Zeitung Heute : Abschied von der Ideologie - SPD und CDU suchen nach Lösungen

Uwe Schlicht

Noch nie war die Zeit so günstig wie heute, sich fern von aller Ideologie der Schul- und Hochschulreform zuzuwenden. Die beiden großen Parteien, SPD und CDU, sind auf dem Wege, allen ideologischen Ballast, der die Bildungsdebatten der Vergangenheit belastet hat, über Bord zu werfen.

Wer die bildungspolitischen Leitlinien, die Bundeskanzler Kohl auf dem Kongress der SPD in Bonn vorgetragen hat, mit dem Grundsatzpapier der CDU vergleicht, das die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan am gleichen Tag in Berlin vorstellte, erkennt die Aufbruchstimmung. Alte Streitfragen, welche Partei die bessere Schulpolitik vertritt - die CDU mit ihrem Festhalten an dem gegliederten Schulsystem mit Hauptschule, Realschule, Gymnasien und beruflichen Schulen oder die SPD mit ihrer These, eigentlich sei die integrierte Gesamtschule die beste Lösung - stehen nicht mehr in Vordergrund. Auch der in den letzten Jahren entbrannte Streit, ob die Schulzeit bis zum Abitur 12 oder 13 Jahre dauern soll, löst sich pragmatisch auf: Jedenfalls konnte sich die CDU seit 1993 mit dieser Forderung bei den eigenen Kultusministern nicht durchsetzten. Die Ausnahme waren die von der CDU regierten Länder Sachsen und Thüringen. Auch die SPD hat längst damit begonnen, über Modelle der Verkürzung nachzudenken. Zwölfeinhalb Jahre bis zum Abitur stehen zum Beispiel in Sachsen-Anhalt und Brandenburg zur Debatte. Jetzt hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Bildungskongress der SPD für die zwölfjährige Variante eingesetzt.

Immer mehr Länder werden demnächst parallel den zwölf- und den dreizehnjährigen Weg bis zum Abitur anbieten. Das allein schon deswegen, weil es schwierig ist, angesichts der bis an die Grenze des Möglichen ausgereizten Studentafeln und der Wissensexplosion eine Verkürzung ohne Niveauverlust zu organisieren. Es gibt nach wie vor nur drei Wege: Entweder holt man das halbe oder ganze Jahr durch eine Verdichtung in der Mittelstufe (der Sekundarstufe I) heraus oder in der Oberstufe oder in beiden Bereichen. Wie auch immer: Die Durchlässigkeit von Haupt- und Realschulen oder Gesamtschulen zu den Gymnasien wünschen beide Parteien. Sie wird durch eine solche Verdichtung erschwert. Schließlich fällt in die Übergangsphase von Grundschule zur Sekundarstufe die Pubertät - ein Lebenseinschnitt ohnegleichen, der viele Schüler so aus der Bahn werfen kann, dass sie zeitweilig von der Konzentration auf das Lernen abgelenkt werden. Zwangsläufig entstehen dadurch Varianten, die auch künftig den 13-jährigen Weg zum Abitur nicht ausschließen. Sachsen und Thüringen bieten dafür Beispiele.

Der Streit über die Frage, ob es wichtigere und weniger wichtige Fächer in den Schulen gibt, dürfte in Zukunft keine ausschlaggebende Rolle mehr spielen. Die alte Idee von 1972, die gymnasiale Oberstufe sollte nach der Auflösung eines verbindlichen Kanons für die Allgemeinbildung von einer prinzipiellen Gleichberechtigung aller Fächer ausgehen, hat sich schon seit längerem verflüchtigt. Die Wahlfreiheit für die Oberstufenschüler wurde schrittweise eingegrenzt. CDU und SPD bekennen sich heute, jedenfalls unzweideutig in der Ausdeutung durch Bundeskanzler Schröder, zu Kernfächern und Schlüsselkompetenzen. Das wird Folgen für die gymnasiale Oberstufe haben. Die Kernfächer sind Deutsch, Englisch, Mathematik, Geschichte und mindestens eine Naturwissenschaft. Bundeskanzler Schröder und Annette Schavan treten dafür ein, dass jetzt auch die Naturwissenschaften bis zum Schulschluss durchgehend unterrichtet werden. Das ist eine Folge der international vergleichenden Leistungsuntersuchungen unter dem Stichwort TIMSS, die den deutschen Schülern in Mathe und Naturwissenschaften nur durchschnittliche Leistungen bescheinigt haben. Gerade erst ermittelten die Arbeitgeber, wie unterschiedlich heute noch die Wahl der Leistungskurse in Mathematik und Naturwissenschaften in den Ländern ausfällt.

Auch in der Werteerziehung sind die Unterschiede zwischen der CDU und der Haltung des Bundeskanzlers gering. Schröder bekennt sich zum Religionsunterricht als ordentlichem Schulfach und zum Alternativangebot Ethik. Das ist bei der CDU nicht anders. Der Streit in Berlin um die Frage, ob der Religionsunterricht weiter ohne Zensurenbindung ein Schattendasein führen soll, mutet schon jetzt wie ein Nachhutgefecht an.

Befreiung von enger Aufsicht

CDU und SPD stimmen überein, dass die Schulen mehr Eigenverantwortung für das pädagogische Profil übernehmen sollen. Eigene Schwerpunkte, die Orientierung am lokalen Umfeld sind die Folgen. Dass mehr Autonomie für die Schulen auf der anderen Seite Rechenschaft und Evaluation nach sich ziehen, ist logisch. Differenzen gibt es zwischen beiden Partien lediglich in der Frage, ob aus dem Zuwachs an Autonomie für die einzelne Schule zentrale Vorgaben für die schriftlichen Abschlussprüfungen folgen, wie sie in Bayern, Sachsen und Thüringen üblich sind. Die CDU ist dafür, die SPD propagiert eher die dezentralen Prüfungen.

Der alte Streit, ob die Bildungsexpansion zu weit gegangen ist und das Streben nach Chancengleichheit die Standards verwischt hat, wird verblassen. Was die CDU in ihr Grundsatzpapier schreibt, könnte genauso gut die SPD formulieren: "Bildung und Erziehung sind Wege des sozialen Ausgleichs. Niemand darf wegen seiner Herkunft von der kulturellen Teilhabe durch Bildung ausgeschlossen werden." Natürlich spielte die Frage, ob die Bildungsexpansion überzogen ist, eine Rolle bei der Talfahrt des Bafög. Auch diese wollen beide Parteien beenden.

Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft

Die CDU bezeichnet die Bildung als "Schlüssel für individuelle Lebenschancen und Motor für gesellschaftliche Entwicklung". Sie bekennt sich klar zur herausragenden Bedeutung von Bildung und Wissenschaft beim Übergang zur Wissensgesellschaft. Diese Auffassung teilt auch die SPD. Das hat sich bereits im Wissenschaftsrat abgezeichnet, als sich die Kultusminister, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zur CDU oder SPD, dazu bekannten, künftig 30 Prozent eines Jahrgangs an den Hochschulen auszubilden. Damit waren alle bisherigen Befürchtungen vor einem akademischen Proletariat vom Tisch. Dieses Bekenntnis zur notwendigen akademischen Massenausbildung war die Grundlage für die Konzeption einer großen Hochschulreform des Wissenschaftsrats: Die Massen der Studenten sollen künftig nach einem drei- oder vierjährigen Studium mit dem Bachelor in die Berufe wechseln, und nur noch eine Minderheit der Besten - im Gespräch sind 20 bis 30 Prozent - werden nach dem ersten Hochschulabschluss direkt zum Masterstudium zugelassen. Die radikale Verkürzung aller Qualifikationszeiten - der Hochschulabschluß mit 25 Jahren, die Erstberufung zum Professor mit 35 statt heute mit 40 Jahren - wird von den Ländern unterstützt. Auch die Internationalisierung der Studiengänge mit den neuen Abschlüssen Bachelor und Master steht bundesweit auf der Agenda.

Dass sich der Staat von einer Lenkung durch Einzelanweisungen zurückzieht und den Hochschulen mehr Autonomie gewährt, zeichnet sich bereits seit längerem in den neuen Hochschulgesetzen ab. Die Hochschulen können wegen des Teilrückzugs des Staates aus der Bildungsfinanzierung nicht mehr das gesamte Fächerspektrum anbieten. Die Folge werden Profilhochschulen sein. Die Gleichheit der Universitäten erweist sich immer mehr als Fiktion. Die Gewährung von mehr Autonomie ist die eine Seite der Medaille - Rechenschaft und Evaluation sind die Kehrseite. Auch darin stimmen CDU und SPD überein.

In den Ländern erproben Hochschulen und Regierungen neue Formen der Kooperation: Hochschulverträge und Zielvereinbarungen werden von der CDU wie auch in aufgeschlossenen Ländern unter einer rotgrünen Regierung ausgehandelt. Beispiele sind Berlin, Baden-Württemberg und Hamburg. Der Grundsatz Geld gegen Reformen dürfte sich immer stärker durchsetzen.

Die alten Streitfragen, ob die Gruppenuniversität die angemessene Form der Mitbestimmung an den Hochschulen darstellt (SPD) oder eine möglichst große Mehrheit der Professoren (CDU) die beste Lösung bietet, treten in den Hintergrund. Heute wird darüber diskutiert, wie man den Blick von außen stärker in die Hochschulen holen kann, um den Reformstau zu überwinden. Das ist die Stunde der Hochschulräte, in die herausragende Persönlichkeiten aus der Wissenschaft, Politik und Wirtschaft berufen werden, um über strategische Fragen der Hochschulentwicklung im Interesse der Region und des jeweiligen Landes mitzuentscheiden. Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg gehen hier voran.

Von daher ist es kein Wunder, dass der Wettbewerb zwischen den Hochschulen für CDU und SPD in den Vordergrund rückt. Die große Dienstrechts- und Besoldungsreform für die Hochschulen, vor allem für die Professoren, wird von CDU, SPD, FDP und den Grünen unterstützt. Das hat Folgen: Der einst so starke Einfluss von Interessengruppen schwindet rapide. In dem Augenblick, da alle Parteien die Bildungspolitik als Schwerpunkt wieder entdecken, verlieren die GEW auf der linken Seite, der Philologenverband und der Hochschulverband auf der konservativen Seite an Gewicht.

Die Kultusminister bremsen nicht mehr

Der neue Pragmatismus hat viele Väter: Die Kultusminister, lange als Bremser der Reformen verschrieen, haben sich für mehr Offenheit und Wettbewerb unter den Länder um die besten Lösungen entschieden. Innerhalb eines Jahres wurden in diesem Geiste wegweisende Entscheidungen in der Schul- und Hochschulpolitik getroffen. Das hat es dem Wissenschaftsrat erleichtert, für sein Konzept einer großen Hochschulreform die notwendige Untertützung zu finden. Auch die Hochschulrektorenkonferenz, früher ein Gremium, das auf staatliche Reformvorschläge lediglich reagierte, hat sich mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) einen Think tank geschaffen, der Aufsehen erregende Reformvorschläge unterbreitet hat. Dahinter steht auch die Bertelsmann Stiftung, die das CHE mitfinanziert. Die Bertelsmann Stiftung hat dem ehemaligen Bundespräsident Roman Herzog geholfen, Bildungsfachleute aus unterschiedlichsten Richtungen und Parteien für gemeinsame Lösungen zu gewinnen. Auch die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung hat zu den Reformimpulsen beigetragen.

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