Zeitung Heute : Affäre Gary Condit: Eine Frage der Ehre

Friedemann Diederichs

Das amerikanische Wochenmagazin "Globe" gehört zu den wenig Zimperlichen seiner Zunft. Auch würde der "Globe" niemals Gefahr laufen, den Pulitzer-Preis für seriöse und hochprofessionelle Berichterstattung zu bekommen. Deshalb darf Gary Condit, seit mehr als 20 Jahren demokratischer Kongressabgeordneter, diese Woche auf der Titelseite die freizügigen Bekenntnisse einer anonymen Frau lesen: "Ich war Condits Sex-Sklave!" Im Heft wird der 53-jährige leicht ergraute Parlamentarier mittels Fotomontage zum Meister der Folterkammer. Es ist der vorerst letzte Beleg für den Verlust seiner Ehre.

Doch sieht so ein Folterknecht aus? Anzug, dezente Krawatte, leise Stimme, dazu eine sorgfältig gefönte Frisur - so sitzt Gary Condit am Donnerstagabend zur besten Sendezeit seiner selbsterwählten Gegnerin gegenüber. Connie Chung, Fernsehreporterin von ABC, hat das Tauziehen hinter den Kulissen um jene 30 Interview-Minuten gewonnen, die Gary Condit angeboten hat.

Seit drei Monaten rätselt die Nation, was der verheiratete Abgeordnete mit dem Verschwinden der Regierungs-Praktikantin Chandra Levy (24) zu tun hat, die Ende April ihr Apartment in Washington verließ und seitdem nie wieder gesehen wurde. Das Gallup-Institut hat herausgefunden: 69 Prozent der Bürger halten Condits mögliche Verstrickung in den Vermisstenfall Levy für das bisher wichtigste Thema des Jahres, weit vor den Raketenabwehr-Plänen, der Steuerreform oder der schwächelnden Börse.

Mit anonymen Quellen versucht man zu belegen, dass Condit ein Schattenleben führte. Die unverhohlenen Fragen lauten längst nicht mehr, ob, sondern wie er sich der Praktikantin entledigt hat, nachdem diese ihn mit einer Schwangerschaft unter Druck gesetzt haben soll, sich scheiden zu lassen. "Gary, wo ist die Leiche?", fragte ein Boulevard-Blatt.

Doch zur öffentlichen Demontage seiner Person hat Condit auch selbst beigetragen. Dies wird überdeutlich in dem Interview, das sein politisches Überleben sichern soll und dann doch wieder im Meinungs-Fiasko endet. Der Mann, der eine Affäre mit der Verschwundenen erst bei der dritten Befragung durch die Polizei eingeräumt hat, gerät bei den bohrenden Fragen der TV-Reporterin schnell in die Defensive, vermeidet Klarstellungen und rettet sich auf das dünne Eis semantischer Spitzfindigkeiten, auf dem schon anerkannte Formulier-Weltmeister wie Bill Clinton ausrutschten. Zur Diskussion der Fragen, welche Bedeutung das Wort "ist" hat und wann Sex wirklich Sex ist, kommt es während des Interviews gottlob nicht.

Zwar bricht Condit an diesem Abend wie angekündigt sein Schweigen, aber wenn er redet, sagt er nicht viel. Er will nicht einmal wiederholen, eine intime Beziehung zu der Praktikantin gehabt zu haben. Man sei sich sehr eng verbunden gewesen, sagt er lapidar. Condits größter Fehler bei diesem Interview dürfte allerdings sein, dass seine Frau Carolyn nicht an seiner Seite sitzt - schließlich hat schon Hillary Clinton dem notorisch untreuen Gatten durch pure Anwesenheit den Rücken gestärkt.

Das Publikum bleibt enttäuscht zurück und fragt sich weiter: Warum scheute Condit einen Lügendetektor-Test des FBI? Warum wollte er eine weitere Geliebte dazu bringen, über sein Verhältnis zur Verschwundenen zu schweigen? Warum instruierte er Chandra Levy immer wieder, bei allen Besuchen keinerlei Ausweise bei sich zu tragen? Während die Öffentlichkeit diese Fragen als legitim betrachtet, wittert der in die Enge getriebene Abgeordnete nur einen erneuten Angriff auf seine längst entblößte Privatsphäre. Lapidar wiederholt er insgesamt fünf Mal: "Ich bin seit 34 Jahren verheiratet. Ich bin kein vollkommener Mensch und habe Fehler gemacht." Auf die direkte Frage, ob er Chandra Levy umgebracht hat, kommt ein einziges Wort: "Nein."

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