Zeitung Heute : Afroafrikanischer Artaud

NORBERT SERVOS

Ismael Ivo choreographiert die Vita des französischen TheatervisionärsZwei Versuche - keine Lösung? Nur wenige Wochen ist es her, da hat Johann Kresnik versucht, dem französischen Theatervisionär Antonin Artaud im Berliner Prater ein choreographisches Denkmal zu setzen.Doch die Parforcetour "Antonin Nalpas", bei der ein Tänzer und ein Schauspieler um ihr Leben spielten, zelebrierte den alten Gestus der Provokation nur noch als müde Behauptung.Einmal mehr stellte sich die Frage, ob Artauds Theoreme überhaupt zu bühnenwirksamem Leben erweckt werden können. Inzwischen hat der Weimarer Tanztheaterleiter Ismael Ivo seine Lesart der leidvollen Vita für die Ludwigsburger Festspiele verfaßt.Dabei läßt er sich zu einem Klappsmühlenauftakt verführen: Die Bühne (Ausstattung: Ric Schachtebeck) zeigt eine zweiseitig ummauerte, dick gepolsterte Gummizelle.Rote Schnüre hängen aus dem Bühnenhimmel.Er sieht aus wie ein Geburtskanal, aus dem später der unglückliche Held in die ungefüge Welt fällt.Dort geht es einigermaßen freudlos zu.Zu den verwehten Klängen von Paulo Chagas grimassieren neun Köpfe auf dem Mauerrand stumme Botschaften.Dann gleitet einer nach dem anderen in den trüben Raum, gequält von Ticks oder plötzlich krampfenden Anfällen. "Fremd im eigenen Körper - Auswanderungen" heißt die einstündige Exkursion, einer Idee von Heiner Müller folgend.Der Fremde ist Artaud (Ismael Ivo), der sich weder mit seiner Rolle als Mann noch mit dem gesellschaftlichen Mangel an Ekstase abfinden mag.Doch Ivo und sein Co-Regisseur Lothar Baumgarten stellen die innere Zerrissenheit des Protagonisten und seiner Umgebung in der ersten Hälfte nur mit gängigen Wahnsinns-Klischees dar.Überdies gerinnt die Darstellung oft zur Pose: Rollen tauchen auf (die Mutter, die Geliebte) und verschwinden wieder, bevor sie an Kontur gewonnen haben.Der eigentliche Konflikt ist noch nicht gesetzt, da laboriert die zehnköpfige Truppe schon an den Symptomen. Erst nach dieser langen Ouvertüre, die mehr Schrecken verkündet als verwirklicht, gewinnt das Stück an Substanz.Der Ansatz wechselt vom Theater der Zeichen und Behauptungen zu physischer Direktheit - und wird so glaubhaft.Flammenschalen beleuchten flackernd einen magischen Ort der Initiation.Undeutlich erkennt man nackte Rücken, heftig atmend, zur Seite fallend.In wütendem Stampfen preschen sie vor gegen die Wand, aufgeblasen mit Energie und Lebenskraft. Artauds Mexiko-Fahrt, die ihn mit Drogen und Rausch bekannt machte, leitet die Wende ein.Eine Rimbaudsche Höllenzeit bricht an, voller taumelnder Visionen.Dann folgt eine Ruhe, die nur von kurzer Dauer ist.Rüde gießt ein Mann einen Eimer Farbe über den Protagonisten.Der schwarze Mann, der Außenseiter, wird umgefärbt.Artauds Mumifizierung zur schönen Leiche der Theateravantgarde.Erst in der zweiten Hälfte gelingt "Fremd im eigenen Körper" das Vabanque-Spiel zwischen Theaternormalität und ekstatischer Vision.Wo Ismael Ivo seinen körperlichen und choreographischen Mitteln vertraut, gewinnt auch sein Ensemble eine scharfe Präsenz und Unmittelbarkeit.Was sie tun und können, muß jedoch anders gelesen werden als gewohnt.Denn Ivos Tanztheater nährt sich nicht aus der europäischen Theaterkonvention.Es ist ein Nachfahre afroamerikanischer Rituale, die sich in der Verschmelzung verschiedener Kulturen einen Zugang zur Magie bewahrt haben.Damit jedoch kommt er den revoltierenden Gedankenflügen eines Artaud schon ziemlich nahe.NORBERT SERVOS

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