Zeitung Heute : "Addio, Fort Italia" - hinfort mit dem Catenaccio!

ROMAN ARENS

ROM .Gemeinsam in die Depression? Zwei große Fußball-Nationen einander nahe nach den jeweiligen Niederlagen? Manch einer hatte schon geträumt von einem Semifinale Deutschland - Italien, manch anderer hatte es gefürchtet.Und jetzt soll Volkstrauertag sein? In Italien jedenfalls nicht.

Das Ausscheiden der "deutschen Opas" und die "Demütigung", so unisono Zeitungen und die Experten-Meinung in der Bar an der Ecke, werden mit Überraschung quittiert, jedenfalls ohne Schadenfreude und Häme.Keiner in der Runde, die den warmen Sommerabend auf der Kneipenterrasse genießt, fühlt sich von der deutschen Pleite sonderlich berührt oder empfindet jetzt weniger Schmerzen, weil es einen Leidensgenossen nördlich der Alpen gibt.

"Nein, nein, deswegen keine Befriedigung", meint einer, der die Gefühlslagen in beiden Ländern überhaupt nicht vergleichbar findet; denn: "Man muß schon unterscheiden, daß die Deutschen mit drei Toren im Spiel, wir aber erst beim Elfmeterschießen mit seinen Zufällen erledigt worden sind.Ganz sachlich bleiben."

Ein anderer schiebt eine sachfremde Erwägung nach: "Immerhin war Bundeskanzler Kohl bei dem Match und wollte wohl mit einem Sieg Nutzen für seinen Wahlkampf gewinnen.Besser so, daß daraus nichts geworden ist."

Während des italienischen Schicksalsspiels gegen Frankreich am Freitag flatterten zahllose Nationalfahnen aus Häusern an menschenleeren Straßen.In der Spannung des langen Spiels konnten sich alle Emotionen entladen.Enttäuschung und dann der Wille, einen schnellen Schlußstrich unter diese WM zu ziehen, ließen die Landesfahne am Ende oft in Windeseile verschwinden.

Das Lamento hielt nicht lange an, nun schon zum dritten Mal hintereinander bei einer Weltmeisterschaft nach ergebnislosen Verlängerungen am Elfmeterschießen gescheitert zu sein, 1990 im Semifinale gegen Argentinien, 1994 im Finale gegen Brasilien und 1998 an diesem schwarzen französischen Freitag.Die Elfmeter blieben "eine Erfindung des Teufels", schreibt "La Gazzetta dello Sport", aber diesmal sei das Recht zur Klage darüber doch "sehr diskussionswürdig".Schließlich wären die Franzosen besser gewesen und hätten zu Recht gewonnen.

Dies ist die im ganzen Land weitverbreitete Überzeugung.Sie wird mit der gleichen sportlichen Fairneß immer wieder formuliert, wie vor vier Jahren zu hören war, daß die Brasilianer die wirkliche Nummer 1 waren und Italien mit dem zweiten Platz eigentlich schon zu gut bedient war."Tut mir leid", sagte über das aktuelle Pech etwa Marcello Lippi, Trainer von Juventus Turin, aber abgesehen vom Ende der regulären Spielzeit und der Verlängerung hätten immer die Franzosen das Spiel in der Hand gehabt: "Daher muß man, wenn auch mit Bitterkeit, das Ergebnis akzeptieren."

Die Fußballwelt auf der Apenninhalbinsel dreht sich schnell weiter.Es hätte der Ermahnung in Zeitungen nicht bedurft, jetzt keine Dramen zu veranstalten oder mit Tomaten zu werfen, man habe schließlich nur ein Spiel verloren.Die Mannschaft wurde daheim auf dem Mailänder Flugplatz Linate mit warmer Freundlichkeit empfangen.

Trainer Cesare Maldini, der stur an seinem Stil einer massiven Verteidigung festhält, will nicht den Sündenbock abgeben.Es wird zwar schon über potentielle Nachfolger und deren Chancen geredet.Am höchsten wird dabei derzeit der beliebte Lazio-Präsident Dino Zoff gehandelt.Aber es soll alles mit Ruhe geschehen und im Vordergrund stehen, wie man wieder ein flüssiges Spiel mit offenen Herausforderungen hinbekommt und mit dem starren Trutzburg-Fußball, dem legendären Catenaccio Schluß macht."Addio, Fort Italia" titelt eine Zeitung und spielt damit auf den eigentlichen Schlachtruf an "Forza Italia" (Vorwärts Italien).Vorne, wo man die Mannschaft gern hätte, war sie in dieser WM jedenfalls nicht ausreichend oft.

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