Zeitung Heute : Abschied auf Amerikanisch

Enttäuscht und begeistert – Dan Coats hegt gegensätzliche Gefühle für Deutschland. Hier war er am 11. September und während des Irak-Kriegs US-Botschafter

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Die Basketbälle sind wie Magneten. Kaum hat der Botschafter einen in die Menge geworfen, klebt eine Traube von kleinen Jungen daran. Dan Coats hat das Jackett ausgezogen, er steht vor dem Gymnasium Carolinum in Neustrelitz, mitten zwischen den tobenden Kindern. Dann schnappt sich seine Frau Marsha einen der von ihrem Mann signierten Bälle und trifft im ersten Anlauf den Korb. Großer Jubel. Der sportliche Coats überragt seine zierliche Frau um Einiges, aber beiden gemeinsam ist die unkomplizierte, sehr amerikanische Offenheit im Umgang mit anderen Menschen.

Zum letzten Mal macht der 61jährige Botschafter aus den USA seine Tour an ostdeutschen Schulen. Ende Februar, nach dem Besuch von Präsident Bush in Deutschland, läuft seine Amtszeit aus. Seit eineinhalb Jahren ist Coats immer wieder durch die Neuen Bundesländer gereist, um die Vorstellungen der Jugendlichen dort kennen zu lernen, ihnen Bücher über die USA nahe zu bringen und über die amerikanische Kultur zu reden. Es ging ihm darum, Vorurteile abzubauen. Im Carolinum jedoch scheint das kaum nötig zu sein. Wie er Hände schüttelnd an ausgestreckten Autogrammblocks vorbeiläuft, fühlt man sich an Szenen aus dem amerikanischen Wahlkampf erinnert.

Niemals hätte er einen so fabelhaften Empfang im Osten Deutschlands, in der ehemaligen DDR, erwartet, sagt Coats. „Ich werde das nie vergessen.“ Er ist überrascht, nicht nur von Neustrelitz.

Als George W. Bush zum ersten Mal Präsident wurde, galt Dan Coats als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Verteidigungsministers. Dann aber machte Donald Rumsfeld das Rennen, und der Präsident bat Coats, den Botschafterposten in Deutschland zu übernehmen. Nach 18 Jahren im Kongress und Senat kannte Coats, Rechtsanwalt, Mitbegründer der sozial engagierten „mitfühlenden Konservativen“ und früher Senator von Indiana, zwar das Politikgeschäft in allen Facetten, aber nicht die Diplomatie. „Wir konnten ja auch die Sprache überhaupt nicht“, sagt seine Frau. Dan Coats hat von Anfang an gesagt, dass er mit seiner Frau, die früher Lehrerin war, im Team arbeiten will. Bei manchen Terminen vertrat sie ihn mit viel Charme, konnte früher Reden auf Deutsch halten als er. Am 7. September 2001 traf das Paar in Berlin ein. Als der neue Botschafter am Nachmittag des 11. September vor den Fernseher gerufen wurde, war ihm klar, dass seine diplomatische Lehrzeit schon nach vier Tagen beendet war.

Es folgten jede Menge Überraschungen. Die überwältigende Woge des Mitgefühls nach den Anschlägen hatte er nicht erwartet. An den Barrikaden vor der Botschaft stapelten sich Blumen und Beileidsbekundungen. Das hat ihn tief berührt. Ernsthaft enttäuscht hat ihn die deutsche Haltung zum Irak-Krieg. „Ich dachte, wie kann ein Freund einem Freund das antun, selbst wenn man unterschiedlicher Meinung ist“, sagt er. Dass er angesichts der Nachkriegsfreundschaft zwischen den USA und Deutschland so etwas ausgerechnet in Berlin erleben würde, hat ihn nachhaltig verwundert. Auch Marsha Coats fragte sich bei manchen Demonstrationen und besonders aggressiven Aussagen von Schülern, wie es um die Freundschaft zwischen beiden Ländern eigentlich bestellt sei.

Doch Coats war viel zu lange Politiker, um mit solchen Enttäuschungen nicht fertig zu werden. Zudem, das versichern Marsha und Dan Coats immer wieder an diesem Tag in Neustrelitz, sie auch viele „wundervolle Erinnerungen mitnehmen“. Ihre privaten Erfahrungen überlagern am Ende alles Politische. Als sie am Anfang all den Sicherheitsleuten gegenüberstand, die sie künftig bewachen sollten, hat Marsha Coats zwar erstmal einen Schreck bekommen. Und die deutsche Liebe zu Regulierungen, etwa die Notwendigkeit, zum Golfspielen eine Genehmigung zu erwerben und den Müll zu trennen, hat ihr einigen Anekdotenstoff für daheim geliefert. Aber dann haben die beiden gute Freunde gefunden.

Als er nach Deutschland kam, haben viele Zeitungen darüber berichtet, wie er gegen die Zulassung von Homosexuellen in die US-Armee gekämpft hatte. Fand er die Demonstranten beim alljährlichen Berliner Christopher Street Day gewö hnungsbedürftig? „Berlin ist wirklich eine sehr tolerante Stadt“, sagt er lächelnd. Bei der politischen Initiative damals sei es nur um die militärische Effektivität gegangen, sagt er. In den USA aber folgten damals heftige Auseinandersetzung um die Diskriminierung von Homosexuellen in der Armee und große Demonstrationen für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Homosexuellen.

Und der Kommunismus, welches Bild hat er davon in Deutschland gewonnen? Hat die Begegnung mit PDS-Politikern seinen, in Amerika verbreiteten, Unwillen über die Wählerstimmen für die SED-Nachfolgepartei besänftigt? „Besä nftigt ist das falsche Wort“, antwortet er diplomatisch. „Sagen wir, meine Sichtweise hat sich geweitet.“

Das Klassenzimmer, in dem die Carolinum-Schüler die „Question and Answer Session“ mit dem Botschafter und seiner Frau abhalten, ist mit Blumen geschmückt, auf Tellern liegen Plätzchen, die, wie man den Gästen erzählt, „Amerikaner“ genannt werden. Was macht so ein Botschafter eigentlich? Wo kann man in den USA gut Jura studieren? Die Schüler fangen harmlos an. Doch irgendwann kommen sie, freundlich, aber bestimmt, zur Sache. Iran? Kyoto? Gelassen antwortet der Botschafter, man habe Bushs Äußerungen zum Iran nicht richtig gelesen, natürlich könne man bestimmte Optionen nicht von vornherein vom Tisch wischen, weil das den diplomatischen Bemühungen schade. „Denken Sie nur an den Kalten Krieg.“ Und was Kyoto betreffe, sei er der Ansicht, dass man den Klimaschutz besser vorantreibe, indem man ökonomisches Wachstum zulasse. So werde schließlich das Geld für den Klimaschutz verdient.

Es ist jetzt schon spät, und Coats ist heiser vom vielen Reden. Gleich muss er weiter nach Greifswald. Insgesamt hat er im Rahmen dieses Begegnungsprogramms schon 125 Schulen besucht. Er hat Deutschland sehr schätzen gelernt auf diesen Reisen. Nach der Rückkehr in die USA wird er Ende Februar in sein neues Haus nach Virginia, direkt in den Großraum Washington ziehen, in die Nähe von Kindern und Enkelkindern. Von da aus möchte er mal mit seiner Frau nach Frankfurt fliegen und inkognito drei Wochen durch Deutschland reisen. Er war sehr überrascht von der landschaftlichen Vielseitigkeit, war auf Sylt, Rügen und Usedom, im Schwarzwald und auf den Spuren der Römer am Rhein unterwegs.

„Am Reformationstag in der Kirche in Wittenberg zu sitzen, mit Blick auf die Tür, wo Martin Luther seine Thesen angeschlagen hat, das ist für einen Protestanten wie mich ein sehr besonderes, sehr emotionales Erlebnis.“ Es gab andere kulturelle Erlebnisse, die tiefen Eindruck hinterlassen haben: Da, wo Bach einst gewirkt hat, seiner Musik und dem Thomanerchor zu lauschen. So, wie Coats redet, hat man plötzlich das Gefühl, das eigene Land nicht genug zu schätzen. Die Deutschen, hat Marsha Coats zu den Schülern gesagt, tendierten immer zu der Frage: „Was kann alles schief gehen?“ Amerikaner dagegen fragten eher: „Was kann alles gut gehen?“

Am Anfang ihrer Zeit in Deutschland haben sich Marsha und Dan Coats darüber gewundert, dass die Kirchen hierzulande so leer sind. Inzwischen hat Dan Coats eine Antwort gefunden: „Ganz Europa befindet sich in einer fast postchristlichen Phase“, sagt er. Er findet das schade, da der Glaube doch wichtig für das moralische Fundament einer Gesellschaft sei: „Es ist schwierig für Gesellschaften, einen Zusammenhalt zu finden, wenn sie kein gemeinsames Erbe an Werten haben. “ Und außerdem resultierten doch großartige Dinge aus dem Glauben: etwa „das Wissen, dass letztendlich das Gute über das Böse triumphiert“.

Deutschland ist kein fremdes Land mehr für ihn. Wie wichtig Austausch und persönliche Begegnungen sind, hat er in den letzten dreieinhalb Jahren erfahren. Zurück in den USA wird er Brücken nach Deutschland schlagen – ob als Politiker, als Berater oder Geschäftsmann sagt er noch nicht. Aber eine Frage, beantwortet er, ohne eine Sekunde zu zögern. Werden die Deutschen in ihm künftig einen zusätzlichen Botschafter in den USA haben? „Absolutely“, sagt er. „Unbedingt.“

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