Ärztehonorare : Erhöhte Dosis

Ingo Bach

Es ist ein ordentlicher Schluck aus der Pulle, den sich die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten genehmigen dürfen: Im kommenden Jahr stehen ihnen 2,7 Milliarden Euro mehr für die Behandlung von Kassenpatienten zur Verfügung, das ist eine Steigerung um zehn Prozent. 145 000 Mediziner und Therapeuten profitieren davon, macht rechnerisch ein Plus von 18 620 Euro pro Arzt und Jahr. Die Rechnung begleichen Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit einer Steigerung der Kassenbeitragssätze um 0,28 Prozentpunkte. Für den Durchschnittsverdiener mit rund 3100 Euro Brutto bedeutet das monatlich 4,34 Euro weniger Netto.

Trotz Kritik von Kassen und Arbeitgebern könnten diese Mehrausgaben gut angelegt sein. Sie schlagen den Ärztefunktionären ein Argument aus der Hand, mit dem diese seit Jahren jegliche Kritik an der Qualität der ambulanten Versorgung achselzuckend wegbügeln: Man werde halt schlecht bezahlt, begründeten sie die Ungleichbehandlung von Kassen- und Privatpatienten, den Medizinermangel, die Defizite in der Behandlungsqualität und mangelnde Transparenz. Angesichts der Budgetdeckelung und seit Jahren unverändert niedriger Behandlungspauschalen konnten die Ärzte damit sogar auf Verständnis der Patienten bauen.

Das dürfte sich nun ändern: Wer höhere Preise kassiert, muss sich auch nach dem dafür zu liefernden Mehr an Qualität fragen lassen. Der Druck auf die ambulanten Mediziner, sich einer leistungsgerechten Bezahlung zu stellen, wird wachsen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) arbeitet bereits an Indikatoren, mit denen sich die Behandlungsqualität in der Praxis messen lässt.

Auch die Bevorzugung von Privatversicherten gegenüber Kassenpatienten wird künftig schwerer zu rechtfertigen sein. Bisher wiederholten die Funktionäre immer wieder, man werde für die Kassenleistungen quasi nicht bezahlt und benötige die Privatpatienten zum wirtschaftlichen Überleben. Doch das – tatsächlich vorhandene – Missverhältnis zwischen Privat- und Kassenhonorar wird nun zugunsten des letzteren ein Stück weit korrigiert, wenn auch nicht ausgeglichen.

Dass sich mit der Honorarerhöhung auch der Ärztemangel auf dem flachen Land beheben lässt, wie es die KBV jetzt erwartet, darf jedoch bezweifelt werden. Ja, es ist richtig, dass im Osten Deutschlands, wo in manchen Gegenden das Fehlen von Ärzten gravierend spürbar ist, nun mehr Geld ausgegeben werden kann. 200 Millionen Euro sind für die (Fast-)Angleichung der Honorare an das Westniveau vereinbart worden. Doch auch die bisherigen Bemühungen sind oft gescheitert, etwa mit Umsatzgarantien die Unlust der Mediziner zu bekämpfen, sich abseits der Ballungsräume im Osten niederzulassen. Geld allein macht auch Ärzte nicht glücklich. Hier ist Kreativität gefragt, etwa um die Arbeitsbelastung zu verringern und die regionale Infrastruktur zu verbessern.

Insgesamt aber sollten die Mediziner zufrieden sein. Dass nun kleinere Ärzteverbände, wie Hartmannbund, NAV-Virchowbund oder die Freie Ärzteschaft, der KBV vorwerfen, sie hätte zu wenig für die Ärzte herausgeholt, liegt wohl eher an Mitgliederarithmetik als an einer echten Enttäuschung. Diese Verbände verstehen sich im Gegengewicht zu den Kassenärztlichen Vereinigungen als „wahre Interessenvertreter der niedergelassenen Ärzte“. Für sie gilt die bewährte Formel vieler kleiner Gewerkschaften: Je lauter sie nach mehr Geld rufen, desto mehr Mitglieder gewinnen sie.

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