Zeitung Heute : Aktiv und anspruchsvoll

Quer durch alle Branchen informieren Weiterbildungen über die Bedürfnisse von Senioren – denn die sind die Kunden der Zukunft

Silke Zorn

Elisabeth S. ist 65 und liebt schnelle Autos. Dass in der Fernsehwerbung allerdings immer nur blutjunge Dinger mit Modelmaßen hinterm Steuer sitzen, ärgert sie gewaltig. Ihr Mann Reinhard ist gerade 70 geworden und stolz auf seinen trainierten Turnerkörper. Ins Fitness-Studio um die Ecke, die „Muckibude mit Garagencharme“, kriegen ihn allerdings keine zehn Pferde. Deutschlands Senioren bleiben immer länger jung und aktiv. Darauf muss sich auch die Wirtschaft quer durch alle Branchen einstellen. Entsprechendes Fachwissen kann man in speziellen Weiterbildungen erwerben.

50PLUS-

KOMMUNIKATIONSMANAGEMENT

Senioren sind die konsumkräftigste Käufergruppe Deutschlands. Sie gestalten ihr Leben aktiv, wollen sich etwas gönnen und achten auf Qualität – so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Bbw Marketing zu „Senioren-Trend-Märkten“. Dennoch, so ein weiteres Fazit, behandelt die Werbebranche ihre besten Kunden stiefmütterlich. In Berlin beschäftigt sich ab Frühjahr 2006 eine neue Weiterbildung mit genau diesem Thema. „50plus-Kommunikationsmanagement“ nennt sich der sechsmonatige Kurs, den die Deutsche Direktmarketing Akademie Berlin (DDA) zusammen mit der Fachhochschule Brandenburg anbietet. „Ursprünglich sollte der Lehrgang ein Jahr dauern“, sagt Studienleiter Horst Löffler. „Wir haben uns aber entschieden, den Stoff zu komprimieren, damit der Kurs besser parallel zum Job absolviert werden kann.“

Das Studienangebot richtet sich an Marketing- und Kommunikationsfachleute und soll laut DDA im deutschsprachigen Raum einmalig sein. Wie und was kaufen ältere Menschen? Welche Art von Werbung spricht sie an? Wie können Supermärkte, Kaufhäuser und Produkte altersgerecht gestaltet werden? Und welche Besonderheiten gilt es im Umgang mit älteren Arbeitnehmern zu beachten? Diesen Fragen wird an der DDA nachgegangen.

SENIOREN-TOURISMUS

Mit dem Alter steigt die Reiselust. Immer mehr Tourismusschulen bieten daher Kurse an, die sich mit der Zielgruppe Senioren beschäftigen. Gabriele Hartmann vom Deutschen Seminar für Tourismus Berlin (DSFT) kann sich mit der weit verbreiteten Floskel von der „50 Plus Generation“ allerdings nicht so recht anfreunden. „Heute ist man mit 50 alles andere als alt und gebrechlich“, sagt sie. Bei der DSFT spricht man daher ganz bewusst von der Zielgruppe „70 Plus“. Und die bringt Zeit und Geld mit, ist fit, unternehmungslustig – aber auch anspruchsvoll. „Seniorenteller und Rentner-Rabatte sind out“, meint Tourismus-Expertin Hartmann. Was „in“ ist, kann man in den Kursen des Tourismus-Seminars lernen. In fast allen Lehrgängen werde das Thema gestreift, in einigen sogar zum Schwerpunkt der Veranstaltung gemacht, so Hartmann. Sinnvoll kann die Beschäftigung mit den Bedürfnissen reiselustiger Rentner für viele Dienstleister sein: Reiseveranstalter, Hotels, Gastronomen, Tourismusbüros. Dabei können schon Kleinigkeiten wie eine Lesebrille zur Speisekarte, ein Apotheken-Service oder barrierefreie Ferienwohnungen den Urlauber zum treuen Kunden machen.

BEST-AGING-TRAINER

„Menschen über 50 fühlen sich nicht als Senioren, sondern im besten Alter“, sagt auch Verena Brauwers, die beim Bildungsträger IST für den Fachbereich „Fitness und Wellness“ verantwortlich ist. „Noch nie gab es so viele sportlich aktive Ältere. Sie walken im Stadtpark, treffen sich zur Aqua-Gymnastik im Schwimmbad oder trainieren im Fitnessstudio.“ Der Bedarf an altersgerechten Sportangeboten und entsprechend geschultem Personal steige stetig. Dennoch gelinge es den meisten Fitness-Studios nicht, sich von ihrem jugendlich-attraktiven Image zu trennen. IST bietet deshalb eine Ausbildung zum „Best-Aging-Trainer“ an. In der 12-monatigen berufsbegleitenden Weiterbildung geht es neben Trainings- und Bewegungslehre, Best-Aging-Training und Entspannungstechniken auch um Organisation und Vermarktung entsprechender Programme und eine gelungene Kommunikation mit den fitten „Best-Agern“.

ANTI-AGING-BERATER

Ob Sport, Ernährung, Entspannung oder medizinische Eingriffe wie Botox-Spritzen – „Anti-Aging“, wider das Alter, lautet heute bei vielen Menschen die Devise. Kein Wunder, dass hier neue Berufe inklusive entsprechender Weiterbildungen entstehen. Die Stiftung Warentest hat in ihrem „test-Spezial“ zu Jobs in Wellness, Fitness und Pflege Lehrgänge zum „Anti-Aging-Berater“ unter die Lupe genommen. Das Fazit der Verbraucherschützer: Eine fundierte Beratung muss auf einem erlernten Beruf aufbauen – Ärzte können bei Operationen und Therapien beraten, Kosmetiker in Sachen Hautpflege, Fitness-Fachleute bei Fragen rund um Bewegung. Hierauf sollte man bei der Kurswahl achten – und sich nicht sinnlos in Praktiken wie Faltenunterspritzen oder Hormonbehandlungen ausbilden lassen, die ohne Approbation oder Heilkundeprüfung überhaupt nicht vorgenommen werden dürfen.

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