Afghanistan : 2008 schon 5300 Attacken

Die Gewalt in Afghanistan ist auf einen neuen Höchststand gestiegen. Der Bundeswehrverband warf der Regierung vor, mit „gestelzten Wendungen“ die Wahrheit über den deutschen Einsatz in Afghanistan zu verschleiern.

Frank Jansen,Sarah Kramer

Berlin/Kabul - Vor dem Hintergrund der Angriffe auf die Bundeswehr in Afghanistan zeichnen deutsche Sicherheitsexperten ein pessimistisches Bild der Lage in Afghanistan. Bis Ende August hätten die Taliban und andere Kämpfer bereits 5300 Attacken verübt, erfuhr der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen. Damit sei in diesem Jahr ein weiterer Höchststand bei „sicherheitsrelevanten Zwischenfällen“ zu erwarten. Im Jahr 2007 hatten die internationalen und afghanischen Sicherheitskräfte 6000 Angriffe gezählt. 2006 waren es 3600, im Jahr zuvor 1750.

Nur ein Bruchteil der Zwischenfälle ereignet sich allerdings in der von der Bundeswehr überwachten Region im Norden Afghanistans. Doch auch hier hat sich die Situation verschärft. Bis zum 31. August wurden 96 Attacken von Taliban und anderen militanten Gruppierungen gezählt. Schwerpunkt ist die von Paschtunen bewohnte Provinz Kundus, in der vergangene Woche ein deutscher Fallschirmjäger getötet wurde. 2008 registrierten die Bundeswehr und einheimische Sicherheitskräfte bislang 36 Angriffe. Es handelte sich um 13 Feuergefechte, zehn Raketen- und Mörserangriffe, zehn Anschläge mit selbstgebastelten Sprengsätzen und drei Selbstmordanschläge. Im ganzen Jahr 2007 waren in der Provinz Kundus 27 Attacken registriert worden.

Der Bundeswehr drohen Jung zufolge vor der im Oktober geplanten Mandatsverlängerung weitere Anschläge. Die Taliban hätten registriert, dass in Deutschland über die Verlängerung des Einsatzes debattiert werde, und „gezielt die Bundeswehr als Anschlagsziel ausgesucht“. Der Minister sagte: „Ich kann nur all diejenigen in Deutschland dringend auffordern, Forderungen einzustellen im Hinblick auf einen Rückzug, weil das diese Aktivitäten noch bestärkt und somit die Sicherheit unserer Soldaten eher gefährdet.“

Der Bundeswehrverband warf der Regierung vor, mit „gestelzten Wendungen“ die Wahrheit über den deutschen Einsatz in Afghanistan zu verschleiern. „Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen zu allem entschlossenen, fanatischen Gegner“, sagte Verbandschef Bernhard Gertz der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der getötete Hauptfeldwebel sei nicht ums Leben gekommen, wie bei seiner Beisetzung erklärt worden sei. „Richtig ist: Dieser Hauptfeldwebel ist für die Bundesrepublik Deutschland gefallen“, sagte Gertz.

Die Bundeswehr hat Entschädigungszahlungen an Angehörige der nahe Kundus getöteten Zivilsten bestätigt. Minister Jung habe eine „Kompensationszahlung“ vereinbart, sagte ein Sprecher. Dadurch sei „Verzeihung ausgesprochen“ und Blutrache ausgeschlossen. Der Sprecher betonte, die Zahlungen seien kein Schuldeingeständnis. Am Donnerstag waren eine Frau und zwei Kinder an einem auch von Deutschen verantworteten Checkpoint erschossen worden. Auch der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU), verneinte ein Schuldeingeständnis: „Es ist ein kluges sich Einlassen auf kulturelle Traditionen in diesem Land und ein Stück Fürsorge. Für einen Versorgungsanspruch muss kein schuldhafter Tatbestand erfüllt sein“, sagte Schmidt dem Tagesspiegel.

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