Zeitung Heute : Ängste nehmen und Auskunft geben

Freundliches und respektvolles Auftreten der Klinikmitarbeiter ist wichtig.

Peter Bräunig[Stephanie Krüger],Jutta Hensel
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Vorausblickend. DieFoto: cultura2 Fotolia

Von 1000 Berlinern benötigt einer pro Jahr eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik. Die Arbeit der Kliniken umfasst aber weit mehr als die stationäre Versorgung. Auch psychotherapeutische Gespräche, Krisen- und Notfallbehandlung gehören dazu, denn mehr als 50 Prozent der Patienten kommen unangemeldet als Krisenfall. Der Notfallkoffer gehört daher längst zur Ausstattung eines Psychiaters, und in den Rettungsstellen sind Psychiater nicht mehr wegzudenken.

Die Qualität der Versorgung in einer psychiatrischen Klinik misst sich in erster Linie an organisierter, zielführender sowie nachvollziehbarer Diagnostik und Therapie. Patienten erkennen die Qualität psychiatrischer Arbeit auch an freundlichem und respektvollem Auftreten der Mitarbeiter und daran, wie gut sie sich unterrichtet fühlen, also mit welcher Sicherheit und Plausibilität diagnostische und therapeutische Maßnahmen erläutert werden. Gute Ärzte und Therapeuten nehmen ihren Patienten die Ängste, indem sie ihnen mitteilen, was sie erwartet, nach speziellen Anliegen fragen und geduldig Auskunft geben. Darüber hinaus müssen die Sicherung des Behandlungserfolges und die Rückfallvorbeugung ein erkennbares Anliegen der Behandler sein. In Zukunft wird es immer wichtiger werden, dass Ärzte und Therapeuten die Qualität ihrer Arbeit nicht hinter einem Fachchinesisch verbergen.

Zu einer guten stationären Versorgung gehören neben den Gesprächen mit den Ärzten und der medikamentösen Einstellung auch spezielle Psychotherapieprogramme. Gerade bei Depressionen, Ängsten und stressassoziierten Erkrankungen sind diese unerlässlich. Heute weiß man, dass eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung die meisten Erfolgsaussichten hat.

Wichtig ist auch, dass den Patienten nach der Entlassung eine poststationäre Behandlung durch die Klinikärzte oder eine Weiterbehandlung in einer Tagesklinik ermöglicht wird. Zudem muss dafür gesorgt werden, dass möglichst früh Termine für ambulante Weiterbehandlungen vereinbart werden. Normalerweise sind die Patienten dafür selbst verantwortlich. Besonders schwer Betroffene erhalten dabei Hilfe vom Krankenhauspersonal.

Die Stationen der meisten Berliner Kliniken sind auf bestimmte Diagnose- und Altersgruppen spezialisiert. Eine Besonderheit hält das Humboldt-Klinikum vor. Es hat als einziges Krankenhaus eine Schwerpunktabteilung für seelisch kranke Frauen. Bei Frauen wird etwa doppelt so häufig eine Depression diagnostiziert wie bei Männern. Allerdings gleichen sich die Zahlen bei zunehmender Schwere der Erkrankung an. Häufig sind es einschneidende Ereignisse, die bei Frauen psychische Erkrankungen hervorrufen. Oft sind diese Ereignisse auch an hormonelle Veränderungen, wie beispielsweise durch eine Schwangerschaft oder die Menopause, geknüpft. Die Diagnostik und Therapie weiblicher psychischer Beschwerden und Erkrankungen bedarf daher einer besonderen Kenntnis der komplizierten Zusammenhänge zwischen Körper und Seele.

Entscheidend für eine gute Versorgung ist heute auch, dass genug Versorgungsmöglichkeiten für ältere Menschen mit seelischen Erkrankungen vorgehalten werden, wie es beispielsweise im Humboldt-Klinikum oder im Klinikum Spandau der Fall ist. Hier gibt es Psychiater, die zugleich auch Geriater, also Altersmediziner, sind. Das ist wichtig, da sich die Krankheitsbilder, aber auch die spezifischen Bedürfnisse älterer Menschen oft von denen junger Patienten unterscheiden. Aufgrund des demografischen Wandels werden die über Sechzigjährigen bald die Bevölkerungsmehrheit darstellen. Daher wird auch die Versorgung älterer Menschen mit seelischen Erkrankungen in den nächsten Jahren immer mehr gefragt sein, und auch die Behandlung von Demenzen wird ein größeres Thema werden. Darauf werden sich die Kliniken einrichten müssen.

Zudem werden die Kliniken in den kommen Jahren mit einer Zunahme stressassoziierter Erkrankungen konfrontiert sein. In der modernen Arbeitswelt und ihrem Leistungsdenken wird Stress zu einem immer größeren gesundheitlichen Risikofaktor. Bei einer vorhandenen Disposition kann er Auslöser einer Depression sein. Betroffen sind davon oft besonders disziplinierte und pflichtbewusste Menschen, die sehr zeitintensiv arbeiten, so dass die Balance zwischen Belastung und Entlastung, Anspannung und Entspannung nicht mehr stimmt. Nicht alle Menschen können diesem Druck standhalten, und manche entwickeln in der Folge eine Depression.

Doch Stress kann auch die Ursache körperlicher Erkrankungen sein, die wiederum das Risiko für eine Depression erhöhen. Gerade die somatischen Volkskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, die chronisch obstruktive Lungenerkrankung oder Schmerzerkrankungen stellen nicht zu unterschätzende Risikofaktoren für psychische Erkrankungen dar. Menschen, die an einer dieser Krankheiten leiden, haben ein besonders hohes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Daher wird in Zukunft bei der Arbeit der psychiatrischen Kliniken auch das interdisziplinäre Denken immer wichtiger werden.

Peter Bräunig, Stephanie Krüger und Jutta Hensel

Peter Bräunig ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Vivantes Humboldt-Klinikum und Klinikum Spandau. Stephanie Krüger ist Chefärztin des Zentrums für seelische Frauengesundheit im Vivantes Humboldt-Klinikum. Jutta Hensel ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Vivantes Klinikum Spandau

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