Zeitung Heute : Abwasser statt Trinkwasser

IWAN ZINN

"Das Attentat" in der Studiobühne des Renaissance-TheatersVON IWAN ZINNDeutliche Analogien zur Schleyer-Entführung: Ein Beamter der amerikanischen Umweltbehörde (Sebastian Kautz) bettelt bei seinen Peinigern um "Toilettenprivilegien", die tägliche Zigarette und die Beantwortung der Frage "Warum gerade ich?".Die "Volksfront" hat der Regierung den Kampf angesagt, weil aus dem Hahn statt Trinkwasser nur noch Abwasser kommt - die Grenzwerte wurden wieder einmal erhöht. Jetzt hat ein "Volksfront"-Mitglied durch einen Autosprengsatz 27 Menschen mit in den Tod genommen.Selbstmordattentat eines "tapferen Frontsoldaten"? Oder hat der durchgeknallte Anführer Victor (hervorragend gespielt von Christoph Jacobi) die Bombe per Fernsteuerung ausgelöst? Für die Reporterin Jessica Lyons (Elke Reuter-Hilger) ist das sekundär - sie will die Story, und zwar exklusiv.Victor gibt sie ihr, denn Jessica ist die Beste.Weil sie nie zwinkert.Auch nicht, wenn sich in ihrer unmittelbaren Nähe verkohlte Leichen stapeln.Jingle.Die 11-Uhr-News."Ich sitze hier direkt neben dem Top-Terroristen ..." Als Terrorist möchte Victor aber keinesfalls bezeichnet werden.Schon eher als "Stadtguerillaführer".Schließlich will er mit seiner "Volksfront" Leben retten, und "Wasser ist Leben".Victor weiß um jeden giftigen Partikel in den Gewässern."Wissen heißt Handeln", und darum ist seine Mission, den nicht handelnden "Staatsvertretern als den wahren Terroristen" den Krieg zu erklären. Widersprüchliche Personen Keine Angst: Bei dem Stück des amerikanischen Dramatikers William Mastrosimone, aufgeführt nun unter der Regie von Thomas Weber-Schallauer in der Studiobühne des Renaissance-Theaters, handelt es sich nicht um ein umweltpolitisches Moralgleichnis oder gar um Agit-Prop.Zwar wird unterschwellig gefragt: Wer ist denn nun der wirkliche Attentäter - die Terrorgruppe, der Staat oder die sensationsgeilen Medien? Daß es keine klare Antwort geben kann, zeigt sich aber durch die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Personen: die eiskalte Märtyrer-Attitüde des vermeintlichen "Retters der Menschheit", die Naivität und Menschlichkeit des Beamten als Mitläufer/Schreibtischtäter/Entführungsopfer und schließlich die vorübergehenden Selbstzweifel der Journalistin, die alsbald wieder skrupellosem Karrieredenken weichen.Mitreißend. Studiobühne des Renaissance-Theaters, Knesebeckstraße 3, sonnabends und sonntags, jeweils 20 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben