Zeitung Heute : Aktenkoffer zu Pflugscharen

FRANK NOACK

Yuppie-Spott: die Komödie "2 Männer, 2 Frauen = 4 Probleme"VON FRANK NOACKVor ein paar Jahren war es fast unmöglich, einen neuen deutschen Film ohne Katja Riemann zu sehen.Jetzt ist es fast unmöglich, einen neuen deutschen Film ohne Heino Ferch zu sehen.Überall, wo gerade gedreht wird, scheint er einen Gastauftritt zu absolvieren.Höchstleistungen werden ihm dabei kaum abverlangt.Die meisten Regisseure gebrauchen ihn als ruhenden Pol, als kräftigen Beschützer, der es aufgrund seiner Präsenz erst gar nicht nötig hat, seine Kraft unter Beweis zu stellen.Ausgerechnet in einer Beziehungskomödie - dem harmlosesten, seichtesten Genre - darf er jetzt etwas mehr aus sich herausgehen. In Vivian Naefes "2 Männer, 2 Frauen = 4 Probleme" spielt er eine Rolle, auf die sich in Hollywood Michael Douglas spezialisiert: Einen aalglatten, zwanghaften Yuppie, der durch äußere Umstände die Kontrolle verliert.Nick ist ein Staranwalt, der nach der Stoppuhr lebt und die Interessen seiner Mandanten selbst dann vertritt, wenn dabei 200 Arbeitsplätze geopfert werden.Eines Tages gerät er in die Gewalt der Aushilfskellnerin Eva (Aglaja Szyszkowitz), die ihn mit vorgehaltener Pistole nach Venedig entführt.Hier befindet sich das Liebesnest von Nicks Ehefrau, der Bankerin Charlotte (Hilde van Mieghem), und Evas Mann, dem erfolglosen Maler Luis (Gedeon Burkhard).Nick ist Hygienefanatiker und allergisch gegen Kinder.Eva hat gleich zwei Kinder bei sich, die von Hygiene nichts halten - eine sprachgestörte Tochter und einen Sohn mit krimineller Energie. Wie der vorübergehend gefesselte und geknebelte Yuppie die Fassung verliert und auf Umwegen eine neue Identität gewinnt, das ist umwerfend gespielt, und auch sonst kann sich der Film im Rahmen des Genres sehen lassen.Vivian Naefe hat ihn flott inszeniert und mit unverbrauchten Gesichtern besetzt, darüber hinaus beweist sie ein Gespür für Landschaften, wo Beziehungskomödien sonst nur sprechende Köpfe bieten. Schade nur, daß der Film auch moralisch sein will, und das auf eine fragwürdige Art.Beruflicher Ehrgeiz wird denunziert, Verwahrlosung und Erfolglosigkeit als Ideal angepriesen.Ein merkwürdiges Phänomen, das schon oft zu beobachten war.Filmemacher, die ihr Handwerk verstehen, die professionell arbeiten und erfolgsorientiert sind, sagen: Es ist falsch, ehrgeizig und erfolgreich zu sein.Werft eure Aktenkoffer mit all den wertvollen Unterlagen ins Wasser, werft alles hin, werdet klein, laßt eure Kinder weiter verwahrlosen.Yuppie zu sein ist eine Krankheit und Arbeitslosigkeit die Therapie.Soll das Ironie sein? Immerhin wirft das dubiose Happy-End so viele Fragen auf, daß es genügend Stoff für eine mögliche Fortsetzung gibt. In sieben Berliner Kinos

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