Zeitung Heute : Abstraktes Gepiepse

JÜRGEN TEIPEL

Elektronik-Pop-Duo Mouse on Mars mit Jan Werner und Andi TomaJÜRGEN TEIPELEs gibt Momente, in denen Jan Werner und Andi Toma so jung aussehen, als ob sie zu einer Boygroup gehören würde.Zum Beispiel jetzt, da sie während einer aufwendigen Fotosession auf das Vorteilhafteste ausgeleuchtet werden.Dabei sind "die Mäuse" beide um die Dreißig.Obwohl die Gründer des Elektronik-Pop-Duos Mouse on Mars aus Köln und Düsseldorf stammen, machten sie mit ihrer Musik zunächst in England Furore, wo das Label "Too Pure" ihre Alben veröffentlichte.In Deutschland haben sie inzwischen einen Vertrieb gefunden, der auch die Werke der Backstreet Boys in die Läden bringt.So gesehen sind Werner und Toma immerhin Kollegen der derzeit erfolgreichsten Boygroup. Musikalisch liegen freilich Welten zwischen Mouse on Mars und den Backstreet Boys."Autoditacker", das jüngst erschienene dritte Album des Duos, klingt vielschichtiger denn je.Mouse On Mars lassen ihre Maschinen tackern und picken sich dabei immer wieder den einzelnen Ton heraus, zerlegen ihn und schicken die Fragmente durch eine ganze Reihe von Geräten.Wenn ihnen das Ergebnis gefällt, bauen sie alles wieder zusammen.Das ergibt dann manchmal einen fast Phil Spectorschen "Wall Of Sound".Doch während sich ihre Melodien in immer abstrakteres Geglucker und Gepiepse auflösen, bleibt die Dramaturgie ihrer Song-Architekturen klar."Das kommt daher", sagt Jan Werner, "weil wir keine Sounds reinquetschen.Wir sind eher daran interessiert, einen Sound aufzuziehen.Wenn er dann groß ist, bieten wir ihm einen Stil an und hoffen, daß er damit zurecht kommt.Manche Sounds kriegen einen Anzug, andere dürfen flippiger daherkommen.Wenn sie sich zusammenraufen können, haben wir irgendwann ein Stück." Nachdem jeder einen Eisbecher verschlungen hat, rücken die beiden damit heraus, daß es für sie inzwischen immer anstrengender wird, einen gemeinsamen Nenner zu finden.Das ist auch der Grund, warum Andi Toma zwischenzeitlich die letzte Platte des legendären Avantgardisten Moondog produziert hat und sich in anderen Projekten versucht.Mit Wolfgang Flür von Kraftwerk macht er Elektro-Pop unter dem Namen Yamo und mit Markus Popp von Oval taucht er unter dem passenden Namen Microstoria sogar noch tiefer in die Abgründe modernen U-Musik-Schaffens hinab.Die beiden stecken immer öfter überall - nur nicht in ihrer Mäusebeziehung.Aber wie für jede andere Beziehung auch, kann das schließlich nur gut sein.Eigentlich verstehen die beiden sich nämlich blendend."Unsere Probleme miteinander", sagt Jan Werner, "entstehen oft auch deshalb, weil wir mittlerweile gut mit unseren Geräten klar kommen.Wir können uns nie freuen, daß etwas geklappt hat.Wir wissen immer vorher, daß es klappen wird.Für uns beide ist das dann, wie wenn du mit einer Frau das Gefühl hast, du hast alles erlebt und willst wieder eine andere Geschichte entwickeln." "Das ist wie eine Depression", sagt Andi Toma."Irgendwann fängst du an, dir gegenseitig auf die Nerven zu fallen." Was allerdings wieder einen Austausch schafft.Bei Mouse On Mars ist die Krise dann meistens schon halb gemeistert. Heute 21 Uhr in der Volksbühne.

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