Afghanistan : Bis zum Abzug

Wenige Tage vor der Stichwahl in Afghanistan forderten Terroranschläge in Pakistan und Kabul viele Todesopfer. Welche Folgen hat das für die Region?

Jan Dirk Herbermann[Genf],Karin Schädler
UN
Anschlag in Kabul. -Foto: dpa

Verheerende Anschläge haben am Mittwoch Afghanistan und Pakistan erschüttert. Mindestens 105 Menschen wurden bei einem Bombenanschlag auf einem Markt im nordpakistanischen Peshawar getötet. In Afghanistan traf es die Vereinten Nationen. Taliban-Kämpfer drangen in ein UN-Gästehaus im Zentrum Kabuls ein und töteten fünf UN-Mitarbeiter und drei weitere Personen. Zudem traf eine Rakete den Präsidentenpalast und eine weitere, die nicht explodierte, ein Luxushotel.

Warum haben die Taliban ausgerechnet jetzt zugeschlagen?

Experten sind vom Zeitpunkt der Anschläge wenig überrascht. „Das war einfach vorherzusehen“, sagt Gregor Enste von der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan. Seit über einer Woche führt das pakistanische Militär eine Großoffensive gegen die Taliban im Grenzgebiet zu Afghanistan durch. Wenige Stunden vor dem Anschlag am Mittwoch war US-Außenministerin Hillary Clinton in Pakistan eingetroffen. Bereits auf dem Flug lobte sie die pakistanische Regierung für ihr hartes Vorgehen gegen die Aufständischen. „Da war es klar, dass die Taliban ein Zeichen setzen wollten“, sagt Enste.

Warum wurde die UN angegriffen?

In einer Woche soll die Stichwahl zwischen dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und seinem Herausforderer Abdullah Abdullah stattfinden. Durch ein hohes Maß an Wahlfälschung hatte Karsai versucht, die absolute Mehrheit zu erringen. Die Stichwahl ist nun ein Versuch, die Legitimität der Wahl wiederherzustellen. „Die Vereinten Nationen sind durch ihre zentrale Rolle bei der Durchführung und der Überwachung der Wahlen jetzt das Objekt der Ablehnung“, sagt Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Anschläge seien eine Warnung an die Zivilgesellschaft, sich an der Stichwahl zu beteiligen. Sollte die Wahlbeteiligung tatsächlich extrem gering ausfallen, habe der Westen ein Problem. „Wir brauchen eine als legitim betrachtete afghanische Regierung, die schließlich die Verantwortung übernehmen kann“, sagt Kaim. Denn dass der Westen auf nicht absehbare Zeit im Land bleiben müsste, lasse die öffentliche Meinung nicht zu. „Deshalb würde dann die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir das Land unverrichteter Dinge wieder verlassen“, sagt Kaim.

Welche Folgen hat der Angriff für die UN?

Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Kai Eide, gab sich nach dem Angriff trotzig: „Diese Attacke wird die UN nicht davon abschrecken, ihre gesamte Arbeit für den Wiederaufbau eines kriegsgeplagten Landes fortzusetzen“, betonte er. Doch die „Tragödie“ von Kabul weckt bei vielen Uno-Mitarbeitern traumatische Erinnerungen an 2003. Terroristen ermordeten damals im UN-Quartier in Iraks Hauptstadt Bagdad mehr als 20 Menschen. Daraufhin zogen sich die UN weitgehend aus dem Irak zurück. UN-Funktionäre warnen jetzt hinter vorgehaltener Hand: Sollten in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr UN-Leute in Afghanistan umkommen, bricht eine Debatte über den Fortbestand der UN-Operation auch in diesem Land aus. Die UN-Mission Unama bietet den Extremisten eine fast ideale Zielscheibe. Es handelt sich um eine unbewaffnete politische Mission, nicht um eine Blauhelmtruppe. Zwar wollen die UN die Sicherheit für die rund 1500 Unama-Mitarbeiter verbessern, nur wird das so schnell nicht passieren können. Ohne die UN-Helfer sähe die Lage in Afghanistan noch düsterer aus. So versorgt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR Hunderttausende. Das Welternährungsprogramm schafft zehntausende Tonnen Lebensmittel in abgelegene Winkel des unzugänglichen Landes. Zudem sollen UN-Mitarbeiter den Schutz der Menschenrechte fördern und die Aussöhnung in dem konfliktgeladenen Land voranbringen.

Sind die Anschläge ein Zeichen für ein Wiedererstarken von Taliban und Al Qaida?

Die pakistanischen Taliban haben sich offensichtlich von ihrer „Schockstarre“ nach dem Tod des Anführers Baitullah Mehsud erholt. „Diese Führungsschwäche wurde vom pakistanischen Militär nicht effektiv ausgenutzt“, sagt Enste von der Böll-Stiftung. Es sei den Soldaten nicht zugemutet worden, während des Fastenmonats Ramadan eine Offensive zu beginnen. Al Qaida und Taliban hingegen hätten diese Zeit genutzt, um sich zu regruppieren. Ein Bündnis zwischen den beiden Organisationen in Pakistan sei nun auch offen verkündet worden. Bei logistisch schwierigeren Anschlägen wie denen am Mittwoch sei es nahe liegend, dass sie von Al Qaida unterstützt wurden. Die Taliban selbst würden eher reine Selbstmordattentate ausführen.

Haben die Taliban Erfolg mit ihrer Strategie, die Bevölkerung zu verunsichern?

Bereits bei den Wahlen im August war die Beteiligung in Afghanistan gering. „Mit dem Angriff auf die UN haben die Taliban gezeigt, dass sie in der Lage sind, mitten im Zentrum des Geschehens so einen Anschlag aufzuführen“, sagt Kaim. Es ist zu befürchten, dass die Taliban-Strategie aufgeht, so die Wahlbeteiligung zu senken. Ein Taliban-Sprecher gab zudem bekannt, dies sei nur der „erste Angriff“.

In Pakistan hingegen hat die Anschlagsserie der vergangenen Wochen eher bewirkt, dass die Bevölkerung geschlossener die Offensive gegen die Taliban im Grenzgebiet zu Afghanistan befürwortet. „Es herrscht große Einigkeit“, sagt Enste.

Worauf kommt es in Pakistan jetzt an?

„Der Kampf gegen die pakistanischen Taliban kann letztlich nicht militärisch gewonnen werden“, sagt Jochen Hippler vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen. Die Taliban seien in Pakistan nicht stark, würden aber von der Schwäche des Zentralstaates profitieren. „Für sich genommen bringt der Militäreinsatz gar nichts“, sagt Hippler. Man könne dadurch allerdings Zeit gewinnen und diese dafür nutzen, die rechtsstaatlichen Strukturen in Pakistan zu stärken und Korruption zu bekämpfen. Die Taliban seien in Pakistan vor allem erfolgreich, weil sie Gerechtigkeit versprechen. Die Menschen registrierten, dass ein Großteil der säkularen Eliten das Recht nur ernst nehme, wenn es ihnen nütze. Das Ziel müsse sein, in den Stammesgebieten eine nicht korrupte Verwaltung aufzubauen, die das Recht durchsetzen kann. „Dann wären die Taliban irgendwann keine wesentliche Gefahr mehr.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben