Abseits der Touren : Kilometer 11, 8

Viele der kleinen und kleinsten Bühnen der Hauptstadt geht es vor allem darum, ihren Kiez mit Kultur zu versorgen. Nicht angebunden, aber eingebunden: die Bühnen ohne Bus-Shuttle-Service.

Auch mit der ausgefeiltesten Logistik ist es einfach nicht zu schaffen, alle 68 Bühnen, die sich diesmal an der „Langen Nacht der Opern und Theater“ beteiligen, unter einen Hut zu bekommen. Oder genauer gesagt, sie in eine der sieben Touren einzubinden, auf denen die Bus-Shuttles die Neugierigen durch die Stadt kutschieren werden.

Neben dem Zimmertheater Steglitz (das im nebenstehenden Artikel vorgestellt wird) gehören fünf weitere Institutionen zu den „Externen“: die Ufa-Fabrik, das Theater auf der Zitadelle, das Kleine Theater am Südwestkorso, das Zimmertheater Karlshorst sowie das Dokumentartheater Berlin. Den Wettbewerb um die größte Entfernung vom „Lange Nacht“-Startpunkt am Brandenburger Tor gewinnt dabei eindeutig die Spandauer Bühne: 11,8 Kilometer weit wäre die Anreise ab Pariser Platz. Zu den Karlshorster Künstlern gelangt man dagegen bereits nach 10, 7 Kilometern – wenn man sich natürlich in entgegengesetzter Richtung auf den Weg macht.

Da Berlin eine dezentrale Stadt mit vielen Zentren ist, kennt die Kulturszene nicht wirklich einen unverrückbaren Mittelpunkt (auch wenn Claus Peymann das vermutlich anders sieht). Viele der kleinen und kleinsten Bühnen der Hauptstadt geht es vor allem darum, ihren Kiez mit Kultur zu versorgen. Dabei kann es allerdings im Idealfall auch mal zu überregional beachteten Erfolgen kommen. So ein Coup gelang dem Kleinen Theater am Südwestkorso mit dem Stück „Das Küssen macht so gut wie kein Geräusch“, das hier mehr als 1000 Mal über die Mini-Bühne ging. So manchen Sturm hat die 1973 gegründete Bühne schon bestanden. Bei der „Langen Nacht“ sind die beiden ästhetischen Pole zu erleben, zwischen denen sich das Programm bewegt: zum einen das Marlene-Dietrich-Monodram „Der graue Engel“ von Moritz Rinke, zum anderen die Schlager-Revue „Oh, wann kommst du?“ mit Hits von den Sechzigern bis zu den Achtzigern.

Die Zitadelle Spandau hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der beliebtesten Berliner Event-Locations für Rockkonzerte entwickelt. Doch hier wird auch Theater gespielt, und zwar schon seit 14 Jahren. Wie vielfältig sich Marionetten und Puppen künstlerisch einsetzen lassen, soll am 10. April auf vier verschiedenen Bühnen erlebbar werden, mit Ausschnitten aus Stücken für Kinder wie auch für Erwachsene.

In Konkurrenz zum Tim Burton und seinem aktuellen Kinohit tritt das englischsprachige Playtypus-Theater auf dem Gelände der Ufa-Fabrik: Hier wird nämlich um 17 und 19 Uhr „Alice im Wunderland“ gespielt, allerdings in einer ganz speziellen Version, bei der drei durchgeknallte Clowns Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker in die Hände bekommen.

Während die Ufa-Fabrik seit über 30 Jahren zu den festen Größen der lokalen Off-Kulturszene gehört, steht das Dokumentartheater Berlin nicht im hellen Licht der Öffentlichkeit. Was auch daran liegen mag, dass die 40 Mitglieder des Ensembles im Untergrund auftreten, in einem Bunkerkomplex, der sich über drei Kilometer unter Berlins Mitte erstreckt. Wer zur „Langen Nacht“ in der Brunnenstraße 105 hinabsteigt, kann in der beklemmenden Atmosphäre des Betonlabyrinths ein Stück über das bittere Schicksal sowjetischer Zwangsarbeiter im Nazi-Deutschland erleben.

Ein Hauch Abschied schließlich liegt über dem Zimmertheater Karlshorst, das sich demnächst aus der Treskowallee verabschieden muss, weil das Gebäude bis 2011 renoviert wird. Die vor 19 Jahren aus dem Berliner Lehrerensemble hervorgegangene Truppe nimmt’s kabarettistisch und bietet den Besuchern der „Langen Nacht“ Lieder und Sprüche aus Spree-Athen, Gedanken zum 20. Jubiläum des Mauerfalls sowie – unter dem Titel „(W)ehe man(n) sich ihr ergibt“ – einen Eheberater an. F. H.

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