Zeitung Heute : Abschied von der Kreide

HOLGER SCHLÖSSER

"Multimedia" lautet das Zauberwort, das aus gelangweilten Schülern kreative Schöpfer machen soll.Doch vor lauter Technik haben pädagogische Aspekte vielerorts erst einmal das Nachsehen.Auf der "MachMedia", einer Fachtagung für Pädagogen, die vom 11.bis zum 13.Juni im Kinder- und Jugendlichenfreizeitzentrum Wuhlheide FEZ in Berlin stattfand, wurde wenig über den Sinn und Unsinn elektronischer Lernhilfen gestritten.Stattdessen rückten Konzepte für den Einsatz von Video, Computer und Internet in Schule und Jugendclub in den Vordergrund.

Für eine Verknüpfung von Sinnenreich und Cyberspace plädierte der Vorsitzende der Bundesvereinigung Kulturelle Bildung, Wolfgang Zacharias, in seinem Vortrag.Besonders außerhalb der Schule sollte auf die Veränderung der Lern- und Arbeitswelt durch die neuen Medien reagiert werden.Neben angemessenen Zugängen und Produktionsmöglichkeiten dürften die Bezüge zu realen, sinnlich-künstlerischen Erfahrungen nicht zu kurz kommen.Wie das in der Praxis auszusehen habe, konnte jedoch auch der Münchner Pädagoge nicht konkretisieren.Die Auskunft, man solle "die Arbeit am Computer und das Spielen mit Sand" ermöglichen, mußte den etwa 200 Teilnehmern der Veranstaltung genügen.

Der Frage, welche Fähigkeiten Kinder und Jugendliche in der neuen Medienwelt benötigen, ging der Erziehungswissenschaftler Stefan Aufenanger nach.Neben Fertigkeiten der Analyse und Kritik von Medien, benötigten Kinder auch eine starke Persönlichkeit."Selbstbewußte Menschen gehen besser mit Medien um", sagte Aufenanger.Zudem sollten die Bedürfnisse der Kids mehr Beachtung finden.Dem Hamburger Wissenschaftler gehen viele Lehrer zu wenig auf die Medienwelten der Schüler ein.Man sollte gewalttätige Zeichentrickserien wie "Power Rangers" nicht pauschal ablehnen, sondern sich vielmehr fragen, "was finden die Kids daran gut?"

Die Praxis neuer pädagogischer Konzepte und andere Formen des Unterrichts wurden in den nachfolgenden Workshops vorgestellt.Mit dem gerade anlaufenden und vom Deutschen-Forschungsnetz-Verein (DFN) geförderten Projekt "Promt" wird ein Multimedia-Server aufgebaut, der die Medienarbeit von Kindern und Jugendlichen unterstützen soll.Fünf Landesbildstellen werden zu diesem Zweck über 2MB-Leitungen vernetzt und bieten beispielsweise Musik, Geräusche, Bilder und Videos an, die von den Teilnehmern für eigene Projekte frei genutzt werden können.Die fertigen Produkte könnten nach Vorstellung Günter Thieles von der Landesbildstelle Berlin analog zum Offenen Kanal über den Server publiziert werden.

Daß es auch ohne teure Hightech-Geräte pädagogisch sinnvoll zugehen kann, zeigte die Medienwerkstatt Helliwood, an der sechs Schulen aus Berlin-Hellersdorf teilnehmen.Hier können Jugendliche mit Hilfe des Internets zum Beispiel Fremdsprachenkenntnisse trainieren."Wir müssen erst einmal sehen, was wir mit Lowtech machen können", sagte Thomas Schmidt von der Medienwerkstatt in Anspielung auf teure Vorzeige-Projekte."Die Kids brauchen zum Chatten im Internet kein Videobild, das geht alles im Kopf ab." Und ganz nebenbei lernen die Schüler das neue Medium kennen.

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