Zeitung Heute : Adler über Schinkels Kirche

Claus-Dieter Steyer

Die Kirche von Annenwalde in der Uckermark wirkt auf den Betrachter irgendwie merkwürdig. Es fehlt der Turm und nur der Westgiebel trägt eine Farbe. Zudem bröckelt auf den anderen Seiten der Putz. "Die werden auch noch restauriert", beruhigt Pfarrer Gerhard Stechbart. "Alles hängt vom Geld ab. Aber wir schaffen das schon." Er verweist auf einen bekannten Namen. Richard von Weizsäcker rührt nicht nur bundesweit die Werbetrommel für das als seltene Schinkel-Kirche bekannte Gotteshaus. Der Altbundespräsident spendete Annenwalde kürzlich auch das Preisgeld in Höhe von 50 000 Mark, das ihm mit der Verleihung des von Köckritz-Preises durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zugeflossen war.

Davon profitiert die Kirchengemeinde nicht nur materiell. Denn nach der Entscheidung von Weizsäckers häufen sich neugierige Anfragen in Annenwalde. So mancher Besucher, der bis dahin nichts mit dem Ortsnamen anzufangen wusste, fand den Weg, sah ... und füllte nach seinem Rundgang die Spendenkasse. Nicht allein die Kirche überrascht die Gäste, sondern das ganze kleine Dorf. Es lohnt durchaus den Ausflug aus Berlin oder sogar einen mehrtägigen Abstecher.

Doch zunächst erklärt Pfarrer Stechbart die Eigenheiten des Schinkel-Baus. 1828 hatte König Friedrich Wilhelm III. den Auftrag erteilt. Dabei erhielt der königliche Etat auch 200 Taler für die Turmuhr, obwohl in den Plänen gar kein Turm vorgesehen war. "Wahrscheinlich sollte er erst später folgen, wenn die Gemeinde genügend Geld zusammengetragen hätte", mutmaßt der Pfarrer. So besticht die 1835 eingeweihte Kirche heute vor allem durch Säulen im Innern und die raffinierte Bemalung der Decke mit gelbbraunen Sternen. Die Kanzel hinter dem Altartisch stammt ebenso noch aus der Bauzeit der Kirche wie die Orgel und das Gestühl. Seit 1990 sind rund 350 000 Euro in die Sanierung gesteckt worden. In Kürze sollen auch die drei noch grauen Außenseiten einen ockerfarbenen Putz wie am Westgiebel erhalten.

Nur einen Steinwurf entfernt leuchtet bereits ein großes Gebäude komplett in frischen Farben. Eine für jedermann zugängliche Glashütte knüpft an die vor mehr als 250 Jahren begonnene Tradition der Glasproduktion in diesem Flecken der Uckermark an. 1753 hatte Johann Friedrich Zimmermann vom Preußischen König den Auftrag zur Landvermessung und zur Ansiedlung von zwanzig ausländischen Familien erhalten. Brandenburg litt zu jener Zeit noch immer unter den Folgen des lange zurückliegenden Dreißigjährigen Krieges. Der König holte deshalb Mecklenburger, Pfälzer, Sachsen und Franken ins Land, um das weitgehend verlassene Land zu besiedeln.

Jener aus Mecklenburg stammende Zimmermann nannte das neue Dorf zu Ehren seiner Frau Anne-Margareta schließlich Annenwalde. Seine 1755 eröffnete Waldglashütte existierte bis 1865. Das Dorf verfiel danach in einen Dornröschenschlaf, der sich nach der Wende sogar noch zu vertiefen schien. Denn in dem 100-Seelen-Ort schlossen nicht nur die übrig gebliebenen Ferienbungalows. Auch die LPG machte dicht.

Doch vor allem Berliner Künstler machten sich 1990 auf Entdeckungssuche nach Ateliers und Galerieräumen in Brandenburg. Und der Bildhauer Werner Kothe wurde im etwas abseits vom eigentlichen Dorf gelegenen Vorwerk Annenwalde fündig. 1991 eröffnete er mitten im Wald die Galerie und Ideenschmiede "Waldhus". Visionen von einem lohnenden Ausflugsziel für Großstädter entstanden hier. "Viele Gleichgesinnte hatten zum Glück einen langen Atem und trafen auf offene Ohren in den Amtsstuben", erzählt Christa Kothe. Sie rief 1995 den Verein "Glashütte Annenwalde" ins Leben und eröffnete ein Jahr später ihren Landgasthof "Kleine Schorfheide". Das Haus gewann mit seiner regionaltypischen Küche schon diverse Wettbewerbe.

Glasbläser im Mittelpunkt

Der Name "Kleine Schorfheide" für den Gasthof entsprang übrigens nicht der Fantasie der Wirtin. Diese Bezeichnung trägt die Umgebung von Annenwalde schon seit Jahrhunderten, obwohl die eigentliche Schorfheide erst in beträchtlicher Entfernung beginnt. Im Gasthof laufen auch die Fäden für die Kultur im Dorf zusammen. Musikalisch-literarische Abende am Lagerfeuer oder Kamin wechseln sich mit Vernissagen unterschiedlicher Genres ab. Mitunter verwandelt sich auch die im Dezember 2000 eröffnete Glashütte zur Bühne für Konzerte, Lesungen, Kabarett oder Puppenspiele. Im Mittelpunkt stehen allerdings weiterhin die Glasbläser. Jedermann kann ihnen bei ihrer heißen Arbeit über die Schulter blicken und ein Kunstwerk als Souvenir kaufen.

Inzwischen hat sich die Annenwalder Glashütte auch in Fachkreisen einen guten Namen erworben. Mit den Nachbildungen historischer Scheiben für das markgräflichen Münster zu Salem am Bodensee ist den Uckermärkern ein Meisterstück gelungen. Aufträge für weitere Kirchen sowie Burgen und Schlösser folgten, wie sich auch die Besucher heute überzeugen können.

Unweit der Dorfgrenze stößt der Wanderer auf Spuren eines in dieser Gegend sehr seltenen Tieres. Der Biber fühlt sich hier jedoch wieder ausgesprochen wohl und zeigt das durch schier unglaubliche Bauten. Er staut das Wasser in Gräben und unscheinbar wirkende Bäche zu riesigen Seen an. Die Proteste von Landwirten oder Grundstückseigentümern halten sich allerdings in Grenzen. Denn der größte Teil der Flächen gehörte einst zu einem riesigen Truppenübungsplatz der sowjetischen Armee. Die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) kaufte unlängst eigens für den Schutz der seltenen Tiere große Landflächen, so dass sich die "Baumeister" nun ungestört ausbreiten können.

Bislang kann der Besucher erst auf einigen Dutzend Kilometern das Naturschutzgebiet "Kleine Schorfheide" durchstreifen. Der größte Teil bleibt wegen den Hinterlassenschaften der Militärs jedoch weiterhin gesperrt. Im Boden stecken Blindgänger und Munitionsreste, die erst mühsam gesucht und entschärft werden müssen. Dennoch garantieren Landschaftsführer und Naturwächter auf ihren Touren rund um Annenwalde "einmalige Erlebnisse." Zwar ruht in diesen Wintertagen der größte Teil der Tierwelt. "Aber mit steigenden Temperaturen werden sich Großvogelarten wie Kranich sowie Fisch- und Seeadler ebenso zeigen wie Sumpfschildkröten oder seltene Vögel", verspricht Mario Schrumpf von der Naturparkverwaltung Uckermärkische Seen. Schon mehrmals soll ein Adler sogar über der Schinkel-Kirche und der Glashütte von Annenwalde gekreist sein.

Tipps für Annenwalde

Anreise: Mit dem Auto auf der Bundesstraße 96 über Oranienburg bis Fürstenberg und von dort auf der Landstraße in Richtung Templin. In Densow biegt die Pflasterstraße nach Annenwalde ab. Etwas kürzer ist der Weg über die Bundesstraße 109 bis nach Milmersdorf, von dort auf der Landstraße nach Templin und weiter in Richtung Fürstenberg bis Densow.

Züge aus Berlin fahren regelmäßig nach Fürstenberg und nach Templin. Von dort verkehren Busse direkt bis nach Annenwalde.

Glashütte Annenwalde, 17268 Densow, Telefon: 039 87 / 20 02 50, Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags 11 bis 18 Uhr.

Naturpark Uckermärkische Seen (Verwaltung), Zehdenicker Straße 1, 17279 Lychen; Telefon: 03 98 88 / 645 30.

Übernachten: Landgasthof "Kleine Schorfheide", Annenwalde 13, 17268 Densow; Telefon: 039 87 / 540 74. Die Übernachtung im Doppelzimmer kostet mit Frühstück 46 Euro, als Einzelzimmer genutzt 36 Euro. Der Gasthof bietet auch Sauna und Solarium; für fünf Euro am Tag kann man sich ein Fahrrad mieten. Geführte Touren durch den Naturpark auf Anmeldung.

Die Gastronomie legt im Winter montags einen Ruhetag ein, wie uns mitgeteilt wurde. Von April an ist dann wieder an sieben Tagen von 10 bis 22 Uhr geöffnet. In der Gaststube wird die typische regionale Küche aufgetischt.

Auskunft: Tourismusverband Uckermark, Schinkelstraße 32, 17268 Templin; Telefonnummer: 039 87 / 521 15, im Internet unter: www.guru.de/uckermark

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben