Zeitung Heute : "Agenten sind ein Mysterium"

GUNTER BECKER

TAGESSPIEGEL Online: Herr Wand, Ihre CD ROM Berlin Connection lässt ein Stück deutscher Zeitgeschichte wieder aufleben: Mauerbau, kalter Krieg, Mauerfall.Wer oder was hat Sie zu Berlin Connection inspiriert? Kindheitserinnerungen?

Eku Wand: Sicher gibt es da auch persönliche Bezüge.Mein Vater kam ursprünglich aus der DDR.Er ist rechtzeitig vorm Mauerbau in den Westen gegangen.Aber ich habe als Kind bei Besuchen im Osten natürlich immer die Durchsuchungen und Repressalien an der Grenze mitbekommen.Inofern ist Berlin Connection auch eine Verarbeitung dieser Zeit.Einanderer Aspekt, der uns interessiert hat, war der Verlust der Orientierung nach dem Mauerfall.Die Perspektive von Osten nach Westen war nach dem Fall der Mauer anfangs ja verwirrend.Man fragte sich: Wie war das denn? Wo war dieses Haus? Es fehlten einem die Fixpunkte.Diese Spurensuche ist auch in das Spiel mit eingeflossen.

TAGESSPIEGEL Online: Gleichzeitig spielen politische Ereignisse und Entwicklungen eine Rolle: der Wettkampf der Systeme, Spionage und Gegenspionage.

Eku Wand: Das hat uns natürlich auch inspiriert.Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung von Berlin Connection fällt zwischen das Luftbrücken-Jubiläum und das 10jährige Jubiläum des Mauerfalls im kommenden Jahr.Gleichzeitigpassieren in der politischen Realität Dinge wie der Plutoniumschmuggel zwischen Moskau und München.Da vermischen sich teilweise doch auch Fiktion und Wirklichkeit.Auch bei Berlin Connection geht es um "heisse Ware".Deshalb werden wir auch im Internet eine Redaktion zu Berlin Connection einrichten: eine Untersuchungskommission, die recherchieren und dokumentieren wird.

TAGESSPIEGEL Online: Dieser historische Background ist für Leute, die während der 60er, 70er Jahre aufgewachsen sind, sicher interessant.Die nutzen Computerspiele aber relativ selten.Umgekehrt ist das Game-Publikum wesentlich jünger und möglicherweise nicht an einem zeitgeschichtlichen Stoff interessiert.Für welches Publikum haben Sie Berlin Connection produziert?

Eku Wand: Ich denke, daß man das Publikum, ähnlich wie beim Film, mit Geschichten begeistern kann, die gut erzählt sind.Als wir erste Konzepte für Berlin Connection machten, gingen die Vorstellungen in Richtung: Mauer-Puzzle, Scotland Yard in Berlin etc.Aber davon kamen wir schnell wieder weg.Das wäre eher was für ein Brettspiel gewesen.Wir wollten einen stärkeren Berlin-Bezug herstellen.Damals kam gerade der Film "The Innocent" mit Isabella Rosselini und Anthony Hopkins in die Kinos.Darin ging es um die "Operation Gold" also diesen Abhörtunnel der Alliierten.Dieser Tunnel wurde für uns zu einem wichtigen Bezugspunkt.Um diesen Komplex bewegten wir uns und spielten damit.Agenten sind doch ein Mysterium, ein Magnet und dem haben wir nachgeforscht.Wir wollten dabei aber weniger "Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke" und mehr neue Facetten dieses Themas entdecken.Ich glaube daß man damit auch jüngeres Publikum begeistern kann, daß Berlin Connection für ganz verschiedene User interessant ist.

TAGESSPIEGEL Online: In welches Spiele-Genre würden Sie Berlin Connection einsortieren.Ist das ein Adventure Game? Oder schon Edutainment, Geschichtsunterricht auf CD ROM?

Eku Wand: Einerseits werden wir sicherlich die Adventure-Leute erreichen, andererseits sehe ich die Stärken von Berlin Connection gerade in seiner Mischung aus Edutainment und Dokumentar-Thriller.Es ist doch so, daß man zeitweise von diesem Abschnitt der deutschen Geschichte vollkommen überfüttert war.Der Mauerfall und die Ereignisse, die dazu geführt hatten, setzten schon so eine Patina an.Die wollten wir ankratzen, wollten das Thema wieder lebendig machen, wollten das nicht als statisches Dokument dastehen lassen.Geschichte muß doch hinterfragt werden.In Berlin Connection gibt es die "Bosetzky-Schiene", den Krimi, dann das Adventure und daneben aber auch die dokumentarische und historisierende Schiene.Der Spieler kann Zeitreisen durch die deutsche Nachkriegsgeschichte unternehmen.Ich glaube, daß, wenn man auf diese Weise selbst aktiv werden kann, daß dann im Kopf eine ganz andere Umsetzung von Geschichte stattfindet.

TAGESSPIEGEL Online: Denken Sie beim Publikum auch an das Umfeld Berlin-Tourismus und an einen interrnationalen Vertrieb?

Eku Wand: Wir haben bei der Produktion immer schon die Anpassung an internationale Märkte mitbedacht und mitgeplant.Eine englische Fassung wird kommen.Deutschland ist als Binnenmarkt einfach zu klein, um solch eine Produktion zu refinanzieren.Dieses Problem hat auch das deutsche Filmbusiness.Wir haben beim Publikum auf ein multifunktionelles Vorgehen gesetzt: es gibt da die begeisterten Computeranwender und Computerspieler, die Literaturinteressierten, die Schulen, aber auch die Touristen und Zeitzeugen.

TAGESSPIEGEL Online: Nach einem kurzen Flirt mit Bertelsmann haben Sie Berlin Connection jetzt letzten Endes im Alleingang mit einem kleinen Team produziert.Eine echte Independent-Produktion.Für solch ein aufwendiges Projekt ist das zumindest ungewöhnlich.War das Autorenkino gegen Hollywood?

Eku Wand: Wir hatten irgendwann beschlossen, ganzheitlich an das Projekt heranzugehen.Das heißt zum Beispiel, von der Gestaltung des Interface, bis zum Print und dem Internetauftritt lag alles in den Händen eines kleinen Teams.Das hat den Vorteil, daß wir jetzt keine Marketing-Etiketten erfinden müssen, um sie auf das Game aufzukleben.Wir kennen das Produkt ganz genau und wissen, daß es aus sich selbst heraus funktionieren wird.Also schon irgendwie Autorenkino, aber mit der Gewißheit das wird sich auch verkaufen.Wir glauben, daß das Konzept aufgehen wird und sind ganz optimistisch.

TAGESSPIEGEL Online: Herr Wand, danke für das Gespräch

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