Abschied : Wer ist Ottmar Hitzfeld?

Sein Spitzname war einmal „General“. Dabei ist er keiner, der befiehlt. Er überzeugt – mit Ehrlichkeit. Das macht ihn meisterhaft. Und meisterlich. Demnächst trainiert er die Fußballnationalmannschaft der Schweiz.

Helmut Schümann
FC Bayern Muenchen - Hertha BSC Berlin
Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld weint während seiner Verabschiedung. -Foto: ddp

WAS MACHT OTTMAR HITZFELD SO MEISTERHAFT?

Ein Wort, eine Eigenschaft: Ehrlichkeit. Hitzfeld ist ehrlich, womit er allein schon in einer Branche, die Schaum schlägt wie sonst nur die DSDS-Jury, herausragt. Gewiss, mitunter lässt er sich auch schon mal zur klamaukigen Geste hinreißen, das heißt: überreden. Zum Beispiel 1995, als er in Dortmund die Meisterschaft feierte und mit Pickelhaube auf dem Kopf und dicker Zigarre im Mund eine Bergmannskapelle zu „Alte Kameraden“ dirigierte. Oder vor zwei Wochen, als er dem Pulk nicht entfloh, in dem seine Bayern – lustig, lustig – das Bier gallonenweise verschütteten. Nur gefällt es ihm nicht, weil es Show ist, und Show, die kommt ihm nicht ehrlich vor. Die Pickelhaube hat ihm übrigens lange Zeit den Beinamen „General“ eingebracht. Ein Titel, der falscher nicht sein kann. Hitzfeld hat nichts Generalistisches, Hitzfeld befiehlt nicht, er überzeugt. Mit Konsequenz, mit Anstand, nicht aktionistisch, sondern aufs große Projekt bezogen. Und kann man sich einen besseren Moderator vorstellen? Nein, kann man nicht, Dissens in seinen Mannschaften, Disharmonie zwischen all seinen Weltstars, hat es nie gegeben, Hitzfeld verbindet, und wenn man ihn beim Einzelgespräch mit seinen Spielern auf dem Trainingsplatz beobachtet (damals, als das noch möglich war beim FC Bayern), dann fällt auf, dass er den Spielern dabei in die Augen schaut. Die verbreitete Lehre sieht so aus, dass der Spieler einherzuschreiten hat neben dem Trainer, der zu Boden schaut und die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Hitzfeld schaut auf, schaut an, er respektiert. Und wenn, was mitunter nötig ist in den sensiblen Gefilden einer Fußballmannschaft, auch mal der Schlendrian vertrieben werden muss, dann legt sich Hitzfeld nicht mit den vielen Möchtegern-Alphamännlein an, sondern mit den Alphatieren. In Dortmund hat das Matthias Sammer seinerzeit zu spüren bekommen, in München zuletzt der Alpha-King-Kahn, weil er der Weihnachtsfeier ungebührlich kurz seine Ehre erwies. Es bleibt jedoch nie etwas nach, Kahn zahlte seine Strafe und pries Hitzfeld ohne Arg oder Häme. Und weil Hitzfeld darüber hinaus noch über einen großen Fußball-Sachverstand verfügt, eine Mannschaft nach den Fähigkeiten ihrer Individuen bauen kann wie kaum ein Zweiter, währt in seinem Fall Ehrlichkeit tatsächlich am längsten. Und deswegen ist Ottmar Hitzfeld so meisterhaft. Und meisterlich. Die Bilanz als Trainer: In der Schweiz zwei Meisterschaften, in Deutschland zwei Meisterschaften mit Borussia Dortmund, einen Triumph in der Champions League, mit Bayern München fünf Meisterschaften, einen Pokalsieg, einen Champions-League-Sieg, und den Weltpokal gewann er auch.

WELCHES VERHÄLTNIS HAT ER ZU DEN BAYERN?

Es ist auf jeden Fall nicht eindimensional. Hitzfeld, der ehemalige Mathematiklehrer, hat ein hervorragendes Gedächtnis. Für Gespräche und Interviews, selbst wenn sie Jahre zurückliegen, er kennt ihren Wortlaut. Und eben auch für Tritte vor sein Schienbein, für verbale Blutgrätschen. Den KarlHeinz Rummenigge, den hat er sich auf alle Zeiten gemerkt, nicht erst seit dessen Stichelei inmitten der nun zu Ende gegangenen Saison. Den hat er schon auf dem Zettel mit den Personen, die nie mehr seine Freunde werden, seit Rummenigge damals, 2006, nachtrat und ihn mit den Vorwürfen, die Mannschaft sei körperlich nicht fit, alles sei eingefahren und überhaupt, alles nicht mehr zeitgemäß von dannen trieb. Es sollte dann der große Zampano Felix Magath die Moderne starten beim FC Bayern. Na ja, und als das nicht gelang, da musste eben Hitzfeld wieder her. Und dass er kam, verdankt der FC Bayern dem Manager Uli Hoeneß. Den kennt er noch als Spieler, Hoeneß und Hitzfeld standen in der Olympiamannschaft von 1972. Und mit dem verbindet ihn eine Art Seelenverwandschaft. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, hier der akribische Mathematiker, ein Denker und Planer, dort der sanguinische Hoeneß, der dem Hitzfeld schon mal die Luft wegdrückt beim Torjubel und dessen inzwischen dicker Bauch immer zuerst redet, bevor der Verstand nachlegt. Aber in einem Punkt, dem entscheidenden treffen sie sich: bei der Ehrlichkeit. Bleibt noch der hausinterne, der ewige Zampano, der Beckenbauerfranz. Jo mei, würde der Hitzfeld sagen, wenn er mit dessen Zunge reden würde, der Franz halt. Der tut ihm nichts, der gibt ihm nichts, der ist ihm alles in allem zu genialistisch, zu wenig konkret, heute hü, morgen hott, das ist wohl nichts für einen, obwohl doch in Lörrach am Bodensee geborenen Preußen. Immerhin, im Handicap auf dem Golfplatz nähern sie sich langsam. Der Beckenbauer hat ein verdammt niedriges Handicap.

ER WIRKTE OFT GETRIEBEN. HAT ER NUN SEINEN FRIEDEN MIT SICH GEMACHT?

„Ich bin dort Trainer beim FC Bayern, ich habe den Auftrag, Erfolg einzufahren, also muss ich kämpfen, mehr als je zuvor, in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft, fatal wäre es zu glauben, man hätte immer alles im Griff, man muss ständig die Augen offen haben, man muss sich ständig konzentrieren, Kampf bedeutet, vorbereitet ins Training zu fahren, Kampf bedeutet, die Mechanismen innerhalb der Mannschaft zu beobachten“ ...und so weiter klang es aus Ottmar Hitzfeld in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“. Das war im Jahr 2002, und die Interviewer waren stark versucht, den Arzt zu rufen. Da war er wieder, der Ottmar Hitzfeld, den schon in seiner Dortmunder Zeit der Stress zum Magengeschwür gejagt hat, der mit verzerrten Gesichtszügen auf der Bank saß und die Falten im Gesicht Gräben waren. Ein Gehetzter, ein Getriebener, der zum Lachen keine Zeit hatte und unter jedem Grashalm – und so ein Fußballplatz hat eine Menge Grashalme – eine Intrige witterte. Das war auch diese Haltung, dieser Krampf, in dem Hitzfeld – Jahre ist es her – dieser Ausrutscher unterlief, bei dem er sich in bester Midlifecrisis eine lächerliche Affäre mit einer viel zu jungen Dame leistete.

Zeitsprung: 2007, noch jung war die Saison. Draußen hatte kurz zuvor Franck Ribery seine Tänzchen getanzt, hatte Luca Toni mit der Ohrmuschel gewackelt, wie er es immer tut, nachdem er getroffen hat, hatten die Bayern mal wieder vorgeführt, wie schön Fußball sein kann, wenn man ihn kann. Da schlenderte Hitzfeld durch die weiten Gänge der stolzen Arena zu München, er hatte die Hände in den Hosentaschen, den leichten Übergangsmantel über die Schulter geworfen, er lächelte. „Ja“, sagte er, „das macht schon Spaß.“ Und es war ihm anzusehen, dass er den täglichen Kampf nicht mehr kämpfen muss. Gestern weinte er vor seinem letzten Spiel.

WAS HAT ER NOCH VOR?

Die Schweizer Nationalmannschaft trainieren. Ein alter Wunsch, den er lange hintenangestellt hat, so lange, wie er noch die große Welt des Fußballs genießen wollte. In der hat er alles gesehen, nun geht er quasi heim. So ein Bodenseeanrainer hat ja per se eine große Liebe zum benachbarten Bergvolk. Als Spieler war er in Basel, Lugano und Luzern. Als Trainer in Zug, in Aarau und Zürich. Als Trainer der Nati, wie die Auswahl hinter und zwischen den Bergen genannt wird, hat er zwei Möglichkeiten. Wahrscheinlich ist, dass er sie stark machen wird, und stark heißt für die Schweiz, dass sie alle Qualifikationen für große Turniere schafft. Er wird junge Spieler aussuchen, sie aufbauen, zusammen- bauen, gut möglich, dass Ottmar Hitzfeld den Grundstein legt für einen gewaltigen Aufschwung des kleinen Schweizer Fußballs. Die andere Möglichkeit? „Weißt du“, sagte er kürzlich einem ebenfalls in der Schweiz ansässigem Freund, „und wenn es nicht klappt, und wenn ich scheitern sollte, dann gehe ich eben Golf spielen. Und dann spazieren wir um den Zürichsee und erzählen uns die alten Geschichten von damals.“

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