Zeitung Heute : Abschied von Anna und ihrem Clan

Unter dem Motto "Abschied der Skulpturengalerie von Dahlem und Aufbruch ins Bodemuseum" lädt Arne Effenberger, Direktor der Skulpturensammlung, am 6.Juli ein.Ein Tag der Vorträge, Gespräche mit Wissenschaftlern und Restauratoren und einem Programm für Kinder: Ton kneten und Drachen bauen als erste plastische Übung.Außerdem findet seit Mai alle 14 Tage sonntags eine Führung statt. Zu zweit standen wir an einem solchen Sonntag vor der 1989 erworbenen Marmorgruppe des Geschwisterpaares Biblis und Caunus, die in keinem mythologischen Lexikon zu finden sind.Das ist kein Wunder, denn als der niederländische Bildhauer Laurent Delvaux um 1740 das Motiv aufgriff, so erfahren wir von dem jungen Kunststudenten Jarmuschek, blendete er über die antike Ikonographie von Amor und Psyche eine Geschichte Ovids von verbotener Geschwisterliebe.Ihm kam es auf den Moment der Erkenntnis und der erschreckten Abwendung des Bruders von seiner Schwester an, um in der Zeit der Aufklärung die Ratio an die Stelle der Empfindung zu rücken. Die Ruhe zwischen den Skulpturen täuscht.Ihre Geschichte ist nicht statisch.Doch die Entdeckung der unterschiedlichen Bedeutungen setzt ein Weiterfragen aus der Gegenwart voraus.Dann erst wird Kunst nicht nur als ästhetische "Norm", sondern als "Summe historischer, religiöser und moralischer Erfahrungen" begreifbar, wie der frühere Direktor Peter Bloch wünschte. Als die Skulpturensammlung das letzte Mal in Kisten verpackt wurde - 1939 auf der Museumsinsel, um sie vor den Bomben des Krieges zu schützen -, dauerte es 27 Jahre bis zu ihrer Wiederaufstellung.Wenn sie am 31.Juli in Dahlem schließt, werden Madonnen und Göttinnen voraussichtlich schon nach knapp zwei Jahren im Bodemuseum wieder aus ihren Klimakisten befreit.Über drei Jahrzehnte galt die Aufstellung in den sogenannten Neubauteilen I und II in Dahlem als Provisorium, lange mit der Perspektive, in einen Neubau am Kulturforum umzuziehen.Erst 1996 wurde dieser Plan zugunsten einer Rückkehr auf die Museumsinsel aufgegeben. Mehr als die Malerei ist die Geschichte der Skulptur im Museum von einer funktionalen Umwertung der Werke geprägt.Mit der Renaissance begann die Herauslösung von sakralen Figuren aus dem kirchlichen Kontext, doch erst Wilhelm von Bode hob die mittelalterlichen Bildwerke in einen Rang, der dem der Renaissance-Bildhauer gleichkam.Mit dieser romantischen Rückwendung zum Mittelalter begann eine deutsche Kunstgeschichtsschreibung. 1885 wurde Bode Direktor der seit zwei Jahren selbständigen "Abteilung der Bildwerke der christlichen Epochen", für die er bald die Evangelisten von Riemenschneider erwerben konnte.Die zeitlichen Grenzen der Sammlung, die im 1904 gebauten Kaiser-Friedrich-Museum eigene Räume erhielt, reichten von der Ära Konstantins des Großen, um die frühchristlich-byzantinischen Werke mit zu erfassen, bis zur Französischen Revolution.Darüber hinaus auch Skulpturen des 19.Jahrhunderts einzubeziehen, den Klassizismus und Historismus aus der Generation der Museumsgründer, versuchte erst Peter Bloch.Nach seinem Tod gab die Galerie im Zuge der Neuordnung der Museen dieses Gebiet wieder an die Nationalgalerie ab.So blieb die Skulpturensammlung von einem Kosmos geprägt, in dem Kunst in einem verbindlichen religiösen oder gesellschaftlichen Rahmen entstand. Mit Bodes Aufwertung von Romantik und Gotik wurden die Alpen zu einer wichtigen Grenze der Kunsttopographie.Quattrocento und Renaissance, Italien und Spanien bildeten die südlichen Kunstgefilde.1930 wurde die Skulpturensammlung um das "Deutsche Museum" in einem Flügel des Pergamon-Museums erweitert, das auch die Skulpturen aus den Niederlanden, England und Frankreich beheimatete.Heute mutet diese Gliederung wie eine Ankündigung des übersteigerten Nationalgefühls an.Bis 1939 dauerte die Glanzzeit der Skulpturensammlung in beiden Häusern auf der Insel. Als Peter Metz, der erste Direktor nach dem Krieg, 1966 die Aufstellung der von der Auslagerung nach West-Berlin zurückgekehrten Plastiken in Dahlem vorbereitete, stellte er die Kunst als Zeugnis der Geschichte emphatisch gegen eine technikdominierte Gegenwart.Die "Urerfahrung des Plastischen" schien ihm eine letzte Chance, in einer Zeit des "abstrakten Denkens und Agierens" die lebendige Erfahrung zurückzugewinnen.Sein Konzept für das Museum war das eines nüchternen "Leergehäuses" mit hohen Fenstern für Seitenlicht und einer Quadratrasterung für mobile Wände.In dieser "dienenden" Architektur konnte er den Raum für die Kunstwerke nach ihrer "Strahlkraft" bemessen. Heute haben Konzept und Architektur der sechziger Jahre ausgedient, wie Oberkustos Hartmut Krohm feststellt.Nicht nur Schwitzwasser setzte dem Haus in Dahlem zu, die Thermofenster sind blind geworden und die Flachdächer undicht.Vor allem aber entspricht der Verzicht auf jede architektonische Andeutung des ursprünglichen Werk-Kontextes nicht mehr den gegenwärtigen Sehbedürfnissen. Krohm, der an der Technischen Universität einen Lehrstuhl für Skulptur des Mittelalters innehat, bedauert das Verschwinden einer Empfänglichkeit für die Plastik.Die Mittelalterrenaissance, die den Buchmarkt überschwemmte, erreichte das Museum nicht.Die festgefügte Sammlung verweigert sich dem schnellen Programmwechsel.Skulpturen brauchen ihre eigene Zeit; und die brachten immer weniger Besucher nach Dahlem mit. In all den Jahrzehnten dort hat die Museumsregie aus der Tatsache, daß die "Bildwerke christlicher Epochen" zwischen völkerkundlichen Abteilungen und den Museen für Indische, Ostasiatische und Islamische Kunst saßen, nie einen kritischen Funken zu schlagen gewußt.Das Nebeneinander lud zu einer Überwindung von Fachgrenzen ein; wahrgenommen wurde sie nicht.Heute, da in der Kunstwissenschaft die Ausgrenzung anderer Kulturen zum Problem geworden ist und die Kritik am Eurozentrismus sie in wilde Flirts mit dem Exotischen stürzt, scheinen die Verwalter der Berliner Kunstschätze nur froh, endlich wieder zu jener musealen Ordnung zurückkehren zu können, die am Anfang des Jahrhunderts als Ideal entwickelt wurde. Schon allein der Publikumszulauf der Museumsinsel erscheint als unschlagbarer Standortvorteil.Vor allem für das geschichtsgeladene Ambiente des Bode-Museums, das von allen Häusern auf der Insel am wenigsten zerstört wurde, nimmt man eine Reduzierung der Ausstellungsfläche in Kauf.So wird man im März 1999 im Untergeschoß neben der ägyptischen Sammlung mit den frühchristlich-byzantinischen Werken und der mittelalterlichen Kunst beginnen.Für kleinere Einheiten von Renaissance und Barock hofft die Skulpturengalerie Asyl an anderen Standorten zu finden, bis das Raumprogramm weiter ausgearbeitet ist.Im Ulmer Museum oder in Colmar sind schon jetzt Berliner Leihgaben in einen sinnvollen regionalen Kontext integriert. In Dahlem bleiben die Depots, in deren Studiensammlungen es enger werden wird.Kurz läßt Hartmut Krohm in die Räume bliêken, in denen die Heiligen dicht gedrängt warten: auf Studenten, Forschungsgelder oder Mittel für die Restaurierung.Lange schon zeigt hier eine Madonna mit Fingern aus Papier auf ihr Herz: das Holz unter der farblichen Fassung zerfällt fast zu Mehl.Drei, vier Jahre würde einen Restaurator die Wiederherstellung mit einer schonenden Methode kosten und Geld, das nicht da ist. Hierhin wird wohl auch die "Familie der Heiligen Anna" verbannt, die zum Beispiel nicht mit in die Schausammlung umzieht.Auf dem Baldachin des um 1500 in Schlesien entstandenen Gruppenbildes tummeln sich die drei Ehemänner der Anna und ihre Schwiegersöhne, während sie selbst mit ihren drei Töchtern Mariae auf der mittleren Bühne sitzt.Jesus ist in dieser Genealogie einer von sieben Enkeln, die zwischen den Frauen spielen.Wer sich mit diesem Clan unterhalten möchte, muß sich beeilen. Termine der Führungen: 29.Juni, 14 Uhr 30: Der sogenannte Liebesgarten, Relief von Loy Hering, um 1520; 6.Juli, 10 Uhr 30 bis 16 Uhr 30: Abschiedsfest; 13.Juli, 14 Uhr 30: Der Große Kurfürst als Adam, Sündenfallgruppe des Barockbildhauers Leonhard Kern; 27.Juli, 14 Uhr 30: Italienische Bronzen der Renaissance.

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