Zeitung Heute : Aceh oder der Zorn Gottes

Die Kinder schreien nicht, sie spielen nicht, sie sitzen einfach nur da. Wenige Orte sind von der Flut so betroffen wie der Norden Indonesiens. Bericht aus einer Stadt in Fetzen

Moritz Kleine-Brockhoff[Banda Aceh]

Banda Aceh - „Hiroshima! Wie nach der Bombe“, ruft ein Mann, ohne stehen zu bleiben. Schwarze Gummistiefel an den Füßen, Atemmasken im Gesicht, Plastiksäcke, Spitzhacken oder Sägen in den Händen: Die kleine Truppe des indonesischen Roten Kreuzes klettert über Baumstämme, Holzplanken, Matratzen und Autowracks. Die Männer bergen Leichen. Wie jeden Tag seit einer Woche. In Banda Aceh, der Stadt an der Nordspitze Sumatras, haben sie mittlerweile 15 000 Tote gefunden und in Massengräbern verscharrt. An der Straße zum Flughafen, wo die größte Grube ist, brummt den ganzen Tag lang ein Bagger. 15 000 Leichen. Erst 15 000. „Wir schätzen, dass noch weitere 30 000 in der Stadt liegen“, sagt Alwi Shihab, Indonesiens Sozialminister.

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Hoch oben, von der Spitze eines Minaretts der großen Moschee von Banda Aceh, ist das Ausmaß der Katastrophe zu erahnen. Auf den Bürgersteigen liegen Reste der tödlichen Lawine aus Wasser, Schlamm und Trümmern. In Richtung Westen, wo das Meer ist, gibt es gut vier Kilometer vor der Küste keine Dächer mehr. Und dahinter beginnt die Zone der vollständigen Verwüstung, das kahle „Hiroshima-Gebiet“, wo kaum jemand überlebte, als die Flut kam.

Es ist Sonntagmorgen, 8 Uhr, genau eine Woche nach dem Beben. Ein paar Vögel zwitschern, sonst ist es still in Banda Aceh. Wo die Lawine hingelangt war, stinkt es. Es stinkt fürchterlich. Die Toten liegen unter Trümmern, in Flüssen oder an Straßenrändern. Manche wurden schon in Plastiksäcke gesteckt, andere sind nur von Bastdecken bedeckt oder liegen ganz offen herum. Die Leichen sind jetzt aufgebläht, mit jedem Tag sehen sie weniger menschlich aus.

Verwüstungen ohne Ende - Banda Aceh gleicht einem Trümmerfeld, Foto: dpa Ein Mann in schlammverschmierter Bundfaltenhose geht einsam die Sultan-Iskandar-Muda-Straße herauf. Sie führt von der Innenstadt zur Küste. „Ich suche meine Frau und meine beiden Kinder“, sagt er mit gezwungenem Lächeln, „in der Panik sind sie verloren gegangen. Wahrscheinlich sind sie tot, aber ich muss die Körper sehen, sonst kann ich nie wieder schlafen.“ Basri heißt der 40-Jährige, wie viele Indonesier hat er nur einen Namen. Vor der Katastrophe führte er mit seiner Familie ein kleines Geschäft, sie verkauften Früchte und frisch gepresste Fruchtsäfte. „Mein Haus steht noch. Nur im Erdgeschoss ist Schlamm, oben ist alles okay. Wissen Sie, warum so viele von uns gestorben sind? Weil wir alle auf die Straße rannten, als es bebte. Es kommt bei einem Erdbeben niemand auf die Idee, in den zweiten Stock oder auf das Dach zu steigen. Da hätten viele die Flut überlebt. Aber das Wasser kam, als die Erde noch wackelte.“

An der Sultan-Iskandar-Muda-Straße stehen im Zentrum die Häuser noch, aber ein paar hundert Meter weiter stadtauswärts sind nur noch Ruinen. Da wird die Straße zu einem Steg im Todesstreifen. Was von weitem aussieht wie eine schwarze, kahle Wüste, ist ein flacher, von dunklem Matsch durchtränkter Wirrwarr aus Baumstämmen, Hemden, Holzplanken, Schuhen, Stahldrähten, Teppichen, Türklinken, Kotflügeln, Plastikkanistern, Leichen und Reifen. Da liegt auf etwa vier mal sechs Kilometern ein in Stücke zerfetzter Stadtteil. Nur zu Fuß und ganz langsam geht es voran in Richtung Küste, über hügelige Stadtreste. Der Verwesungsgestank wird immer beißender, immer mehr Leichen liegen rechts und links der Straße, manchmal auch darauf. Schließlich ist kein Weiterkommen mehr, auf der Sultan-Iskandar-Muda-Straße liegen zu viele Trümmer. Zwei Kilometer sind es noch bis nach Ulee, so heißt die Gegend am Strand. Kein Bergungstrupp kam bislang dahin.

Neben zwei Plastikflaschen liegt eine nasse Schulmappe. In ihr steckt das Zeugnis eines Mädchens. Sri Kharlina, im Oktober war sie 15 Jahre alt geworden, hatte im vergangenen Sommer in Mathematik die Note „ausreichend“ bekommen. Basri, der Fruchtsaftverkäufer, schaut sich das Zeugnis an, unten ist ein Foto des Mädchens angeheftet. Als er über seine Frau und seine Kinder sprach, hatte Basri nur ein wenig geweint, jetzt schluchzt er laut los. Nach zwei Minuten wirft er das Zeugnis weg. „Ich kenne das Mädchen nicht“, schluchzt er.

Satellitenbilder von Banda Aceh vor der Flut und danach, Foto: dpa Das prunkvollste Gebäude von Banda Aceh steht noch, die stolze Raya-Beliturrahman-Moschee. Über dem schneeweißen Gotteshaus thronen sieben dunkle Zwiebeltürme und fünf schlanke Minarette, nur eines von ihnen hat Risse. An der Vorderfront der Moschee hängt eine große Uhr, am 26. Dezember um 8 Uhr 30 blieben die Zeiger stehen. Schlamm überspülte das ganze Gelände, aber die Moschee hielt stand, sogar die farbigen Fenster unter der Decke der Gebetshalle. Dort haben sie den hellen Marmor gerade wieder blank gewischt. „Gott hat unsere Moschee verschont“, sagt ein alter Mann, der vor dem Eingang sitzt und raucht. „Ich verstehe nur nicht, warum er vor einer Woche überhaupt so zornig war.“

Wäre die Moschee nur 400 Meter näher an der Küste gestanden, wäre sie bestimmt zerstört worden. 400 Meter entfernt liegen die Stadtteile Plenggahan Kedah und Kampung Baru. Dorthin geht kaum jemand ohne Atemmaske. An der Penayung-Brücke ist es am schlimmsten. Die Flut hatte viele Schiffe den Fluss heruntergetrieben und gegen die Brücke gespült. Ein paar Boote liegen jetzt an Land, andere kleben zertrümmert unter der Brücke. Sie halten die Leichen auf, die auf dem Fluss langsam zum Meer treiben. Soldaten stehen seit vier Tagen am Ufer und ziehen einen Toten nach dem anderen heraus. Gerade driften rund 100 Leichen zwischen Holzplanken, Ästen und Müll im Wasser. Von der Brücke aus sieht man nur ihre blanken Rücken. Alle Leichen sind nackt, wahrscheinlich ist ihre Kleidung geplatzt, als sie sich aufblähten.

Ruslan sitzt auf einer schmalen Bastmatte in Mata Ie, dem größten Flüchtlingslager von Banda Aceh. „Ich bin allein“, sagt er knapp. Der 30-Jährige mit seiner breiten Nase und dem krausen Haar meint damit, dass von seiner Familie nur er überlebt hat. Zwei lange und zwei kurze Äste hat er in den Boden gehauen und dann schräg eine Plastikplane zum Minizelt gespannt. Aus einem Lautsprecher krächzt eine helle Stimme: „Gesucht! Aus dem Stadtteil Darul Ulum: Irfan, zwei Jahre alt.“ Ruslan hört nicht hin. „Warum sollte ich? Seit Tagen kommen Suchmeldungen. Ich habe noch nicht gehört, dass man jemanden wiedergefunden hätte. Es sind doch alle tot. Das müssen die Leute endlich verstehen.“

Die Luftaufnahme zeigt das Ausmaß der Zerstörung, Foto: dpa 5000 Menschen leben im Flüchtlingslager Mata Ie, zwei große Rasenflächen auf dem Gelände des staatlichen Fernsehsenders TVRI. Indonesiens Militär und das Sozialministerium halfen schnell, sie brachten Zelte, Decken, Essen und sauberes Trinkwasser. In Banda Aceh hungerte niemand. Und jetzt, da schon viele internationale Hilfsorganisationen angekommen sind, ist die Versorgung der Stadt ohnehin gesichert. Im Flüchtlingslager fragen sich die Menschen trotzdem, wie es weitergehen soll. Eine Frau in Jeans sitzt im Schneidersitz neben einem Baum. Sie zupft Grashalme aus dem Boden, dreht sie kurz in den Fingern und wirft sie dann weg. „Können Sie mir sagen, wohin ich soll?“, fragt sie, „und wie ich ein neues Leben anfangen soll? Nur ein Kind ist mir geblieben, ein fünf Jahre alter Junge.“ Egal mit wem man in Mata Ie spricht, alle, ja alle, haben Familienmitglieder verloren. Die Überlebenden hocken auf dem Rasen oder in Zelten und starren vor sich hin. Die Kinder schreien nicht, sie spielen nicht – sie sitzen einfach nur da. Wieder schrillt der Lautsprecher: „Gesucht! Aus der Langgar-Straße Nr. 8: Manuerung, 46 – Asean, 38 – Mali, 24 – Reza, 13 – Reky, zehn, und Randa, zwei Jahre alt.“

Zurück zur Stadtmitte, entlang einer unversehrten Straße parken Dutzende Lkws. In einem Vorgarten stehen Generatoren, Benzinfässer und Pappkartons mit Wasserflaschen. „Unser Konvoi ist gerade angekommen“, sagt Patrick Sweeting. Er koordiniert die UN-Hilfe in Aceh. Das ist nicht einfach, auch weil die Verwaltung nicht funktioniert. Zu viele Beamte sind tot oder kommen nicht zur Arbeit, sie müssen Familienmitgliedern helfen, die in Not sind. „Wir stehen vor einem Berg“, sagt Sweeting, „um Banda Aceh mache ich mir zwar keine Sorgen. Aber der Rest der Provinz ist nur mit Schiffen oder Helikoptern zu erreichen. An den Küsten brauchen Zehntausende Hilfe, wir werden sie nur langsam erreichen.“

Zehn Autominuten vom UN-Büro liegt das Kesdam-Militärkrankenhaus. Hinter dem Flachbau laufen im Garten Männer mit Sprühkanonen auf und ab. Sie nebeln das Krankenhaus mit Insektenspray ein. Die Mücken sollen bloß keine Malaria und kein Dengue-Fieber bringen. Im Kesdam-Krankenhaus liegen 350 Patienten, die meisten mit Knochenbrüchen und Schnittwunden. In Zimmer 163 tränkt eine Krankenschwester einen Wattebausch mit einer Lösung, dann tupft sie damit die Fleischwunde am Oberschenkel eines Jungen ab. Er schreit vor Schmerz und krallt seine Finger in die Hüfte einer Frau, die neben dem Bett steht. „Nur eine Minute, ist gleich vorbei“, sagt die Krankenschwester. Vor dem Zimmer sitzt auf einem Plastikstuhl Ariyono Pusponegoro, ein Arzt, der gleich nach dem Beben aus Jakarta kam. „In Banda Aceh ist die akute Phase vorbei. Aber unsere Arbeit geht weiter. Verletzte müssen von entlegenen Gegenden hierhergebracht werden“, sagt der Arzt. „Und wir müssen den Ausbruch von Seuchen verhindern, bislang sind wir okay, aber natürlich machen uns die vielen Leichen nervös.“ Seit der Flut ist das Grundwasser von Banda Aceh salzig und dreckig, in vielen Häusern sind Brunnen. Wer davon trinkt, könnte krank werden.

Ariyono Pusponegoro nimmt seine Brille ab, legt sie in den Schoß und reibt sich mit beiden Händen die Augen. „Verletzte zu versorgen mache ich am liebsten“, sagt er leise, „das gibt ein gutes Gefühl, man wird dringend gebraucht und kann meist helfen.“ Normalerweise gebe es bei Katastrophen pro einem Toten bis zu zehn Verletzte. Nicht in Banda Aceh. „Es gab wenig Verletzte, ein grausames Zeichen. Die Wucht der Flut muss unfassbar heftig gewesen sein. Wer erwischt wurde, hatte keine Chance, er musste sterben.“ Pusponegoro steht auf und geht weg. „Endlich kann er weinen“, flüstert eine Krankenschwester.

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