Zeitung Heute : Achtung, die Hessen kommen

HERMANN RUDOLPH

Kaum sind die Hundert-Tage-Bilanzen der rot-grünen Regierung gezogen, beginnt schon wieder das alte Spiel: die Endlos-Jagd über die Hürde jener Landtagswahlen, die zwar Parlamente und Regierungen hervorbringen, aber vor allem auch die Stationen des deutschen Dauerwahlkampfs, mit dem die Republik aller paar Monate den Wasserstand der Bonner Kräfteverhältnisse mißt.Es sind nicht weniger als sieben Wahlen in diesem Jahr, dazu eine Europa-Wahl - und wem das noch nicht genügend politischer Kitzel ist, der mag auch noch die zehn Kommunalwahlen hinzurechnen, die es irgendwo im größer gewordenen Vaterland gibt.Man wird nicht sagen können, daß die hessische Landtagswahl am kommenden Sonntag die wichtigste ist.Aber die erste ist sie, und insofern setzt sie die neue Bundesregierung zum ersten Mal unter den Druck eines realen, mit der Stimmabgabe praktizierten Tests.In Anlehnung an einen Rock-Music-Ohrwurm: Achtung, die Hessen kommen.

Oder gilt dieser Test eher der Opposition? Was die Wahl spannend macht, ist in der Tat eher die Frage nach dem Zustand der CDU, die bislang in den Wogen des rot-grünen Auftakts so gut wie untergegangen ist.Daß mit der hessischen Landtagswahl die Zeit der Nach-Wahl-Depression zu Ende gehen werde, war ja schon die Losung, mit der Wolfgang Schäuble die Gemüter der geschlagenen Parteifreunde unmittelbar nach dem Wahldesaster aufzubauen versucht hat.Den Beginn des "Wiederaufstiegs des bürgerlichen Lagers" hat Roland Koch, der CDU-Spitzenkandidat, prophezeit.Wird die Hessen-Wahl also eine Art Abstimmung über das Ergebnis der Bundestagswahl - und, vor allem, ihrer inzwischen sichtbar gewordenen Folgen -, mit der die Union sich als politik-mitbestimmende Kraft wieder meldet? Greift, überdies, zu ihren Gunsten die alte Erfahrungsregel, daß Landtagswahlen das Feld einer Gegenbewegung zur Bundestagswahl sind?

Hessen wäre dafür ein interessantes Pflaster.Das Land hat seit längerem, was Bonn erst seit kurzem hat: eine rot-grüne Regierung - bloß in einem stark verbrauchten Zustand, dazu einen als blaß geltenden SPD-Regierungschef und eine von zwei Minister-Rücktritten Marke Cousinen-Wirtschaft gebeutelte grüne Partei; andererseits ist die CDU im Landtag stärkste Fraktion, hat einen mit dem Hoffnungs-Etikett des "jungen Wilden" behängten Vorsitzenden, und die FDP ist in vergleichsweise guter Verfassung.Aber was wie eine einfache Rechnung aussieht, ist nur die Papier-Form.Die reale Lage wird vermutlich von anderen Faktoren bestimmt: einerseits davon, daß aus dem verstolperten rot-grünen Anfang in Bonn noch kein Schatten bis in die Länder gefallen ist, andererseits von dem Versuch der CDU, mit dem quasi-plebiszitären Mittel der Unterschriften-Kampagne die Situation zuzuspitzen.

So könnte es leicht geschehen, daß die Hessen-Wahl nicht so sehr zum Test für die Bonner Koalition als vielmehr zum Probefall für die Strategie der CDU wird.Das hätte seine hessen-spezifische Logik: Hier brachte seinerzeit Alfred Dregger die CDU nach vorn, mit ihm Manfred Kanther, beide mit einer bewußt scharfmacherischen Linie.Aber an die Regierung kam die CDU nur einmal und das mit dem betont bürgerlichen Walter Wallmann.Die wichtigste Auskunft, die die Hessen-Wahl bringen könnte, bezieht sich also vielleicht darauf, ob die CDU mit der Gangart, die ihr die CSU - nun sagen wir - nahegelegt hat, Erfolg hat oder nicht.Ob die Hessen-Wahl also für die künftige Regierung des Landes Folgen hat, steht dahin.Aber für die Diskussion in der CDU über ihren künftigen Kurs kann der kommende Sonntag zu einem entscheidenden Datum werden.

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