Zeitung Heute : Ämter nehmen täglich 77 Kinder in Obhut

Schutz und Hilfe bei drohender Gefahr / Anstieg um 8,4 Prozent / Forscher: Erziehungskurse für Eltern

Berlin - Die Jugendämter haben im vergangenen Jahr jeden Tag durchschnittlich 77 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut genommen. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte, leisteten die Ämter insgesamt für 28 200 Kinder und Jugendliche „erste Hilfe“ in für sie bedrohlichen Situationen. In Berlin gab es 1315, in Brandenburg 1235 Fälle. Bundesweit waren es 8,4 Prozent mehr als 2006. Dabei wurden 435 Kinder gegen den erklärten Willen der Sorgeberechtigten aus Familien genommen. Im Jahr 2006 hatte es 151 sogenannte Herausnahmen gegeben. In knapp der Hälfte aller Fälle schritten die Behörden ein, weil Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert waren. Bei 23 Prozent der Inobhutnahmen waren Vernachlässigung, Anzeichen für Misshandlung oder für sexuellen Missbrauch festgestellt worden. In jedem vierten Fall wurden Jugendliche auf eigenen Wunsch in Obhut genommen.

Das Familienministerium führt die Entwicklung auch auf „die erhöhte Aufmerksamkeit nach den gravierenden Fällen von Kindeswohlverletzung, über die in den Medien berichtet wurde“, zurück. „Wissenschaftlich ist nicht belegt, dass die Zahl der Gefährdungsfälle gestiegen ist“, teilte ein Sprecher mit.

Der Bielefelder Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften Klaus Hurrelmann forderte verbindliche Erziehungskurse für alle Eltern. „Schon wenn das Kind in die Kita kommt, ist ein fester Rahmen, in dem Eltern und die Institution ihre Erziehungsstile abstimmen, sehr zu wünschen“, sagte er. Das genauere Hinsehen, das nun stattfinde, sei eine positive Entwicklung. Nun sei eine umfassende Schulung der Fachleute erforderlich. „Der Fall Kevin in Bremen ist eine Wunde für sie, das Radarsystem der Behörden hatte den Jungen schon erfasst, trotzdem wurde versäumt, zu handeln.“

Die Grünen-Familienpolitikerin Ekin Deligöz sagte, die Zahlen machten deutlich, dass Vernachlässigung ein ernstes Thema in der Gesellschaft darstelle. Er belege aber auch, dass die Jugendämter aktiver geworden seien. „Deshalb war es richtig, sie bei der Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zu stärken.“ Kritik kommt von Jugend- und Familienrichtern. Sie beklagen, dass angesichts der Finanznot in Kreisen und Kommunen oft das Geld für angemessene Heimunterbringung, Betreuung oder Therapien fehle. Auch die personelle Ausstattung der Jugendämter sei teilweise katastrophal – gerade angesichts der dramatisch gestiegenen Fälle, in denen Familien versagen.

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