primitiven“ auf einer Stufe zwischen den Primaten und den Europäern sah. Auch der Arzt Rudolf Virchow, der der führende Kopf in beiden Wissenschaften in Deutschland war, nahm daran keinen Anstoß. In der von Virchow herausgegebenen „Zeitschrift für Ethnologie“ verteidigte er die Völkerschau vehement. „Diese Menschenvorstellungen sind sehr interessant, für Jeden, der sich einigermassen klar werden will über die Entwicklung, welche das Menschengeschlecht durchmessen hat“, schrieb Virchow. Deshalb wolle er auch Hagenbeck danken und ihn bitten, „in der Weise fortzufahren, wie er es bisher zum grössten Nutzen der anthropologischen Wissenschaft gethan hat“.

Ende Oktober verfielen Terrianiak und seine Familie in tiefe Schwermut. „Unsere Mitmenschen haben aufgehört, fröhlich zu sein, weil sie müde geworden sind von den vielen Menschen“, schrieb Abraham in sein Tagebuch. Die vielen aufdringlichen Zuschauer und der Lärm wurden für die Inuit, die die stille Einsamkeit des Nordens gewöhnt waren, zur Qual. Die Einladung eines Berliner Mitgliedes der Herrnhuter Mission, mit der Abraham im ständigen Kontakt stand, musste er schweren Herzens absagen, weil er sich nicht mehr nach draußen traute. „Bei Tage hinauszugehen, ist unmöglich, wegen der vielen Menschen, weil wir völlig von ihnen eingeschlossen werden, von den vielen, sehr verschiedenen Gesichtern“ notierte er in sein Tagebuch. Immer wieder wurde er gebeten, seinen Namen zu schreiben, aber die vielen Stimmen, die „sich immer gegenseitig selbst wegnehmen“, irritierten ihn. Und mit keinem dieser „rücksichtslosen Menschen“ könne man über Jesus sprechen, schrieb er weiter.

Als Tortur müssen die Inuit auch die Untersuchungen empfunden haben, die Virchow an ihnen vornahm. Als er die Schamanin Paingo vermessen wollte, deren „vollständig heidnische“ Familie er für besonders geeignet hielt, „die primitive Beschaffenheit dieser Bevölkerung kennen zu lernen“, widersetzte sich die Frau. Ganz der wissenschaftlichen Objektivität verpflichtet, reagierte er mit Unverständnis. „Während ich die Klafterlänge feststellen wollte und ihre Arme horizontal ausstreckte, was ihr wohl im Leben noch nicht vorgekommen war, bekam sie plötzlich den Anfall: sie huschte mir unter dem Arm durch und begann in dem Zimmer umher zu arbeiten in einer Aufregung und in einer Weise, wie ich das noch niemals gesehen habe. Anfangs hatte ich die Vorstellung, es würde daraus ein hysterischer Krampfanfall sich entwickeln, aber es stellte sich bald heraus, dass absolut kein körperlicher Krampf, nichts somatisch Krankhaftes eintrat; vielmehr spielte sich das Ganze ab wie ein psychischer Krampf, dem vergleichbar, was Leute in den höchsten Zornausbrüchen leisten“, schrieb er in seiner Zeitschrift.

Für die Menschen aus Labrador wurde die Situation immer bedrückender. „Das Essen hier ist nicht gut. Trockenes Brot haben wir genug, wir bekommen auch Fisch, aber am meisten vermissen wir Seehundfleisch“, klagte Abraham. Einzige Lichtblicke in all der Traurigkeit: ein Gottesdienst bei der Berliner Brüdergemeine und ein Besuch in einem Wachsfigurenkabinett. „Es dauert noch so lange, bis dieses Jahr vorüber ist, weil wir so gern wieder in unser Land zurückkehren möchten. Wir können hier nicht für immer bleiben“, schrieb Abraham. Doch die Reise ging weiter. Von Berlin nach Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris.

Am 14. Dezember 1880 starb Noggasak, dann schnell hintereinander Paingo, Sara, Maria, Tobias und Terrianiak. Abraham folgte am 13. Januar 1881, seine Frau als Letzte der Gruppe drei Tage später. Jacobsen hatte es versäumt, seine Schützlinge gegen Pocken impfen zu lassen. Zu spät hatten die Ärzte am geschwollenen Körper Noggasaks die Krankheit diagnostiziert. Und zu spät hatte Jacobsen nach dem Tod des Mädchens noch versucht, das Versäumte nachzuholen. Das große Abenteuer, das zivilisierte Europa, hatte alle acht Menschen des Nordens das Leben gekostet.

Der letzte Tagebucheintrag Abrahams liest sich wie ein Gebet: „Ich sehne mich nicht nach irdischen Besitztümern, alles, wonach ich mich sehne ist: meine Verwandten wiederzusehen. Ich bin Abraham, der Mann Ulrikes. Der Herr sei mit Euch allen! Amen.“

Nach dem Tod „seiner Eskimos“ schlug Jacobsen das Gewissen. Er machte sich Vorwürfe, ob er tatsächlich „diese armen, tapferen Menschen“ in den Tod getrieben habe, „gerade als wir anfingen, uns gegenseitig gern zu haben“, schrieb er in sein Tagebuch. Das Tagebuch Abrahams schickte er in die Missionsstation nach Hebron, wo es der Missionar Bruder Kretschmer aus dem Inuktitut – der Sprache der Eskimos – ins Deutsche übertrug. Als einziges Zeugnis eines Betroffenen aus der dunklen Zeit der Völkerschauen und als erster autobiografischer Text eines Inuit. Die Mission wurde 1959 geschlossen, die Abschrift gelangte nach Pennsylvania, das Original ist verschollen.

Jacobsens Auftraggeber, Carl Hagenbeck, der „Erfinder“ der gitterlosen Freigehege für Tiere, holte noch bis 1910 „wilde“ Völker nach Deutschland und ließ sie in Zoos ausstellen. In seinen 1909 veröffentlichten Memoiren findet sich kein Wort über die tragische Geschichte von Abraham und dessen Landsleuten aus dem fernen Labrador.

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