Zeitung Heute : Aktien-Hochzeiten

HEIK AFHELDT

Wer schläft sündigt nicht - aber reich kann er werden über Nacht.Der DAX hat gestern die magische Grenze von 5000 übersprungen.VON HEIK AFHELDTSeit Anfang dieses Jahres hat die Börse in Frankfurt damit erneut fast 18 Prozent zugelegt.Alle deutschen Aktien zusammen haben ihren Eigentümern in den letzten 80 Tagen einen Wertzuwachs von knapp 300 Milliarden D-Mark beschert.Was sind die Gründe für diesen Höhenflug? Die deutschen Unternehmen machen wieder kräftige Gewinne und der starke Dollar hilft.Dazu die Erfolge an der Inflationsfront und die Anstrengungen von immer mehr Staaten, ihre öffentlichen Haushalte zu konsolidieren.Das führt zu ungewöhnlich niedrigen Nominal- und Realzinsen.Entsprechend gering sind die Renditen, die heute Sparkonten, Festgeld oder Obligationen abwerfen.Also werden die bescheidenen Dividenden aus Aktien interessanter.Zusammen mit den erhofften künftigen Kursgewinnen rentieren sie viel besser!Wie lange geht es so weiter? Keiner weiß es genau, sonst wäre die Börse nicht die Börse.Für eine kräftige Kurskorrektur spricht zur Zeit wenig - aber auch die Ostasienkrise kam aus heiterem Himmel.Immerhin, die Weltwirtschaft befindet sich weithin in Wachstumslaune, in den meisten europäischen Ländern und in Nordamerika.Und so ist der deutsche DAX beileibe nicht der einzige große Index, der von Woche zu Woche immer neue Höhepunkte erklimmt.Der berühmte, viel ältere DOW JONES Index der führenden amerikanischen Standardwerte steuert auf die unglaubliche 9000er Grenze zu.Ist da kein "Deckel" in Sicht? Auch wenn die Unternehmen durch Rationalisierungen, Bereinigung ihrer Programme und Fusionen immer schlagkräftiger werden, mit der Liberalisierung der Märkte nimmt der Wettbewerb kräftig zu.Er sorgt dafür, daß die Gewinne nicht in den Himmel wachsen, nicht bei der Telekom, nicht bei den Autobauern und nicht bei den Airlines.Am Kurs-Gewinnverhältnis aber läßt sich auch ablesen, wie "preiswert" eine Aktie ist.Ein Kurs in der Höhe von 20 bis 30mal des erwarteten Gewinns ist heute in Europa normal.Aber bei SAP beispielsweise erreicht das Kurs-Gewinn-Verhältnis 60.Wie bei vielen HighTech-Werten wird das Wachstumspotential hier weit höher gewichtet als die aktuelle Rendite.Nur wenn die Aktienkurse insgesamt nach oben "übertreiben", liegt eine Korrektur in der Luft.Als die japanischen Aktien vor Jahr und Tag einmal die Marke von 40 überstiegen, ließ der "Crash" nicht lange auf sich warten.Dennoch, alle Anleger am Aktienmarkt wissen aus Erfahrung, daß sich auf lange Sicht Anlagen in Aktien weit mehr lohnen als andere Werte.Was heißt das nun für die deutsche Wirtschaft, für die Beschäftigten, die Arbeitslosen und die Vermögenden? Im Trend nehmen die Einkommen aus Kapitalvermögen immer weiter zu, die Einkommen aus Arbeit relativ ab.In der Schweiz waren im letzten Jahr zum ersten Mal in der Geschichte die Vermögenszuwächse höher als die gesamte Lohn- und Gehaltssumme.Das wäre eigentlich der direkte "Weg ins Paradies", Wohlstand ohne Arbeit, wenn denn alle an dieser Entwicklung teilhaben könnten.Wenn die Apparate und Maschinen immer weniger Menschen brauchen, die sie bedienen, dann können sie den "Lohn" ja auch in Form von Gewinnen und Dividenden zahlen."Volkskapitalismus" hieß das einmal.Eine möglichst breite Vermögensstreuung ist der Weg dahin.Die Amerikaner sind uns auf diesem Weg schon weit voraus.Auch die Alterssicherung beruht in den USA in viel stärkerem Maße auf Kapitalbeteiligungen über Pensions-Fonds.Kein Wunder, daß es dort jeweils mehr Beifall gibt, wenn der Index wieder eine neue Rekordmarke übersteigt.

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