Zeitung Heute : "afterlife e-mails": Letzte Gedanken aus kühlem Grab

Barbara Munker

Wer schon zu Lebzeiten gerne E-Mails verschickt, kann dafür sorgen, dass seine elektronische Post nach dem Sterben weiter übermittelt wird. Eine Website namens "Letzte Gedanken" (Finalthoughts.com) bietet seinen Kunden die Möglichkeit, elektronische Botschaften zu speichern, die dann nach dem Ableben an Freunde und Verwandte in aller Welt versandt werden.

"Es ist kein makabrer Scherz", versichert der Kalifornier Todd Michael Krim. Auf einem Flug von Los Angeles nach London kam dem 31-jährigen Anwalt die Idee für einen derartigen Service. Das Flugzeug wurde von Turbulenzen geschüttelt und Todd stand Todesängste aus. Dann hätten ihn viele Gedanken geplagt: "Wer wird sich um meinen Hund Jini kümmern, wenn ich abstürze? Wissen meine Eltern, wie sehr ich sie liebe? Was für ein Begräbnis wird die Familie für mich planen?"

Bereits 12 000 Kunden

Nach diesem Erlebnis quittierte der Kalifornier seinen Job als Anwalt und startete die Website "als Service für alle, die sich gefühlsmäßig und praktisch auf ihren Tod vorbereiten wollen". Das Angebot reicht von der Testamentsberatung über Tipps für die Beerdigung bis hin zu Chatrooms, in denen man über Trauer, Ängste und das Leben nach dem Tod reden kann. Doch am meisten gefragt sind die "afterlife e-mails". Mehr als 12 000 Kunden aus 80 Ländern, darunter auch Deutsche, haben sich bereits eingeschrieben.

Das Durchschnittsalter liegt bei 37 Jahren. Todd Michael Krim wundert das nicht. Seine Eltern hätten nie über Sterben und Begräbnisse geredet, "für meine Generation jedoch ist das kein Tabu mehr". Zunächst bestimmt man einen "Schutzengel", ein Familienmitglied oder einen Freund, der im Todesfall sofort die Website "Finalthoughts" benachrichtigt. Dann werden alle E-Mails, die der Verstorbene in seinem "elektronischen Aktenschrank" gespeichert hat, an die Empfänger versandt.

Damit Onkel und Tante keinen Schock bekommen, wenn sie die unerwartete Nachricht von dem Verstorbenen "aus dem Grab" erhalten, wird der privaten E-Mail eine Erklärung beigefügt. Selbstverständlich hat Todd Michael Krim keinen Einblick in die privaten Botschaften seiner Kunden. Sie werden streng vertraulich behandelt, wird den Nutzern ausdrücklich garantiert. Auf seiner Website gibt er jedoch Hilfestellung für jene, denen der Gedanke ans Sterben die Sprache verschlägt. Ein Vorschlag: "Hi, Mom, du warst immer so gut darin, meine Feiern, meine Geburtstage und meine Hochzeit zu planen. Ich bitte dich jetzt darum, meine Beerdigung nach meinen Wünschen auszurichten."

Praktisches und Persönliches

Es folgt eine detaillierte Liste mit Vorschlägen, zum Beispiel, dass Spenden für einen guten Zweck statt Blumen gewünscht werden, eine Feuerbestattung vorgezogen wird oder was auf dem Grabstein stehen soll. Krim gibt zu, dass er sehr persönliche Briefe für seine Eltern gespeichert hat, aber auch lustige Abschiedsbriefe für seine Freunde mit Witzen und Anekdoten und einer Aufzählung seiner Lieblingsbücher und Kochrezepte.

So unterschiedlich der Inhalt der E-Mails, so verschieden ist auch die Gestaltung. Der Kunde kann sich das passende Briefpapier aussuchen, von einem dezenten blaugrauen Design bis zu Himmelswolken, Engelchen und Herzen. Die 56-jährige Kalifornierin Gayle Groves zählte zu den ersten Kunden, die den Service bestellten. Als ihr Mann vor zwei Jahren plötzlich starb, wusste sie nicht, wie er beerdigt werden und ob er seine Organe spenden wollte. "Ich war vollkommen hilflos und musste alle Entscheidungen alleine treffen", schildert sie.

Für ihren eigenen Todesfall hat sie nun vorgesorgt. Per E-Mail werden ihre Kinder und Freunde alles Wichtige erfahren. Die Website- Betreiber möchten es indessen nicht nur bei geschriebenen Worten belassen. Krim will in diesem Jahr auch Video- und Audio-E-Mails anbieten, damit die Kunden sich mit Ton und Bild verabschieden können.

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