Zeitung Heute : Airbags: Bald ohne Feuerwerk

Autohersteller in aller Welt liefern sich eine Kissenschlacht: Sie bauen immer mehr Airbags in ihre Fahrzeuge ein, nicht mehr nur ins Lenkrad, sondern auch in die Türen, neben und über die Köpfe der Insassen, unter ihre Füße und demnächst auch in die Sicherheitsgurte. Um diese Auffangkissen weiter zu verbessern, produziert die Stuttgarter Firma Welz in Rathenow neue Kaltgasgeneratoren.

Die erste Airbag-Generation, seit 1967 entwickelt, wird mit Sprengstoff und Chemie zur Entfaltung gebracht. Bei einem Unfall werden Gaspatronen gezündet und der Sack explosionsartig aufgeblasen. Eine heiße Angelegenheit: 3000 Grad beim Abbrand der Zündpille, das Gas im Airbag hat noch rund 300 Grad. Falls der Airbag beschädigt wird, etwa durch Glasscherben, kann es deshalb zu Brandverletzungen kommen. Außerdem entsteht eine giftige Schlacke, so dass auch die Entsorgung zum Problem wird.

Daher wird bei der zweiten Airbag-Generation versucht, die Zahl der Zündpillen zu reduzieren und das Gas abzukühlen. Auch die "Standzeit" des Luftkissens soll verlängert werden - wenn zum Beispiel auf einen ersten Aufprall ein weiterer folgt und zu schlechter Letzt noch ein nachfolgendes Auto in die Unfallstelle rast, sollte der Airbag nicht sofort in sich zusammenfallen.

Die Firma Welz, spezialisiert auf Druckgasstahlflaschen für Feuerlöscher, Getränkespender, Aquarien und viele andere Anwendungen, bekam vor fünf Jahren den Auftrag, für Airbags der zweiten Generation "Ökogeneratoren" mit weniger Pyrotechnik zu entwickeln. Allerdings konnten sich die Auftraggeber zu keiner Entscheidung durchringen.

Schließlich packte Siegfried Welz die Wut: "Wir dürfen kein Spielball der großen Hersteller sein, wir müssen es selbst machen!" In der Nacht sei ihm die Idee zu einem reinen Kaltgasgenerator gekommen, sagt der Fellbacher Unternehmer. "Ich habe das dann gleich am Morgen im Bad skizziert."

Die Airbags der dritten Generation funktionieren nun ganz ohne pyrotechnische Treibladung und ohne heißes Gas: Unter 600 bar Druck ist Helium in einer Metallröhre gespeichert. Im Ernstfall wird dieser Behälter von einem Auslösemechanismus entriegelt - das kalte Gas strömt dann sehr schnell in den Airbag. Im letzten Dezember wurde diese Idee mit dem Innovationspreis der Volks- und Raiffeisenbanken ausgezeichnet.

"Damit gibt es keine Brandwunden mehr. Dieser Generator braucht auch keine besondere Entsorgung mehr, sondern kann als normaler Schrott eingeschmolzen werden", erläutert Siegfried Welz die Vorteile seiner Konstruktion. "Die Standzeiten des Airbags sind nun zwei- bis drei Mal länger als früher - zwei bis vier Minuten sind kein Problem, fast so stabil wie eine Luftmatratze. Und die Herstellungskosten sind günstiger, weil der Generator aus nur 14 Teilen besteht." Außerdem sei Helium elastischer als die bisher genutzten Gasgemische, weshalb nun aufprallende Körper sanfter aufgefangen würden. Nur ins Lenkrad lasse sich der neue Airbag noch nicht einbauen, weil dort der Platz nicht ausreicht: "Wir können das Gas nicht kleiner machen als es ist."

Nach einer dreijährigen Testphase und dem Bau von Prototypen in Fellbach bei Stuttgart hat Welz im Dezember ein 25 Millionen Mark teures Werk im brandenburgischen Rathenow eröffnet, wo zunächst 50 Angestellte die Serienproduktion der neuen Kaltgasgeneratoren begonnen haben. Die Mitarbeiterzahl soll rasch auf rund 300 wachsen, denn die Auftragsbücher sind voll: Peugeot, Audi, BMW, Porsche und andere Autofirmen haben für die nächsten fünf Jahre 35 Millionen Stück bestellt.

"Wir sind im richtigen Moment mit dem richtigen Produkt auf dem Markt", freut sich Siegfried Welz. Dank des neuen Kaltgasgenerators werde demnächst ein Airbag für Motorradwesten in Serie gehen können, "für Reiter wäre es natürlich das gleiche Prinzip". In drei bis vier Jahren werde es auch Airbags für Fußgänger geben, erwartet Welz: "Es gibt immer mehr alte Leute. Wenn die hinfallen, brechen sie sich die Hüfte oder den Oberschenkelhals - mit einem Airbag im Gürtel ließe sich das vermeiden." Besonders in den USA, wo sich viele Menschen keine Krankenversicherung leisten können, würden sich billige Airbags gut verkaufen, hofft der findige Tüftler: "Mir ist nicht bange vor der Zukunft." MARTIN EBNER

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben