Zeitung Heute : Abschwung mit Ankündigung

Wirtschaftsexperten hoffen auf ein schnelles Ende des Irak-Konfliktes – damit die Weltkonjunktur nicht noch stärker einbricht. Die hohen Kosten des Krieges werden das US-Wachstum bremsen. Deutschland könnte sogar in die Rezession stürzen

Carsten Brönstrup

Der Angriff der US-Truppen auf den Irak könnte die Krise der Weltwirtschaft weiter vertiefen. Zwar begrüßen die Händler an den Finanz- und Rohstoffmärkten erst einmal das Ende der weltpolitischen Unsicherheit. Konjunkturforscher befürchten jedoch als Folge des Krieges einen erneuten Abschwung – und für Deutschland gar eine eue Rezession.

Schuld daran ist nicht nur die Angst vor Terror-Anschlägen. Auch die enormen Kosten für den Krieg und den Wiederaufbau des Irak könnten Kräfte binden. Denn dies würde die Konjunkturlokomotive USA bremsen. „Je länger der militärische Konflikt dauert, desto stärker belastet er die amerikanische Wirtschaft“, warnt Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA).

Nach dem globalen Abschwung, der seit drei Jahren anhaltenden Börsen- und Vertrauenskrise sowie den Al-Qaida-Attacken seit September 2001 ist der Irak-Krieg nun eine neue, schwere Belastung für die Weltkonjunktur. Wie schlimm die wirtschaftlichen Konsequenzen sein werden, hängt entscheidend von der Dauer des Konfliktes ab. Derzeit beruhigt die Wirtschaftsexperten allein die Aussicht auf ein schnelles Kriegsende. Die US-Beratungs- und Analysefirma Global Insight glaubt, dass das Szenario eines nur zwei Monate dauernden Krieges, bei dem nicht mehr als 1000 US-Soldaten den Tod finden, mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent eintritt. Alle anderen Szenarien über eine länger anhaltende Auseinandersetzung seien angesichts der amerikanischen Überlegenheit unwahrscheinlich, erwarten die Fachleute. Das schnelle Kriegsende wird laut einer Studie von Global Insight eine „positive Dynamik“ auf den Weltmärkten schaffen. Denn der Ölpreis werde dann im Jahresschnitt nicht über 25,30 Dollar pro Barrel steigen, und Verbraucher und Unternehmen dürften bald wieder Mut zu neuem Konsum und Investitionen fassen.

Aber selbst in diesem Fall bleibt die Sorge um die ökonomische Stärke Amerikas. Die Schätzungen über die Kosten des Irak-Krieges schwanken enorm – zwischen 50 und 100 Milliarden Dollar, plus bis zu 100 Milliarden Dollar für den anschließenden Wiederaufbau des Landes. Dabei ist jetzt schon klar, dass der US-Staatshaushalt in diesem Jahr mit einem Minus von rund 300 Milliarden Dollar abschließen wird. Eine zu hohe Schuldenaufnahme Washingtons könnte die Finanzmärkte aber belasten, so dass Anleger ihr Geld lieber in anderen Ländern investieren und somit dort für Wachstum sorgen, argwöhnen Händler.

Fehlt der US-Wirtschaft aber die Kraft, wie in den vergangenen Jahren andere Volkswirtschaften mitzureißen, sieht es auch für das stark exportorientierte Deutschland schlecht aus. Ohnehin stagniert das Bruttoinlandsprodukt zwischen Rhein und Oder seit mehreren Monaten. „Nun rächt sich, dass wir unsere Strukturprobleme noch nicht im Griff haben“, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Bliebe der Ölpreis entgegen den Erwartungen doch für mehrere Monate über der Marke von 35 Dollar und gewänne der Euro weiter an Wert, kostete das 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte von der Wachstumsrate, hat der Rat der fünf Wirtschaftsweisen ausgerechnet – keine guten Perspektiven für dieses Jahr. „Vor dem Hintergrund unseres derzeit eher mickrigen Wachstums bedeutet das ganz klar Rezession“, befindet Wolfgang Wiegard, Chef des Sachverständigenrates. Dann würde auch der zuletzt gestiegene Optimismus in den Unternehmen schnell verfliegen.

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