Afghanistan und wir : Was wirklich hilft

Von Gerd Appenzeller

Gerd Appenzeller

Nein, es ist nicht wahr, dass die Diskussion über die deutsche Rolle in Afghanistan durch die Entführung zweier Ingenieure und den Tod des einen davon erst wirklich befeuert worden wäre. Die sowohl hoch emotionale als auch argumentative Auseinandersetzung, welche Erfolge und Misserfolge die westlichen Truppen dort ganz allgemein und die Soldaten der Bundeswehr im Besonderen vorzuzeigen oder zu verschweigen haben, dauert schon seit Wochen an. Das hängt mit der Vermischung der zwei verschiedenen Mandate – eines eher politischen und eines rein militärischen – zusammen, aber auch mit dem zunehmenden Terror in dem bitterarmen Land. Diese Diskussion muss geführt werden, unabhängig vom weiteren Verlauf des Geiseldramas, dessen Opfer ja nicht nur Deutsche, sondern auch zahlreiche Südkoreaner und Afghanen sind.

Die deutschen Soldaten haben auf diese innenpolitische Selbstvergewisserung genauso einen Anspruch wie die deutschen Hilfsorganisationen, die in Afghanistan beim Aufbau ziviler Infrastrukturen helfen. Wer seinen Standpunkt sucht, darf dabei die Selbstzweifel nicht ausblenden. Sie zu verschweigen, wäre unredlich. Beides, Selbstbewusstsein und Unsicherheit, werden spätestens im Herbst auch den Bundestag beschäftigen, wenn er über eine Verlängerung des jetzigen Afghanistanmandats der Bundeswehr entscheiden muss.

Dass es zu dieser Verlängerung kommen wird, steht ungeachtet der streitigen Auseinandersetzung fest. Die Isaf, die International Security Assistance Force, steht für einen friedenserzwingenden Einsatz unter dem Mandat der Vereinten Nationen. Die nach dem Sturz der Taliban gebildete afghanische Regierung hatte Ende 2001 um diese Unterstützung gebeten. Die im ganzen Land stationierten 18 500 Isaf-Soldaten werden von der Nato geführt. Würde Deutschland seine 3510 Frauen und Männer zurückziehen, käme dies einer Aufkündigung der Allianz gleich – ein absolut unvorstellbarer Schritt, zu dem allenfalls die Links-Fraktion bereit wäre.

Ins Zwielicht geraten ist Isaf durch die zweite, eine rein militärische Aktion, die von den USA geführte „Operation Enduring Freedom“, OEF. Auch die Amerikaner können sich auf ein UN-Mandat berufen, das sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erhielten, um die dafür verantwortliche Al-Qaida-Führung und die sie deckenden Taliban zu bekämpfen. OEF operiert heute vor allem durch Bombardements aus der Luft, die immer wieder die Zivilbevölkerung treffen und deshalb nach Meinung vieler, auch westlicher, Beobachter absolut kontraproduktiv sind. Was die USA zunächst richtig als Akt der Befreiung vom Terrorismus verstanden, wird von den Afghanen zunehmend – als Terror empfunden.

Nun zeigen alle Erfahrungen seit dem Zweiten Weltkrieg, dass kein Gegner allein durch Bombardements aus der Luft militärisch zu besiegen ist. Deutschland kapitulierte erst, nachdem die Alliierten es besetzt hatten. Der Vietnamkrieg ging verloren, weil die Amerikaner nicht genügend Bodentruppen einsetzen konnten. Auch die Taliban oder Al Qaida sind in Afghanistan nicht zu schlagen, weil der Westen nicht willens ist, die dafür rein rechnerisch notwendigen 800 000 Soldaten zu mobilisieren. Um was es allenfalls gehen kann, ist eine Stabilisierung der Lage, die wiederum einen allmählichen Aufbau ziviler Verwaltungsstrukturen und einer relativ demokratischen Gesellschaft unter dem Schutz der Isaf erlaubt. Das könnte dem Terrorismus nach und nach den Boden entziehen – was vorrangiges Ziel der zivilisierten Welt sein muss.

Die Afghanen vertrauen den Deutschen seit Jahrzehnten in besonderem Maß. Aus der Führungsschicht dort haben viele in Deutschland studiert. Deutsche Rückzugsdiskussionen würden von ihnen als Verrat empfunden, denn dank des Isaf-Einsatzes findet das Land wieder Anschluss an internationale Handelsverbindungen. Der Wohlstand wächst langsam. Wer Afghanistan helfen will, der muss also mehr und nicht weniger Helfer schicken – und die USA davon überzeugen, dass ihre Politik nicht weiterhilft.

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