Ärztliche Hilfe zum Suizid : Verbieten erlaubt

von

Ein Verdikt erregt die Gemüter. Nach kontroverser Debatte hat die Ärztekammer ihre Berufsordnung in Sachen Sterbehilfe neu formuliert. Bislang steht darin: „Ärztinnen und Ärzte dürfen das Leben der oder des Sterbenden nicht aktiv verkürzen.“ Daraus wurden nun zwei Sätze. „Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten.“ Und: „Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“

Assistierter Suizid ist etwas anderes als aktive Sterbehilfe. Der Arzt beendet nicht das Leben des Patienten, er gibt ihm Mittel und Möglichkeit, dies selbst zu tun. Zum Beispiel todbringende Medikamente. Manche halten das, bei hoffnungslos Leidenden, für ein Gebot der Menschlichkeit. Strafrechtlich ist solche Hilfe hierzulande kein Delikt.

Darf die Ärztekammer Medizinern verbieten, was ihnen das Gesetz erlaubt? Jochen Taupitz beantwortet die Frage mit einem klaren Ja. Der renommierte Mannheimer Medizinrechtler – seit zehn Jahren Mitglied im Deutschen Ethikrat – hält den Beschluss inhaltlich zwar für einen „großen Fehlgriff“. Formal aber gebe es nichts zu beanstanden. Die Kammer kann ihren Mitgliedern bestimmtes Verhalten untersagen. Allerdings darf sie niemanden zu ärztlichem Tun zwingen, das gegen dessen ethische Überzeugung verstößt. Zum Beispiel Abtreibungen vorzunehmen.

Auch die Sanktionierung bei Verstößen gegen das Berufsrecht sei in Ordnung, sagt Taupitz. Ärzten, die Suizidbeihilfe leisten, droht folglich das übliche Strafregister. Von der Abmahnung über die offizielle Rüge bis hin zum berufsgerichtlichen Verfahren. Dort kann dem Mediziner im äußersten Fall „Berufsunwürdigkeit“ attestiert und eine Geldbuße von bis zu 50 000 Euro auferlegt werden. Über die Zulassung dagegen haben andere zu befinden: die Approbationsbehörden der Länder. Der Entzug drohe aber nur bei „sehr schweren Verstößen“, sagt Taupitz. Vorstellbar wäre dies aus seiner Sicht für Fälle, in denen der Suizid-Assistent für sein Tun öffentlich wirbt oder es als Dienstleistung für andere offeriert.

Gleichwohl nennt der Experte die Kammerentscheidung eine „Katastrophe“. Damit werde Ärzten „der Zugang zu Suizidwilligen verschüttet“ und ihnen jede Möglichkeit genommen, den Patienten andere Wege zu zeigen. „Man treibt Menschen ohne Hoffnung in die Hände von Organisationen, denen es nur ums schnelle Geld geht.“ Die Deutsche Hospizstiftung dagegen nennt das Verbot „eine richtige und gute Entscheidung“. Ebenso sehen es viele Palliativmediziner. Wenn das Leiden effektiv bekämpft werde, wachse bei Todkranken mit Sterbewunsch oft schon nach wenigen Stunden wieder der Lebenswille, berichtet der Potsdamer Krebsarzt Georg Maschmeyer. Rainer Woratschka

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar