Zeitung Heute : Abstinenz üben

Sonja Niemann

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Ich hatte in diesem Jahr nur einen einzigen Neujahrsvorsatz. Es sollte etwas Einfaches, Qualfreies sein. Ich wollte den Januar hindurch keinen Alkohol trinken. Einfach, oder? Ich trinke keineswegs jeden Tag. Ich habe nicht das Verlangen nach der Flasche Whisky, wenn ich diesen melancholischen Song im Radio höre. Das letzte Mal, dass ich mir nach mehreren Mai Tais eine Pappkrone aus einer Becks-Sixpack-Umhüllung aufgesetzt, ein lustiges Lied gesungen und einem Kollegen in den Nacken gebissen habe, ist auch schon länger her. Ich trinke ab und an ein Glas Wein zum Essen, ein, zwei Bier mit Freunden am Feierabend. Ich bin eine Durchschnittssozialtrinkerin. Und ich wollte einfach mal ausprobieren, ob es einen Monat ganz ohne geht.

Bin ich froh, dass jetzt Februar ist.

Kaum etwas ist sozial derart sanktioniert wie die Abstinenz. Es ist völlig okay, in der Kneipe eine Weißweinschorle zu bestellen und sich sechs Stunden daran festzuhalten. Aber wenn man sich gleich zu Anfang eine Cola („Krank? Schwanger? Konvertiert?“) eine Bionade („Schmeckt das denn?“) oder gar ein alkoholfreies Bier („Iiih!“) bestellt, nimmt das niemand stillschweigend zur Kenntnis, auch nicht die Durchschnittssozialtrinker. Mein Respekt gilt daher allen, die das länger aushalten.

Ich habe noch nicht mal den einen Monat ganz durchgehalten. Kurz vor Ende Januar kam ich sehr hungrig zu einer Veranstaltung, bei der es rein gar nichts Vegetarisches zu essen gab. Gegen 23 Uhr fand ich: Was soll’s, ein großes Bier ist so nahrhaft wie ein Tofuburger. Das ist im Prinzip eine Mahlzeit. Und da ich nach dem Bier demzufolge nur gegessen, aber noch gar nichts getrunken hatte, nahm ich gleich noch eins.

Silvio Berlusconi will ja bis April anderweitig abstinent leben. Er will, sagt er, auf Sex verzichten. Darüber dann ein anderes Mal.

Ein Film über den coolsten aller (späten) Abstinenzler, nämlich Johnny Cash, läuft ab heute im Kino: „Walk the line“.

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