ACTION„Die Abenteuer von Tim & Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ : Flohmarktbesuch mit Folgen

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Foto: Sony
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Die Farben! Das Licht! Die Spiegelungen! Wie sich türkisgrüne, durcheinanderschwappende Wellenberge zu einer Ozeanoberfläche von nie gesehener Brillanz zusammensetzen. Wie endlose Wanderdünen ein virtuelles Relief der Sahara bilden, suggestiver als alle Realfilmaufnahmen, die man je gesehen hat. Oder die Interieurs: Tims Reporterbude, das Geldbörsenarchiv eines kleptomanen Taschendiebes, Haddocks Kapitänskajüte – alles bis ins letzte Detail durchdrungen von einer hyperrealistischen Darstellungslust, die den Animationsfilm in visueller Hinsicht wieder mal auf ein neues Level hebt.

„Die Abenteuer von Tim und Struppi“ sind ein Fest fürs Auge, ein Muss für jeden, der sich für den State of the Art der Animationstechnik interessiert. Diese steht ganz im Dienst eines denkbar schwierigen Unterfangens: die einzigartige Comicwelt des belgischen Autors und Zeichners Hergé ins Filmsujet zu transportieren, ohne den Zauber der nostalgischen Abenteuer einzubüßen. Man muss Regisseur Steven Spielberg und Produzent Peter Jackson zugestehen, dass sie ein Dilemma hervorragend gelöst haben: Das für ein heutiges Kinopublikum wohl unzumutbare, sehr verhaltene Tempo der Comics wurde durch eine – unter Puristen umstrittene – Kompilation von drei Tim-&-Struppi-Bänden so maßvoll beschleunigt, dass der Spirit der Vorlage nicht an moderne Actionklischees verraten wird.

Die zu Wasser, zu Lande und in der Luft ausgetragene Schatzjagd rund um ein rätselhaftes Schiffsmodell vom Flohmarkt, einen alten Familienfluch, einen entführten Frachtdampfer, einen gutherzigen Alkoholiker und zwei trottelige Detektive ist der ideale Tummelplatz für den geborenen Geschichtenerzähler Spielberg, den der alte Hergé kurz vor seinem Tod 1983 tatsächlich als einzig denkbaren Regisseur für eine Verfilmung auserkoren hatte.

Dennoch bleiben Einwände: Dank der Performance-Capture-Technologie gelingt der Spagat zwischen höchstem Realismus der Charaktere und dem Rest an Stilisierung zwar perfekt. Doch gerade mit der Zeichnung der Hauptfigur kann man durchaus fremdeln: In den Gesichtszügen von Tim (Bewegungsvorbild: Jamie Bell) erkennt man eine Härte, die den pfiffigen Reporter bisweilen recht unliebenswert erscheinen lässt. Und musste der wuselige Foxterrier Struppi ein stofftierartiges Knuddelviech werden? Wenigstens ist Kapitän Haddock (Andy Serkis) in all seiner rührenden Seebärigkeit prima getroffen. Unterhaltsam.Jörg Wunder

USA 2011, 107 Min., R: Steven Spielberg, D: Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig, Simon Pegg

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