Zeitung Heute : Abwehrreaktion

In der EU wird es vorerst keine Massenimpfungen für Nutzgeflügel geben

Dagmar Dehmer

Die Vogelgrippe breitet sich in ganz Europa aus. Frankreich fordert Massenimpfungen von Nutzgeflügel, Deutschland lehnt dies aber ab. Könnten solche Impfungen die Seuche stoppen – oder würde die Gefahr sogar noch steigen?


Auf Rügen haben Geflügelzüchter damit begonnen, ihre Tiere zu töten, obwohl die Vogelgrippe in ihren Beständen noch gar nicht entdeckt wurde. So soll eine Verbreitung des gefährlichen H5N1-Erregers verhindert werden. Auf der Insel wird derzeit eine extreme Form der europäischen Tierseuchenstrategie umgesetzt: Bricht irgendwo eine Tierseuche aus, in diesem Fall die Vogelgrippe, wird das gesamte Geflügel im Umkreis einer Schutzzone von drei Kilometern getötet. In den Niederlanden führte dieser Plan beim Ausbruch der Geflügelpest im Jahr 2003 dazu, dass rund 30 Millionen Hühner, Enten und Gänse getötet wurden. „Stamp out“ heißt das Motto, den Seuchenherd „austreten“.

Doch schon 2003 gab es einige wenige Ausnahmen vom allgemeinen Keulen. Zumindest Zootiere durften mit einer Ausnahmegenehmigung der EU geimpft werden. Tatsächlich ist auch nicht bekannt, dass sich damals weitere Vögel bei einem Zootier angesteckt und die Seuche weiterverbreitet haben. Allerdings zeigte sich bei diesem Experiment nach Angaben des bundeseigenen Friedrich-Löffler-Instituts für Tiergesundheit (FLI) auch, dass es nicht bei allen Zoovögeln zu einer Immunisierung gegen den Erreger kam.

Frankreich und die Niederlande sprachen sich am Montag während der EU-Agrarministerkonferenz für Impfungen aus. Frankreich beantragte, frei laufende Enten und Gänse, die sich nicht aufstallen lassen, in drei Départements zu immunisieren. Die Niederlande wollen die Geflügelbestände von Hobbyzüchtern und in einem zweiten Schritt auch die Tiere in der Freilandhaltung impfen. Deutschland lehnt das bisher ab. Agrarminister Horst Seehofer (CSU) bekräftigte in Brüssel die deutschen Vorbehalte gegen Impfungen, zeigte sich aber grundsätzlich aufgeschlossen. Derzeit könne bei toten Tieren nicht erkannt werden, ob sie geimpft oder erkrankt seien.

Ohnehin würde eine Impfung einem Züchter nichts nützen. Er könnte zwar seinen Geflügelbestand retten, dieser wäre aber ökonomisch wertlos. Die EU verhängt Handelsverbote, wenn in einem Land die Vogelgrippe im Nutzvogelbestand ausgebrochen ist. Und auch innerhalb der Welthandelsorganisation gilt bisher: Geimpftes Fleisch darf nicht gehandelt werden. Das FLI befürwortet Impfungen lediglich, um eine sich rasch verbreitende Seuche aufzuhalten. Doch auch die geimpften Tiere müssten danach getötet werden.

Die Impfungen haben aber noch einen weiteren Nachteil: Die geimpften Tiere können das Virus weiterverbreiten, ohne selbst zu erkranken. „Derzeit“, sagt eine Sprecherin der Bundestierärztekammer, „wäre das Risiko einfach zu groß“. Allerdings halten es die Bundestierärztekammer wie auch der Bund praktizierender Tierärzte (BPT) für dringend geboten, mehr an Markerimpfstoffen zu forschen und auch an Impfstoffen, die eine Weiterverbreitung des Virus verhindern können. Der Vizepräsident des BPT, Rainer Schneichel, sagte am Montag dem Tagesspiegel: „Wenn die EU ihre Tierseuchenpolitik überdenken würde, bin ich sicher, dass diese Probleme bald gelöst wären.“

Dass die EU inzwischen zumindest für Ausnahmen von der Regel empfänglich ist, zum Beispiel bei der Impfung von Zootieren, führt der grüne Europaabgeordnete Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf auf das Engagement des EU-Parlaments zurück. „Impfungen zur Gefahrenabwehr sind inzwischen möglich“, sagt er.

Zumindest bei Zootieren kann sich auch das Löffler-Institut Ausnahmen vorstellen. Zwar sagt FLI-Sprecherin Elke Reinking: „Wir sind für ein europaweites Impfverbot.“ Doch bei Zootieren kann es auch darum gehen, vom Aussterben bedrohte Tierarten zu retten. Von der Stallpflicht für Zootiere will die Pressereferentin des Bauernverbands, Agnes Scharl, allerdings trotzdem keine Ausnahme machen. Schließlich könnte sich immer noch ein Wildvogel bei einem geimpften Zootier anstecken. Allerdings sind die meisten Zoos nicht darauf eingerichtet, ihre Wasservögel für längere Zeit in Ställen unterzubringen – und diese leiden entsprechend.

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