Zeitung Heute : Abseits vom Schützengraben

Die Fotografien im Krimkrieg dienten als Vorlagen für traditionelle Militärgemälde

Jens Hinrichsen

Das Tal der Todesschatten gibt Rätsel auf. Auf zwei Bildern vom 23. April 1855 liegen russische Kanonenkugeln herum, die über britische Stellungen hinausgeflogen sind. Der Unterschied: auf einem Bild sind die Kugeln bloß in den Graben gerollt, auf dem anderen scheinen zwei Dutzend davon mit Wucht auf der Straße eingeschlagen zu sein. Hat sich der britische Fotopionier Roger Fenton wirklich in unmittelbare Gefahr begeben? Oder hat er die Geschosse zu dramaturgischen Zwecken auf der Piste drapiert? Darüber wird noch heute gestritten.

Überhaupt schwer einzuschätzen ist die Rolle des blutjungen Mediums Fotografie im Krimkrieg, der 1854 bis 1856 von Frankreich, England und der Türkei gegen Russland geführt wurde. Es handelt sich unbestritten um den ersten Medienkrieg. Zum Prototypen des unbestechlichen Kriegsreporters wurde damals aber kein Fotograf, sondern der „Times"-Korrespondent W. H. Russell, dessen kritische Berichte zum Sturz der englischen Regierung führten. Verlustreich war dieser Krieg, aber auch lehrreich, er ist eng verknüpft mir der Reform des britischen Lazarettwesens und mit dem Namen Florence Nightingale. Mit ihm zerbrach auch Russlands „Heilige Allianz" mit Österreich und Preußen, obwohl beide sich weitgehend aus dem Kampf herausgehalten hatten. Die guten Beziehungen Berlin – St. Petersburg bröckelten trotzdem. Ganz am Ende der Ausstellung „Macht und Freundschaft“ werden die berühmten Bilder gezeigt, die Engländer auf der Krim fotografierten.

Roger Fenton (1819 - 1869), Mitbegründer der „Royal Photographic Society“ und erster Hoffotograf Queen Victorias, wurde von einem Londoner Druck- und Verlagshaus in den Krieg geschickt. Nicht, um Schlachtfelder mit verstümmelten Leichen abzulichten, derartiges war in der britischen Öffentlichkeit nicht gefragt. Es wäre verfehlt, ihn als ersten Bildreporter in einem Krieg zu bezeichnen, hatte er doch die Aufgabe, topografische Ansichten der Kriegsschauplätze und Portraits britischer Soldaten herzustellen. Diese eigneten sich bestens als Vorlagen für traditionelle Militärgemälde. In der Ausstellung wird eine von Fenton in Szene gesetzte Figurengruppe gezeigt, bestehend aus einer Marketenderin, die einen angeblich verwundeten Infanteristen pflegt. Solche gestellten Situationen tauchten dann in Historiengemälden wie „The Allied Generals Before Sewastopol“ (Thomas J. Barker, 1856) wieder auf. „Die ehemals autonome, schrittmachende Historienmalerei,“ schreibt der Medienwissenschaftler Ulrich Keller hierzu, „ist hier in völlige Abhängigkeit von der Kamera geraten, wird überhaupt nur noch insofern gebraucht, als das fotografische Verfahren technisch noch nicht ausgereift ist.“

In der Tat: Fenton und sein Assistent, auf der Krim unterwegs in einer Dunkelkammerkutsche, hatten erhebliche fototechnische Schwierigkeiten zu meistern. Der handliche Rollfilm war noch nicht erfunden, Fenton setzte sogenannte Nasskollodium-Platten ein, die immerhin eine Belichtungszeit von zehn Sekunden ermöglichten. Die Technologie schränkte die Flexibilität der Pioniere ein, weil die Glasplatten in einem Arbeitsgang beschichtet, belichtet und entwickelt werden mussten. Vermutlich kam beides zusammen: technische Limitierungen einerseits und Fentons Auftrag andererseits, den beunruhigenden Schilderungen der „Times" mit gemäßigten Bildern – leere Schlachtfelder, stillstehende Soldaten – zu begegnen. Mit Fenton trat erstmals auch die „absolute“ Wahrheit des Bildapparates gegen die „nur geschriebene“ Wahrheit der Presse an. Merkwürdig bloß, dass die Kamera kaum von den Schrecken kündete, die jeder Krieg mit sich bringt.

Das änderte sich im Sommer 1855, als Fenton an Cholera erkrankte und von James Robertson (1830 – 1888) ersetzt wurde. Allein dessen Foto der Werft von Sewastopol, im November 1855 aufgenommen, zeigt ein Ausmaß an Zerstörung, das sein nach London zurückgereister Kollege wohl nicht hätte abbilden wollen. Paradoxerweise gebührt Fentons „Valley of the Shadow of Death“ das Privileg, sich als Inkunabel des modernen Stellungskriegs ins kollektive Gedächtnis eingeprägt zu haben. Der Fotograf habe die Kanonenkugeln auf die Straße gelegt, behaupten die einen. Andere vermuten, dass die Szenerie echt ist und dass die Kugeln zwecks „Recycling“ von Kanonieren aufgesammelt wurden. In dem Fall wäre die leere Straße als zweites aufgenommen worden. Möglich. Dass Fotos nicht zu trauen ist, lehrt uns der Krimkrieg so oder so. Wahr ist aber auch, dass in den nachfolgenden (Medien-)Kriegen mit weit mehr Kalkül und Raffinesse gefälscht worden ist. Jens Hinrichsen

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