Zeitung Heute : Ach Jimmy, bitte lösch mich!

CHRISTINA TILMANN

Wirklich unwirklich: der Computerthriller "Nirvana"CHRISTINA TILMANNWie real sind Filmfiguren im Vergleich zu Computerspielen? Sind die künstlich animierten Figuren, die man per Knopfdruck gegen Hindernisse kämpfen lassen kann, wirklich unwirklicher als Leinwandhelden eines Science-Fiction-Filmes? Gabriele Salvatores Computer-Thriller "Nirvana" gibt Anlaß zu solchen pseudophilosophischen Fragen: Wirkt bei ihm doch alles künstlich - Story, Setting, Figuren und Schauspieler.Sein oder Nichtsein, heißt mal wieder die Frage: Wer ist noch wirklich, wer ist erdacht? Künstliche Wesen im Film sind immer problematisch: Mal sind sie böse, wie Frankenstein oder der Golem, und müssen schnellstens vernichtet werden.Mal sind sie gut, werden geliebt und betrauert."Nirvana" präsentiert eine neue Variante: Computerprogrammierer Jimmy (seelenlos glatt: Christopher Lambert) muß seine Spielfigur "Solo" (schmierig matt: Diego Abatantuono) töten, um sie zu erlösen.Denn Solo, Protagonist des Virtual-Reality-Spiels "Nirvana", hat unseligerweise ein Bewußtsein entwickelt und leidet unter dem vorprogrammierten Verlauf seines Lebens. Gabriele Salvatores Film "Nirvana" ist ein einziges großes Computerspiel, künstlich animiert.Spiel-Aufgabe für Fortgeschrittene: Im Konzern des allmächtigen Medien-Magnaten Okosama lagert eine Kopie von "Nirvana", die innerhalb von drei Tagen gelöscht werden muß.Spielmaterial: Ein halbblinder Ex-Hacker namens Joystick (Sergio Aubini) und die schöne, kluge, hoffnungslose Naima (Stefania Rocca).Spielort: Eine Unterwelt-Folklore zwischen China (Shanghai-City), Nordafrika (Marrakesch) und Indien (Bombay). Unter dem Zwang der unnötigen Visualisierung leidet der Film, der eine philosophische Auseinandersetzung mit der Entfremdung im Zeitalter von "Virtual Reality" sein will.Gabriele Salvatores, der mit der Kriegs-Ferien-Romanze "Mediterraneo" 1992 als Überraschungserfolg den Oscar für den besten ausländischen Film einheimste, schuf mit seiner ersten Großproduktion einen epigonalen Möchtegern-Science-Fiction mit deutlichen Anleihen in Hollywood ("Blade Runner", "12 Monkeys") und bei Truffauts "Fahrenheit 461".Nichts Neues unter der Sonne.Nichts Neues im Schnee.Sollte die Zukunft in der zitathaften Verwurstung von Vergangenheit liegen? Es bleibt als Trost: Auch 2005 gibt es noch Parkverbotzonen.Eines aber unterscheidet Nirvana von den Vorläufern: Die echt italienische Mischung aus Technikbegeisterung (80 Effekte!) und Sentimentalität (Mitleid als Movens).Zum Abschied haucht Solo ein leises "ciao": Kurz vor seinem Erlöschungstod wird er von seinem Schöpfer mit der Aussicht getröstet, als Schneeflocke im Nirgendwo zu enden.Im Nirvana eben. Filmbühne Wien, Kosmos, Lupe 1, Rollberg und Zoopalast

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