Zeitung Heute : Agon für geläufige Finger

Barenboim und Lupu mit einer Mozart-Privatakademie Eine "expreß" komponierte "Sonate in zweyen" von Wolfgang Amadeus Mozart und das Konzert für zwei Klaviere in Es-Dur KV 365 sind geeignet, das ganze ausverkaufte Schauspielhaus in eine Privatakademie bei der Wiener Familie Auernhammer zu verwandeln.In diesem Fall aber handelt es sich nicht um "die fl.v.Auerhammer und ich", nämlich Mozart, sondern um die beiden Pianisten Daniel Barenboim und Radu Lupu, die sich musizierend einsetzen und das Sinfoniekonzert Nr.8 der Staatskapelle Berlin nach dem Herzen eines Publikums gestalten, das sich auf den goldverbrämten Rängen drängt und die Darbietungen sehr wohlwollend aufnimmt. Die Sonate ist ein breit angelegtes Stück für geläufige Finger, welche in den festlichen Ecksätzen ihr bestes geben, während das Andante in der Interpretation der konzertierenden Musiker oder überhaupt ein bißchen schläfrig stimmt. Nach ursprünglicher Planung hätte der Abend wohl etwas interessanter ausgesehen, wenn es zur Aufführung der "Merlin"-Fragmente von Manfred Trojahn gekommen wäre.Die Komposition wurde gestrichen, da sie in enger Verbindung mit dem Bühnenwerk Trojahns gestanden hätte, das im Herbst an der Staatsoper seine Uraufführung erleben sollte.Mit der Verschiebung des Projektes - einerseits, wie gemeldet, aus finanziellen Gründen, andererseits, da erschwerend oder erleichternd hinzukommt, daß die Oper noch nicht vollendet vorliegt - verbindet sich die der Fragmente.Am Gendarmenmarkt ist die Nachricht von der Programmänderung offenbar nicht angekommen, das Haus bleibt in seinen Informationen bis zuletzt bei Trojahn. Im Doppelkonzert, das nicht nur mit seiner Tonart Es-Dur der größeren, genialen Sinfonia concertante für Violine und Viola nahesteht, läßt Barenboim das Orchester raunen und träumen, ohne daß die klanglichen Delikatessen in der Zwiesprache der komponiert gleichberechtigten Solisten den Eindruck gänzlich zerstreuen können, man höre in ihrem fleißigen Agon einen Mozart vom laufenden Meter. Als anspruchsvollstes Werk des Programms steht das Klavierkonzert KV 595 in B-Dur aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten im Zentrum, das er bei seinem letzten musikalischen Auftritt noch eigenhändig gespielt hat.Radu Lupu ist ein bedeutender Pianist, Daniel Barenboim ebenso zweifellos ein bedeutender Musiker - und doch läßt dieses ernste Konzert, das eines des "Abschieds" genannt worden ist, mit dem im Finale vorweggenommenen Lied "Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün" Wünsche zurück.Wem das Spielen leicht fällt, wie dem mit Schallplattenpreisen à la Grammy versehenen Rumänen Radu Lupu, der kann in Gefahr geraten, den Mozart zu leicht zu nehmen. Bei aller legitimen Klangverliebtheit gerät das Ganze eher locker anmutig als gespannt zupackend in der Artikulation, weil es, wie hier der Anschein aufkommt, wie ein schlichterer Vorläufer des romantischen Virtuosenkonzerts begriffen wird. Obwohl Vergleiche meistens ihre Tücken haben, hier ist der Eindruck noch zu frisch: Der Mozart, den das Berliner Philharmonische Orchester unter Ivan Fischer mit dem Solisten Albrecht Mayer tags zuvor in der Philharmonie zu bieten hatte, das Oboenkonzert nämlich, bleibt in Erinnerung als tiefere Anmut, wie sie als ästhetische Kathegorie Gewicht hat.

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