Zeitung Heute : Ärzte auf digitalen Surfbrettern

HENRY STEINHAU

"Damit Sie heute schon wissen, was Ihr Patient Sie morgen fragt." Mit diesem Leitspruch buhlt der Online-Dienst "HOS Multimedica" um neue Mitglieder.Nur ein Werbeversprechen? "Mehr ein Szenario", sagt Alexander Broich, Geschäftsführer von HOS Multimedica, und erläutert dies an einem konkreten Beispiel.

Die US-amerikanische Potenzpille "Viagra" wurde vor ein paar Monaten schlagartig zum Medienthema, als eine große Tageszeitung mit einer diesbezüglichen Sensationsmeldung aufmachte.Wenige Wochen später befaßten sich Publikumszeitschriften, Fernsehen und Radio mit dem Erektionsspender.Die medizinischen Fachzeitschriften hinkten indes mit sorgfältig recherchierten, wissenschaftlich abgesicherten und sachlich fundierten Hintergrundberichten um einiges hinterher.In der Folge standen Ärzte, Apotheker und Wissenschaftler den Fragen aus der Bevölkerung mitunter vergleichsweise hilflos gegenüber.

"An dieser Stelle können die Schnelligkeit und die Globalität eines Online-Dienstes wirksam werden", erklärt Broich die Motive für eine Mitte der Woche bekanntgegebene Kooperation mit dem US-amerikanischen Online-Dienst "Physicians Online".Wenn sich die Ärzte quasi tagesaktuell und direkt mit ihren amerikanischen Kollegen über brisante Themen wie AIDS, Krebs oder bestimmte Epidemien informieren und austauschen könnten, würden sie nicht nur ihr fachliches knowhow verbessern, sondern auch auf etwaige Fragen aus der Bevölkerung besser vorbereitet sein.

HOS Multimedica, von den Verlagsgruppen Bertelsmann, dem wissenschaftlichen Springer-Verlag und Burda gemeinsam betrieben und mit Sitz in Berlin Charlottenburg, ist bewußt ein geschlossener Dienst für Ärzte und Apotheker.Diese müssen sich über ihre Approbation legitimieren, bevor sie als registrierter Abonnent - für zirka 15 Mark monatlich - exklusiven Zugang zu den unter der Internet-Adresse www.multimedica.de gebündelten Informationsbeständen bekommen.Rund 15 000 Abonnenten hat HOS Multimedica derzeit, bis Ende des Jahres sollen es nach Broichs Planungen etwa 20 000 sein.Damit seien dann zwischen 5 und 10 Prozent aller deutschen Mediziner Online.Um noch mehr Ärzte zu gewinnen, setze er primär auf Kooperationen mit wichtigen Institutionen wie beispielsweise dem Bundesverband der Internisten, der seine Mitglieder explizit auf die Multimedica-Angebote hinweist.

Die Multimedica-Inhalte umfassen derzeit rund 200 000 Publikationen in 40 Fachgebieten, die von insgesamt 20 renommierten medizinischen und pharmazeutischen Fachverlagen stammen.Zu Basisthemen wie Dermatologie, Radiologie oder Psychiatrie - um nur drei von 24 Kategorien zu nennen - finden sich sogenannte Kompendien, zu weiteren Schwerpunkten wie Augenheilkunde, Rettungsmedizin oder Vergiftungen gibt es Checklisten oder Manuals.Für Apotheker gibt es eine Apo-Line, niedergelassene Ärzte bekommen Informationen und Tips für Abrechnung und Praxis-Verwaltung und Medizin-Studenten finden unter "brains" spezielle Angebote wie Examensservice oder Jobbörsen.Aufgrund der Verankerung in der medizinischen Verlagslandschaft arbeiten in der Redaktion, im 70-köpfigen Expertenrat und als Autoren ausgewiesene Praktiker und Koryphäen.

In Diskussionsgruppen und per e-mail tauschen sich die Mediziner direkt aus, umgeben und begleitet von den ebenso aktuellen, wie archivmäßig aufbereiteten Fachinformationen in HOS Multimedica."Die Nutzung dieser Community ist heutzutage unsere wichtigste und wertvollste Anwendung", erklärt Physicians Online-Geschäftsführer David Richards.

Mit rund 170 000 Nutzern - mehr als ein Viertel aller der in den USA praktizierenden Ärzte - ist der 1994 gestartete Online-Dienst der weltweit größte seiner Art.Vom Zusammengehen mit Physicians Online - jeder Multimedica-Abonnent hat ab sofort einschränkungslosen Zugang zu den Daten der amerikanischen Partner - verspricht sich Broich eine wesentlich höhere Attraktivität seines Dienstes.Auch das amerikanische Pendant (Physicains steht für "Humanmediziner") bietet umfangreichen Zugriff auf Fachinformationen, in Intranets organisierten Foren von ärztlichen Vereinigungen und Pharma-Herstellern sowie auf spezielle Lernprogramme.Die amerikanischen Ärzte wiederum, so Richards während einer Pressekonferenz, die zeitgleich in Berlin und New York stattfand und per Internet übertragen wurde, würden "ihre deutschen Kollegen als sehr gut ausgebildete Ärzte schätzen und sich auf befruchtende Diskussionen mit ihnen freuen," beispielsweise über Diagnosen, Behandlungsmethoden und vieles mehr.In Anlehnung an den Viagra-Fall könnte das etwa ein deutsches Anti-Krebs-Mittel betreffen, welches seit Anfang des Jahres überraschenderweise in der AIDS-Behandlung Therapie-Erfolge erzielt.

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