Zeitung Heute : Abstieg auf Raten

Es geht abwärts mit der Wirtschaft in Amerika. Wie würde sich eine Rezession auf die Weltökonomie auswirken?

Moritz Döbler
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Das böse R-Wort ist in den Markt zurückgekehrt: Mit Beginn der Bilanzsaison in den USA geht nach Jahren des Aufschwungs die Furcht vor einer Rezession um. Definiert wird dieser Albtraum der Wirtschaft als mindestens zwei aufeinander folgende Quartale mit schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt. Die tatsächlichen Daten kommen indes stets Wochen nach Ende des jeweiligen Quartals, so dass man Gewissheit erst hat, wenn die Rezession schon längst begonnen hat.

Deswegen ist die Nervosität an den Aktienmärkten derzeit so groß: Wer jetzt die Entwicklung der Wirtschaft falsch einschätzt, wird fürchterlich baden gehen. Hilfe von der Wissenschaft brauchen Händler, Investoren und Manager nicht zu erwarten. So schwierig Konjunkturprognosen ohnehin sind, am schwierigsten sind sie, wenn ein neuer Zyklus beginnt. So lagen fast alle Ökonomen falsch, als die deutsche Wirtschaft vor zwei Jahren aus der Stagnation in den Aufschwung stolperte. Jeder weiß zwar, dass es bis zum Gipfel aufwärts und danach abwärts geht, niemand weiß aber vorher exakt, wie lang diese Zyklen sind.

Die Angst betrifft zunächst Amerika. Selbst Präsident George W. Bush spricht bereits ungewohnt deutlich von „Sorge bezüglich der Wirtschaftsentwicklung“, wenn er sich auch unbeeindruckt geriert: „Unsere Wirtschaft hat die Schocks noch immer weggesteckt.“ Die Investmentbank Goldman Sachs sagt eine Rezession voraus: Im zweiten und dritten Quartal werde die Wirtschaftsleistung um je ein Prozent schrumpfen. „Eine Rezession in den USA kann in dem bevorstehenden Jahr nicht ausgeschlossen werden“, heißt es auch in dem Globalen Risiko-Report, den das Weltwirtschaftsforum am Mittwoch zwei Wochen vor seiner Jahrestagung in Davos vorgelegt hat. Die Wahrscheinlichkeit habe durch die Immobilienkrise zweifellos zugenommen, aber unklar sei, wie das die globale Wirtschaft treffen würde. Die Weltbank geht davon aus, dass die Rezessionsgefahr in den USA die Weltwirtschaft kaum belastet. Das robuste Wachstum in Schwellenländern werde das globale Wachstum 2008 bei 3,3 Prozent stabilisieren, was nur etwas weniger als die 3,6 Prozent des alten Jahres wären.

„Die starke Importnachfrage bei Entwicklungsländern hilft, das weltweite Wachstum zu stützen“, sagt der niederländische Volkswirt Hans Timmer, einer der Verfasser des am Mittwoch vorgelegten Weltbankberichts. Als Folge des billigen Dollars wüchsen die amerikanischen Exporte schnell. „Das hilft, das derzeitige amerikanische Leistungsbilanzdefizit zu vermindern, und es trägt dazu bei, weltweite Ungleichgewichte zu verringern.“

Wenn Amerika hustet, bekommt der Rest der Welt Grippe: So lief es mindestens im gesamten 20. Jahrhundert. Dass es jetzt anders sein könnte, ist die große Hoffnung in Deutschland. Gespeist wird sie von dem Umstand, dass der Handel mit boomenden Schwellenländern wie China und Indien den hiesigen Aufschwung trägt. Denn Maschinen „made in Germany“ laufen in aller Welt bestens.

Darum ist Deutschland nach Einschätzung des Statistischen Bundesamts noch Exportweltmeister. Bereits in den ersten elf Monaten des alten Jahres – die Daten wurden am Mittwoch vorgelegt – verkauften deutsche Firmen Waren im Wert von 895,7 Milliarden Euro ins Ausland und damit mehr als im gesamten Jahr zuvor. China dürfte Deutschland in diesem oder im nächsten Jahr aber überholen.

Nur verstellt die Titelfrage den Blick: Die Exportzahlen für November zeigen, dass fast zwei Drittel der ausgeführten Waren in EU-Länder gehen, und hier haben die Exporte um 9,5 Prozent zugelegt, während sie in den gesamten Rest der Welt um 6,6 Prozent geschrumpft sind. „Das Tempo verlangsamt sich, weil die Wirtschaft in den USA langsamer wächst und der starke Euro bremst“, sagt Matthias Rubisch von der Commerzbank.

Bleibt die bange Hoffnung, dass die Binnennachfrage den Aufschwung sichert. Die ebenfalls am Mittwoch veröffentlichten Einzelhandelsumsätze des alten Jahres geben aber keine Anzeichen in diese Richtung. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes liegt der Umsatz dieser Branche bis zu ein Prozent unter dem des Vorjahrs. Preisbereinigt könnte es sogar ein Minus von 1,8 Prozent werden.

Ein Alarmzeichen: Nach drei Jahren mit Zuwächsen ist 2007 das erste Jahr mit geschrumpften Umsätzen. Dazu hat sicher die höhere Mehrwertsteuer beigetragen, aber eindeutig ausschließen kann niemand, dass solche enttäuschenden Daten schon Vorboten eines Abschwungs, gar einer Rezession sind. In zwei bis drei Quartalen weiß man mehr. Die Märkte jedenfalls setzen auf Sicherheit: Gold, die Fluchtwährung, ist teuer wie nie zuvor.

Und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) senkte die Wachstumsprognose fürs neue Jahr am Mittwoch schon mal leicht: 1,8 bis 1,9 Prozent seien es, nicht 2,0 Prozent wie bisher erwartet.

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