Akademie für Faulheit : Ruhe bewahren

Müßiggang ist erlernbar! An der einzigen Akademie für Faulheit kann man Ukulele lernen oder über Platon diskutieren. Und den Kreuzzug für gute Grammatik unterstützen.

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Schüler der Academy büffeln Definitionen.
Schüler der Academy büffeln Definitionen.Antonio Sansica

Ein Abend in West-London: Die Sonne scheint ausnahmsweise über Westbourne Park. Draußen vor einem Pub sitzen Frauen in zu knappen Hosen, tippen Nachrichten in zu kleine Mobiltelefone und schauen irritiert hoch. Rufe! Geschrei! Was ist da los? „Ein Satz ist eine aus einem Wort oder mehreren bestehende sprachliche Einheit.“ Dann ertönt eine barsche Frauenstimme: „Lauter!“ Wieder beginnt der Chor: „Ein Satz ist...“ Was ist das – eine religiöse Splittergruppe, eine neue Sekte, eine terroristische Vereinigung?

Des Rätsels Lösung: The Idler Academy, auf der anderen Straßenseite, deren Glastür bei dem heißem Wetter offen steht. Die Faulheitsakademie, die einzige ihrer Art weltweit, ist eine Institution für Menschen, die sich zwar zu fein für einen Bürojob halten, aber nicht für einen Grammatikkurs bei Miss Gwynne. Wer in die Akademie hineingeht, erlebt sie, wie sie mit Flip-Flops und Sommerkleid am Pult steht, zu ihren Füßen ruht Gingko, ein schwarzer Hund, dem das Gebrüll nichts ausmacht. „Was ist ein Satz?“, ruft Chloe Gwynne unerbittlich. „Das muss sitzen!“ Denn sie hat eine Mission: „Wir befinden uns auf dem Kreuzzug für die Grammatik!“ Ihre Waffe ist das Wissen. Da ist kein Ausrutscher in den eigenen Reihen erlaubt.

Ein Dutzend erwachsener Frauen und Männer sind ihre getreuen Vasallen, sie zahlen 32 Euro pro Abend, um Schlachtrufe wie „Ein Satz ist...“ gemeinschaftlich zu üben. Zum Beispiel David, Anfang 30, der aus Kanada stammt und gerade als Soldat in London stationiert ist. Er will Schriftsteller werden, dafür braucht er das Rüstzeug. Oder Alex, Ende 30 aus Australien, die seit einigen Jahren in der Stadt lebt und bereits Autorin ist. Sie alle wissen wenig über Grammatik. In der Schule war das nie ein Thema. Deshalb sitzen sie an zwei Tischen im Buchladen und pauken Definitionen. „Was ist ein Pronomen?“, fragt Miss Gwynne nun. Ruhe. Eine Teilnehmerin greift verlegen nach ihrem Glas Weißwein. Ja, diese 90 Minuten sind ein bisschen Frontalunterricht, ein bisschen psychologische Folter, ein bisschen Augenzwinkern – und deshalb: „Unser beliebtester Kurs.“

Das sagt Victoria Hull, die mit ihrem Ehemann Tom Hodgkinson The Idler Academy vor zwei Jahren gegründet hat. Tagsüber ist The Idler (auf Deutsch: der Müßiggänger), wie alle ihn nennen, ein Buchladen, und zwar einer mit begrenztem Sortiment. In die Regale kommt, was den Gründern gefällt. Das kann eine antiquarische Charles-Dickens-Biografie sein oder ein Cartoonband mit den schlechtesten Witzen der Welt. Darüber hinaus ist The Idler ein Café mit selbst gebackenem Kuchen und Minigarten. Hinter dem Haus duften Oregano, Minze und Lavendel, auf den Bänken lesen Besucher und belauschen nebenbei Gespräche. Wie beispielsweise eine junge Engländerin einem Italiener erklärt, dass ein ashtray (Aschenbecher) kein ostrich (Strauß) ist – egal, wie ähnlich das in seinen Ohren klingen mag.

Nach Ladenschluss wird aus dem Geschäft ein subversives Unternehmen: die Akademie. Das selbst gesteckte Ziel: die Arbeitsmoral des Kapitalismus infrage zu stellen und mehr Eigenverantwortung und Freiheit zu propagieren. Praktisch bedeutet das vor allem, jene Disziplinen zu lehren, die anderswo gar nicht mehr angeboten oder gerade abgeschafft werden. Wie man seinen Geist mit philosophischen Gesprächen bildet, auf der Ukulele spielen lernt, die Sprache richtig verwendet und dafür Grammatik erlernen muss. Alles Dinge, die heutzutage unterschätzt werden, in einer Zeit, in der es um Aktiengewinne und Immobilien geht.

Tom Hodgkinson, 44, stürmt kurz in den Kurs hinein. Der hochgeschossene Brite mit dem Babygesicht und einem tadellos sitzenden Sommeranzug nickt Miss Gwynne zu, dann verschwindet er im Untergeschoss und beantwortet Post. In aller Herrgottsfrühe muss er morgen nach Prag fliegen, um seinen tschechischen Verleger zu treffen – eine Pein für einen Mann, der den puritanischen Reverend John Claydon unter anderem dafür verachtet, weil dieser im 18. Jahrhundert frühes Aufstehen als Tugend predigte. Und eine noch größere Qual, weil der Idler-Gründer dafür einen Wecker stellen muss, ein Gegenstand, den er als „Lieblingsinstrument der Sklaventreiber“ brandmarkt.

Solchen markigen Worten verdankt Hodgkinson, dass er nach Berlin, Rom oder Prag reist. Der Spross einer Journalistenfamilie schreibt Bücher, die überall auf offene Ohren stoßen. „Anleitung zum Müßiggang“ heißt sein berühmtestes. Der Tenor: Stress ignorieren, die Dinge mal laufen lassen und sich weiterbilden. Erst dann erfahre der Mensch wahre Zufriedenheit. Da er aus der oberen Mittelschicht stammt, werfen ihm Kritiker gern vor, er könne sich seine Haltung nur leisten, weil er genug finanzielles Polster habe. Das läßt Hodgkinson nicht gelten. Er sei ja nicht dagegen, Geld zu verdienen, sondern nur stumpfsinnig anderen seine Arbeitskraft zu leihen und dabei zu verblöden. Aus eigener Erfahrung wisse er, wie das geschieht. Er hat in seinen Zwanzigern eine zeitlang beim „Sunday Mirror“ gearbeitet, bis er 1995 gefeuert wurde – und dann sein eigenes Magazin gründete, „The Idler“. Das gibt es als Anthologie bis heute. Darin widmet sich Hodgkinson den Pfeilern Philosophie, Ackerbau und geistige Erbauung.

Richtig träge ist der Akademiegründer nur gar nicht. Mit Banken reden, umherreisen, Kurse organisieren. Das schlaucht. Victoria Hull, seine Frau, sagt einen Tag später: „Im Moment leben wir einen Widerspruch.“ Das Paar hat drei Kinder, ein Haus auf dem Land, einer muss sich immer in London um den Laden kümmern, ständig verhandeln und feilschen. Preise, Rechnungen, Honorare. Gute Autoren locken die Müßiggänger nicht mit Geld, sondern mit dem richtigen Umfeld. Und viel Überzeugungskraft.

So wie den bulligen großen Kerl, der am Mittwochnachmittag gerade an Buchregalen zimmert, während Victoria Hull erzählt, dass ihnen irgendwann das Geld für neue Regale ausgegangen sei. Der Mann, fast 60, hat seine Brille auf die Stirn geschoben, das Hemd hängt schlampig aus der Jeans heraus. „Wir brauchen Holz“, brummt er. Nie im Leben würde man hinter dieser rauen Schale einen prominenten Kern vermuten. Aber dieser Handwerkertyp ist Bill Drummond, der Anfang der 90er Jahre in der Gruppe The KLF war, die erste Raveband der Welt, und Millionen Platten verkaufte. Ein Album brachte The KLF auf den Markt, dann machte das Duo Schlagzeilen, weil Drummond und sein Partner Jimmy Cauty eine Million Pfund öffentlich verbrannten.

Drummond ist gesprächsbegierig wie ein Schwarzbär im Winterschlaf. Warum er für Tom Regale baue? Er zeigt auf einen Stapel Bücher mit seinem Namen auf dem blauen Einschlag. Die will er heute verkaufen, dafür hilft er dem Inhaber bei praktischen Dingen. Nebenbei signiert er den ganzen Tag Exemplare, so wie jetzt für den stämmigen 40-Jährigen, der gar nicht glauben kann, dass das Ravervorbild seiner Jugend mit Wasserwaage und fleckiger Hose vor ihm steht.

Ein Leben als Popstar hat Miss Gwynne wahrscheinlich nicht mehr vor sich. Ihr Vater aber ist diesem Status in Sprachwissenschaftlerkreisen recht nahe. Als N. M. Gwynne hat er ein unterhaltsames Buch über englische Grammatik geschrieben und gibt Kurse im Edelkaufhaus Selfridges – auch mithilfe der Idler-Clique organisiert. Der „Telegraph“ spekulierte voller Begeisterung, dass sogar Prince Charles einen „Spion“ in die Klasse entsandt hätte.

Zurück in der Faulheitsakademie predigt Miss Gwynne den richtigen Gebrauch von Possessiv- und Personalpronomen, bevor sie eine gute Nachricht verkündet. Laut einem Zeitungsartikel ist der Verkauf von Füllfederhaltern in den vergangenen Jahren um 100 Prozent gestiegen. „Es gibt nichts Schöneres als einen handgeschriebenen Brief“, schwärmt sie.

In der Idler Academy sorgt so eine Nachricht für glückliche Gesichter. Allerdings nicht so sehr über die Aufgabe, die sich daran anschließt. Die Kursteilnehmer müssen das englische Alphabet wie in der ersten Klasse mit Füller schreiben, zuerst in Klein-, dann in Großbuchstaben. „Und erst mit dem nächsten Buchstaben anfangen, wenn der vorhergehende wirklich geglückt ist“, ermahnt Miss Gwynne. David, der kanadische Soldat, hat 27 kleine A geschrieben, dann beginnt er wieder von vorne. „Sie sehen einfach noch nicht perfekt aus“, sagt er. 20 Minuten später ist er beim großen A angelangt. Er hat verstanden: Ein Müßiggänger zu werden, hat überhaupt gar nichts mit Faulheit zu tun.

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