Zeitung Heute : Aids in Afrika: Schlangen vor dem Friedhofstor

Martin Gehlen

Der schwarze Junge kauert auf der Bettkante. Mit reglosem Gesicht umklammert er sein Schmusetier, ein rosa Nilpferd. Auf seinem Nachttisch läuft leise ein Radio, daneben steht eine fast leere Wasserflasche. Mit anderen Kindern hat der Elfjährige schon lange nicht mehr gespielt, seit drei Jahren fehlt er in der Schule. Auf dem kleinen Pappschild über seinem Bett steht sein Name - Luckmore Zuze. Afrikanische Eltern geben ihren Kindern gerne Namen, die das Schicksal günstig beeinflussen sollen. "Mehr Glück" sollte der Kleine ihnen bringen. Mutter und Vater sind inzwischen tot, gestorben an Aids. Auch Luckmore trägt das tödliche Virus in sich - seit seiner Geburt. Halbtot haben ihn die Schwestern des Mashambanzou Care Trust vor zwei Monaten in Epworth aufgelesen, einem Elendsviertel von Harare, der Hauptstadt Zimbabwes. Seitdem lebt er zusammen mit 21 anderen Schwerstkranken in einem Zimmerchen ihres kirchlichen Pflegeheims.

700 000 Kinder in Zimbabwe teilen des Schicksal von Luckmore. Sie sind Aids-Waisen, haben ihre Eltern verloren. Viele finden zunächst Aufnahme bei Verwandten. Aber das Ausmaß der Aids-Epidemie in Zimbabwe, Südafrika und den übrigen Ländern im Süden des Kontinents hat dieses traditionelle Fürsorgesystem längst total überlastet. Jungen und Mädchen mussten nach dem Tod ihrer leiblichen Eltern auch noch das Sterben ihrer Pflegeeltern miterleben. Großmütter ziehen alleine zehn und mehr Kinder auf und wissen nicht, wie sie diese mit ihrer kleinen Rente ernähren sollen. Oder Halbwüchsige versuchen auf eigene Faust, sich und ihre Geschwister durchzubringen.

Die neunjährige Ningi Mkhize aus dem "Gebiet der 1000 Hügel" nördlich der südafrikanischen Hafenstadt Durban fiel Erwachsenen auf, weil sie Hühner stahl. Sie wollte sich und ihren kleinen Brüdern etwas zu essen kochen. Ihre Eltern sind an Aids gestorben. Heute wohnen alle drei im "Agape Child Care and Support Center". Die Seele dieses Aids-Waisenhauses, die vom deutschen katholischen Hilfswerk Misereor mitfinanziert wird, ist Zodwa Mqadi. Mit watschelndem Gang schreitet die füllige und energische Frau in dem grünen Kleid durch die Schar ihrer spielenden und schreienden Zöglinge. "Die Lage wurde immer dramatischer, irgendjemand musste etwas für diese Kinder tun", sagt sie. Zodwa Mqadi mietete ein Steinhaus für umgerechnet 450 Mark im Monat, legte mit ihren sieben Mitarbeiterinnen einen Gemüsegarten an. Auf dem Hof stehen zwei ausgediente Container voll alter Polstermöbel, in denen die Kinder spielen. 43 Mädchen und Jungen im Alter von acht Monaten bis 17 Jahren leben mittlerweile in ihrem neuen Zuhause. Nachts schlafen alle nebeneinander auf dem Fußboden.

30 Prozent sind HIV-positiv

In keinem Teil der Erde sind die Folgen der Aids-Epidemie so katastrophal wie in den Ländern südlich der Sahara. Nach Angaben der UNO leben hier zwei Drittel aller HIV-Infizierten. Weltweit haben sich seit Ausbruch der Seuche 54 Millionen Menschen angesteckt, darunter fünf Millionen Kinder. Etwa ein Drittel von ihnen ist bereits gestorben. Zimbabwe führt die Todesstatistik an. Hier sind 25 bis 35 Prozent aller Einwohner im Alter zwischen 15 und 49 Jahren erkrankt. In Namibia, Sambia, Malawi und Mozambique sieht es kaum besser aus. Südafrika meldet 13 Prozent HIV-Positive, in Deutschland sind es nur 0,08 Prozent.

Geschieht nichts, rechnen Fachleute für Zimbabwe am Ende des Jahrzehnts mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von weniger als 30 Jahren. "Manchmal haben wir vier Beerdigungen am Tag", sagt ein Pfarrer aus der Kreisstadt Chinhoyi. In der Provinzhauptstadt Bulawayo bilden Leichenwagen an Samstagen regelrechte Schlangen vor dem Friedhofstor.

Doch anders als im bisherigen Aids-Notstandsgebiet Uganda zögern die Regierungen in Zimbabwe und Südafrika, auf die Krise mit allen Kräften zu reagieren. Stattdessen verärgerte der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki die Fachwelt, als er gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über HIV-Ansteckungswege öffentlich in Frage stellte. Zimbabwes Robert Mugabe führte zwar im letzten Jahr eine Aids-Steuer ein, das Geld versickerte jedoch in den Kanälen der Regierungsbürokratie und kam nicht bei den Schwerkranken an.

Einer von ihnen ist Nelson Jaya. Seit vier Monaten kann er nicht mehr laufen. Zum Beweis streift der 35-jährige ehemalige Automechaniker mit matten Bewegungen die Bettdecke von seinen dürren Beinen. Als er vor zwei Jahren an Aids erkrankte, hat ihn seine Frau kurzerhand gepackt, bei seinen Eltern vor der Tür abgesetzt und die Scheidung eingereicht. Ob er sie angesteckt hat, kann er nicht sagen.

Gerade die Männer sind für die beispiellose Ausbreitung des Virus im südlichen Afrika verantwortlich. Viele arbeiten als Migranten, gehen fremd, schlafen mit Prostituierten und stecken dann ihre Ehefrauen an. Sexuelle Themen sind tabu, Sexualerziehung ist wenig entwickelt, Kondomgebrauch gilt als unschicklich. Vergewaltigungen von Kindern und jungen Mädchen nehmen stark zu, weil Männer glauben, Sex mit einer Jungfrau heile Aids. Frauen und Mädchen sind diesem Aberglauben hilflos ausgeliefert - mit tödlichen Folgen: Die Zahl der infizierten Frauen in Afrika übertrifft längst die Zahl der HIV-positiven Männer.

"Wir müssen uns auf die Jugendlichen konzentrieren, ihr Verhalten und ihren Lebensstil ändern", sagt Ted Rogers, Jesuit und Mitarbeiter im ordenseigenen Aids-Projekt. Kondome zu verteilen ist aus seiner Sicht zwar eine Hilfe, aber keine Lösung. Wichtiger sei Erziehung zu Verantwortung. An zehn Schulen Zimbabwes unterhält der Orden mittlerweile Gruppenprogramme - ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die jungen Leute lernen, offen miteinander über ihre Beziehungen und Sexualität zu reden. "Ergebnis ist, dass die Jungen deutlich mehr Respekt vor den Mädchen haben als zuvor", erläutert Ted Rogers und fügt hinzu: "Die junge Generation muss sich eine neue Kultur des Umgangs miteinander erwerben. Sonst wird sie wie ihre Vorgänger von Aids hinweggerafft werden."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar