Zeitung Heute : Ackerbau und Frühzucht

Mit den ersten frühlingshaften Temperaturen werden die Kleingärten wieder in Besitz genommen

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Wenn die Vereinsfahne im Wind flattert, wenn sie ihr erstes Schnäpschen auf den Frühling getrunken haben, dann haben sie schon etliche Stunden Arbeit hinter sich. Die Natur hält sich nicht an Kalender und nicht an Feste, bei denen der Saisonstart gefeiert wird. Und deshalb müssen die Kleingärtner ran, sobald der Boden nicht mehr gefroren ist. Und das ist jetzt.

Ein kalter Wind pfeift um die Lauben, ins Grau hinein leuchten die bunten Plastikostereier, die sich viele der Gartenbesitzer in die grauen Äste der Obstbäume gehängt haben. Der Strandkorb im Garten ruht noch unter der Abdeckung. Die ersten zarten Knospen warten auf Sonne, damit sie aufplatzen können. Am weitesten ist bereits der Magnolienbaum. Frostig darf es nicht mehr werden, das nimmt die Magnolie übel. Wenn alles gut geht, hat sie jedoch bald ihren großen Auftritt neben der knallgelben Forsythie. Günter Gruske ist schon voller Vorfreude. „Im Mai erkennen Sie hier nichts mehr wieder“, sagt er. Er ist der Vorsitzende der Kolonie Saatwinkler Damm. Neben Rentner Gruske mit den von der vielen frischen Luft geröteten Wangen läuft Babsi, seine Schäferhündin mit der grauen Schnauze.

Im Steinweg wartet bereits Marco Strebe. „Das ist der größte Tomatenzüchter der Kolonie“, raunt Gruske. Seine Stauden wachsen bis zum Laubendach. Letztes Jahr Jahr habe er eine Ein-Kilo-Tomate geerntet. „Und die hat auch noch geschmeckt“, versichert Strebe. Er ist ein hochgewachsener Kerl. Wie er da steht in seinem kleinen Garten, wirken die Krokusse und die Christrose, die bereits blühen, noch zarter. Strebe arbeitet im Schichtdienst. Nach der Arbeit fährt er täglich in seine Parzelle. „Sonst kriegt man das nicht in den Griff“, sagt er. „Und für mich ist das Entspannung.“

Um sieben Uhr in der Früh hat er schon gedüngt. „Da hat es ein bisschen geregnet, das ist gut“, sagt der erfahrene Kleingärtner. „Aber bei Sonne ist der schon um sechs draußen“, weiß der Vorsitzende Gruske. „Wenn man dem Marco aus Versehen auf ein Pflänzchen treten würde, dann hätte der Tränen in den Augen.“ Seit 20 Jahren pflegt und hegt Strebe nun schon seinen Garten. Jetzt, Anfang April, fängt er an, seine berühmten Tomaten zu ziehen. Dieses Jahr hat er sich eine ganz neue Sorte bestellt, lilafarbene. Damit sie schön gedeihen, muss er demnächst den Kompost aussieben. „Damit ich schöne Komposterde habe.“ Ob das sein Geheimrezept ist?

„Schön, wa?“ Auf dem Spaziergang durch die Kolonie kommt ein Paar des Weges, direkt vom Einkaufen. In den Händen haben sie zwei Stöcke Cinderella Rosen. Der Mann hat sich außerdem ein Paket mit der Aufschrift „Wurzelpower“ unter den Arm geklemmt. Aber bevor es ans Einsetzen geht, ist erst einmal Frühjahrsputz angesagt. Die Laube muss aus ihrem Winterschlaf geholt werden. „Aber nach den Osterferien geht es richtig los“, verspricht der Mann. „Dann wird angegrillt.“

Günter Gruske und seine Frau dagegen müssen ihre Laube nicht jedes Jahr aufs Neue beziehen. Sie gehören zu den wenigen Kleingärtnern in der Kolonie, die Wohnrecht besitzen. Das entstand in der Nachkriegszeit, als der Wohnraum im zerbombten Berlin knapp war. Die Gruskes leben seit 35 Jahren in ihrer Laube, die jedoch eher wie ein kleines Häuschen aussieht. 30 Prozent der Gartenfläche müssen kleingärtnerisch genutzt werden, das ist vorgeschrieben. „Ackerbau“ nennen das die Kolonie-Mitglieder. Darunter fällt alles, was man essen kann. Wenn das Ehepaar Gruske im Frühling und Frühsommer richtig anpackt, kann es sich im August selbst versorgen. Mit allem, was die Beete hergeben: Kohlrabi, Möhren, Zucchini, Kartoffeln, Bohnen.

Gruske zieht an Babsis Leine. Dann biegt er in den 7-Meter-Weg ein. Die Vögel zwitschern. „Es gibt sogar welche, die sind hier geboren“, erzählt der Vorsitzende. Kaum hat er das ausgesprochen, steht auch schon einer dieser Kleingärtner am Türchen. Detlef Nadol kam vor 56 Jahren in der Kolonie zur Welt. An ihn können sich die anderen Parzellanten wenden, wenn es Probleme mit den Wasserleitungen gibt. Und die gibt es, nach so einem harten Winter. Nadols Garten ist schön eingewachsen, die Laube ein richtiges Familienerbstück.

Doch es gibt auch immer mehr neue Nachbarn für die alteingesessenen Laubenpieper – zumindest im Bundesdurchschnitt. Vor allem bei jungen Familien liegt der Kleingarten im Trend, weiß man beim Bundesverband Deutscher Gartenfreunde. In den vergangenen fünf Jahren seien 45 Prozent aller Neuverpachtungen an Familien gegangen, sagt Verbandssprecher Thomas Wagner. „64 Prozent der Gärtner, die seit 2000 ein Grundstück übernommen haben, sind jünger als 55.“ Dieser Trend werde sich noch verstärken. „Junge Leute wollen beides haben: Stadtleben, Kultur und Partys auf der einen Seite. Wiese, Blumen, frisches Obst und Gemüse auf der anderen.“ Außerdem verspreche eine Laube eine Auszeit – „vom Laptop, von der Dauerberieselung. Immer mehr Zuspruch fänden auch sogenannte Ökokolonien. Dort gebe es keinen Strom, in den Lauben kein fließendes Wasser, die Parzellen seien ein Durcheinander von wildwachsenden Pflanzen. „Öko statt Ordnung“ laute das Motto der jungen Neugärtner.

In der Kolonie Saatwinkler Damm dagegen reihen sich die 267 Parzellen akkurat aneinander. Günter Gruske scheint alle Laubenpieper persönlich zu kennen, grüßt sie im Vorbeigehen über den Zaun hinweg. Wie etwa die Familie Bonin, die ihm vermeldet, dass tags zuvor der Vereinsgrill bestellt wurde, oder jener Mann, der von allen nur Adel genannt wird. „Adel“, sagt er noch einmal und lacht. Das haben sich die Schrebergärtner so ausgedacht, als Abkürzung für Arbeitsdiensteinsatzleiter. Er trommelt Freiwillige zusammen, wenn es Gemeinschaftsarbeiten zu erledigen gibt, wenn Wege nachgebessert werden müssen zum Beispiel.

Im Moment lautet das große Stichwort allerdings „vertikutieren“. Das steht dieser Tage für alle Schrebergartenbesitzer an. Das Wort setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen „vertical“ (senkrecht) und „cut“ (schneiden). Beim Vertikutieren werden kleine Schnitte in den Rasen gemacht, dadurch kann er lüften. „Das ist jetzt wichtig, weil sich durch die lange geschlossene Schneedecke Schimmelpilze im Boden entwickelt haben“, erklärt Günter Gruske.

Er zuppelt seiner Schäferhündin Babsi einen losen Büschel Fell aus dem Nacken. Babsi verliert gerade ihr Winterfell. Auch sie bereitet sich auf den Frühling vor.(mit ddp)

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