Zeitung Heute : Agenten im Netz
Erst waren es nur einige tausend Knoten, dann ein engmaschiges Geflecht. Mittlerweile ist das Internet ein dichter, undurchsichtiger Filz. Um diesen Dschungel nach Informationen, Angeboten und potenziellen Geschäftspartnern zu durchsuchen, reichen große Suchmaschinen wie Google nicht mehr aus. Deshalb wandelt sich der Filz zum Biotop, in dem unabhängige, selbstständige „Agenten“ agieren.
„Solche Agenten suchen nach bestimmten Informationen oder sie erledigen andere Aufgaben im Internet“, erläutert Sahin Albayrak, Professor für Mobilfunksysteme und wissenschaftlicher Direktor des DAI-Labors der TU Berlin. Dort arbeiten rund siebzig Wissenschaftler und dreißig Studenten an intelligenter Software und Diensten für das Internet, Mobilfunknetze und andere Formen der Telekommunikation.
„Wir haben einen so genannten personalisierten Informationsagenten entwickelt, den wir beispielsweise in der Forschung dazu nutzen, neueste Informationen rund um die Agententechnologie zu recherchieren“, sagt Sahin Albayrak.
Intelligente Softwaremodule, die im Auftrag eines Nutzers selbstständig und autonom den weltweiten Datendschungel durchstöbern, gibt es bislang nur in Forschungslabors. Die Entwicklungsumgebung, die die TU-Wissenschaftler für solche Agenten bereitstellen, umfasst mehr als 170 000 Programmzeilen. Künftig wird es auf diese Weise sehr schnell möglich sein, Agenten für spezielle Aufgaben zu programmieren. Anstatt neue Programme zu entwerfen, tauscht man nur spezielle Module aus. Standardmodule werden über eine Datenbank automatisch eingefügt.
Die Forscher arbeiten eng mit großen Unternehmen der Branche zusammen, allen voran die Deutsche Telekom. „Wenn man im Internet bestimmte Informationen sucht, erhält man in den Suchmaschinen endlose Listen von allen möglichen Einträgen“, präzisiert Sahin Albayrak die Aufgaben der virtuellen Zuträger. „Ein personalisierter Agent ordnet die Informationen nach ihrer Bedeutung, sammelt und filtert sie. Auf Wunsch aktualisiert er seine Ergebnisse und lernt, sich den Gewohnheiten seines Auftraggebers anzupassen. Wenn Sie so wollen, sind die Agenten die Stellvertreter des Menschen im Netz.“
Intelligente und autonome Softwareagenten können beispielsweise helfen, Flugpreise im Internet zu sondieren. Sie helfen beim Shopping oder verfolgen Aktienkurse. „Es gibt schon Agenten, die wie ein Immunsystem für die Sicherheit sensibler Steuerungen agieren“, nennt Sahin Albayrak ein weiteres Beispiel. „Sie schirmen die Steuersoftware großer Energieerzeuger, Banken und Krankenhäuser gegen Attacken von Computerviren oder so genannten Würmern ab.“ Je komplexer die Steuerungen und die Software werden, um so anfälliger sind sie für Angriffe von außen.
Im DAI-Labor der TU Berlin am Salzufer in Charlottenburg steht modernste Informationstechnik bereit, um solche neuen Anwendungen praxisnah auszutesten. Auf vier bis fünf Millionen Euro schätzt der Institutschef den Gerätebestand in einem der größten Labore dieser Art in Deutschland. In dieser Branche schreitet die Innovation besonders schnell voran. „Schätzungen aus den USA besagen, dass im Mobilfunk in jedem Jahr eine neue Technik eingeführt wird, die die bisherigen Systeme revolutioniert.“
Schon tummeln sich diverse Kommunikationssysteme im Äther, beispielsweise UMTS, GSM, Bluetooth, WLAN oder GPRS. Diese verschiedenen Technologien zur Verwaltung und Übertragung von Daten im Mobilfunk passen nicht reibungslos zusammen. „Bislang muss man sich beim Übergang in ein neues Funknetz neu einloggen oder die Konfiguration des Endgerätes verändern“, erklärt Ingo Rübe, Informatiker am DAI-Labor. „Künftig wird sich der Nutzer eines Handys oder eines Notebooks mit diesen technischen Details nicht mehr beschäftigen müssen. Egal, in welchem System er sich gerade befindet – sowohl sein Gerät als auch das Netz erkennen sich gegenseitig und schalten automatisch um.“
Die TU-Forscher wollen im nächsten Jahr anhand eines Prototypen zeigen, dass der automatische Wechsel zwischen den verschiedenen Mobilfunkstandards technisch und logistisch machbar ist. Das System wird eine intelligente Entscheidungshilfe zur Auffindung des Netzes mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis beinhalten und nicht nur den Aufenthaltsort, sondern auch die momentanen Anforderungen des Benutzers berücksichtigen. Darin steckt nicht nur viel Grips, sondern auch erhebliche Erfahrung im Management ehrgeiziger Forschungsprojekte. Die Wissenschaftler arbeiten mit großen Handyherstellern wie Motorola zusammen, stimmen in Gremien die Standards und Schnittstellen ab. Sie testen ihre Ideen und Lösungen unter realistischen Bedingungen auf der Straße.
Die Kompatibilität der verschiedenen Netze wird ein wichtiges Hindernis auf dem Weg zur umfassenden Informationsgesellschaft beiseite räumen: Erst wenn die Nutzer ihre elektronischen Dienste überall und in hoher Qualität empfangen können, wird sich der Einsatz teurer UMTS-Technik lohnen.
Zur Erinnerung: Allein für die deutschen Lizenzen legten die Mobilfunkbetreiber seinerzeit rund fünfzig Milliarden Euro auf den Tisch. Eine ähnliche Summe muss in den Aufbau eines flächendeckenden Netzes investiert werden. „Die Netze mit nützlichen Inhalten und Diensten zu füllen, ist eine wesentliche Aufgabe“, meint Sahin Albayrak. „Die Dienste müssen den Leuten helfen, ihre Arbeit besser und schneller zu erledigen, ihr Wissen zu steigern und die Arbeitszeit effektiver zu nutzen.“
Stück für Stück erfüllen die Forscher mit Leben, was heute wie eine ferne Vision erscheint: „Es wird künftig möglich sein, dass mein Informationssystem genau erkennt, wo ich mich befinde. Wenn ich morgens zu Hause bin, liefert es mir wichtige Daten direkt auf den Bildschirm meines Fernsehgerätes“, nennt er ein Beispiel. „Später, auf dem Weg zur Arbeit, bekomme ich meine Informationen auf das Handy. Im Büro nutzt das System dann meinen Personal Computer.“
Diese intelligenten Informationssysteme werden sich überall ausbreiten. So sind in den USA bereits Sportjacken in der Entwicklung, die in den Stoff integrierte Sensoren für den Blutdruck und den Puls tragen. Die Messwerte gehen an ein kleines Display am Handgelenk. Über das Handy kann diese Jacke direkt mit einem Mediziner Kontakt aufnehmen.
Nähere Informationen bei Prof. Dr. Sahin Albayrak, DAI-Labor, Salzufer 12, 10587 Berlin, Telefon: 030/314-24943, E-Mail: sahin.albayrak@dai-labor.de , oder im Internet unter: www.dai-labor.de





