Zeitung Heute : Alarm Zicken

Irgendwann stellt sich die Frage: Stadt- oder Landleben? Unsere Autorin hat den Kompromiss gefunden – mitten in Charlottenburg

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Von Anna Jelena Schulte Wie jeder weiß, entwickeln viele Frauen während der Schwangerschaft seltsame Gelüste. Bei mir war es die Lust auf Misthaufen. Die rochen irgendwie glücklicher als die Hundescheiße in Friedrichshain. Ich nahm Abschied von den mitleidig lächelnden Freunden, den Trendfriseuren, den Kampfhunden und bezog ein Domizil in Charlottenburg mit direktem Blick auf einen Misthaufen.

Der dampft natürlich nicht am feinen Savigny-Platz, sondern dort, wo erst Zille und dann die Hausbesetzer wohnten: In dem großen Hof eines Häuserblocks zwischen dem Schloss Charlottenburg und dem Lietzensee. Zu Beginn der 80er Jahre hatte die gewerkschaftseigene Wohnungsbaugesellschaft „Neue Heimat“ auf dem 6000 Quadratmeter großen Gelände lukrative Neubauten errichten. Doch die hatte die Rechnung ohne die Anwohner gemacht. Dort, wo Presslufthammer angesetzt werden sollten, pickten plötzlich Hühner, innerhalb kürzester Zeit entsprossen der schutthaltigen Erde 40 Bäume. Die Bauzäune fielen jede Nacht um, die Motoren der Bagger sprangen nicht an. Darum meckerten mitten in der Stadt die Ziegen. Irgendwann gab die „Neue Heimat“ auf. Ein Zusammenschluss aus Hausbesetzern, Studenten, Rentnern und Arbeitern, genannt „Blockinitiative 128“, hatte den Kampf um die Brache gewonnen. Sie hatte ihren Traum vom wilden Garten durchgesetzt, einem Garten, in dem sich begegnet, was in den Häusern nebeneinander lebt.

Gerührt stand ich am Fenster meiner neuen Wohnung und betrachtete durch mein östrogengewaschenes Auge nicht nur Ziegen, Hühner und den Misthaufen, sondern auch das alte Entenpaar. Bei Regen und Sonne watschelte es Flügel an Flügel auf dem Hof umher und schnatterte die Legende vom Glück ohne Ende in die Welt hinaus. Ich suchte Kontakt zur Ziegengruppe. Denn der Ziegenhof, obwohl öffentlich zugänglich, wird bis heute nicht von der Stadt, sondern von den Anwohnern gestaltet und gepflegt.

Hundescheiße, Müll, Katzendreck, das war der Hof in Friedrichshain. Lustig wurde es nur am 1. Mai, wenn bei uns die Mülltonnen brannten. In Charlottenburg aber harkte eine ganze Nachbarschaft im Herbst das Laub, setzte im Frühjahr den Kompost um, organisierte sich in Hühner- und Ziegengruppe. Friede in unserem Hause, Friede im Haus nebenan, summte ich mit rollendem Ernst Busch-R vor mich hin, erklärte meine verbliebene Restabneigung gegen Arbeitsgemeinschaften einfach für pubertär und fragte einen der Akteure im Ziegenstall, ob ich mitmachen dürfe.

Ich wurde zur nächsten Vollversammlung eingeladen. Dort erschien ich mit dickem Bauch und einem selbst gebackenen, in Marzipan versunkenen Apfelkuchen. Es war keineswegs die ganze Nachbarschaft, die mich erwartete. Eine Hand voll Leute Anfang 40 saß auf ausgeklappten Bierbänken in der Sonne. Keiner von ihnen gehörte zur Gründergeneration des Ziegenhofes. Die Hausbesetzer von einst, so erfuhr ich, waren entweder verzogen oder mit privaten Problemen beschäftigt. Diese Leute hier einte keine Ideologie. Die Inhaberin einer Hauswartsfirma war dabei, ein Sprachwissenschaftler, eine arbeitslose Landschaftsarchitektin. Sie gingen ihre Liste durch: Wer hilft, neue Zäune zu setzen, den Kompost umzusetzen, Futter zu organisieren, die Stalltür zu reparieren. Soll man Funny schwängern lassen?

Einer sagte zu mir, er freue sich über den „Nachwuchs“. Damit meinte er nicht das Kind in meinem Bauch, sondern mich. Ich war der Gegenbeweis zu der These, dass die jüngere Generation karrieristisch und asozial ist. Ich fühlte mich gut. Doch nachts bekam ich kein Auge zu. Das war mir in Friedrichshain auch öfter passiert. Schuld daran waren Nachbarn, die sich regelmäßig am Ecstasy verschluckten und dann die Bässe aufdrehten, bis im ganzen Haus die Klodeckel tanzten.

In der Nacht vor meiner ersten Fütterung konnte ich nicht schlafen, weil ich immer wieder die riesigen Hörner des Bocks durch mein Zimmer schweben sah. Können Ziegen Angstschweiß riechen? Verteidigen Hähne die Eier ihrer Hennen? Mit dem ersten Hahnenschrei schlief ich ein.

Im Ziegenstall gab ich die routinierte Bäuerin: Ich grüßte leicht mürrisch und trat mit festen Schritten auf. Doch die Ziegen erwiderten meinen Gruß mit gesenkten Köpfen. Ziegen können Angstschweiß riechen, und sie mögen ihn nicht. Schnell warf ich ihnen ein wenig Heu vor die Klauen, beschloss, das Trinkwasser beim nächsten Mal zu wechseln und rannte nach draußen. Ein paar Fütterungen später kündigte sich Besuch aus Friedrichshain an.

Ich führte sie zum Fenster, ließ sie den Misthaufen betrachten und erzählte vom Leben auf dem Ziegenhof: Von den Frühsportlern, die jeden Morgen unter den Obstbäumen turnen, von den türkischen Müttern, die den Hühnern Haferflocken hinstreuen, von Dieter, der mit den Ziegen immer nur Englisch spricht, weil Deutsch die Sprache Hitlers ist. Ich erzählte von den vielen Kindern, die hier nachmittags spielen und von den Abenteuern mit Fuchs und Marder. „Wir können die Ziegen füttern.“ – „Yeah!“, brüllte die Tochter meines Besuchs. Die Mutter zuckte gleichgültig mit den Achseln. Ich bot ihr Gummistiefel an.

Das hatte mir eine aus der Ziegengruppe erzählt: Man kann die Ziegen aus dem Gehege rauslassen. Man muss sie nur ein bisschen mit einem Stock in die richtige Richtung weisen, dann gehen sie auch ganz lieb wieder rein.

Als ich die Stalltür öffnete, rasten die Ziegen in einem solchen Tempo heraus, dass die Friedrichshainer entsetzt ihr Kind in die Luft rissen. Ich ignorierte die vorwurfsvollen Blicke, stützte mich auf meinen Hirtenstab und fragte, wie es so gehe in Friedrichshain. Ein paar neue Klamottenläden hätten aufgemacht seit ich weg bin. Auch ein neuer Trendfriseur sei da. Ich nickte zufrieden und inhalierte den Ziegenstallgeruch.

„Hier hört man aber die Autobahn“, sagte der Besuch aus Friedrichshain. „Das ist das Rauschen der Weizenfelder“, korrigierte ich und beschloss, es sei nun an der Zeit, die Ziegen wieder einzufangen. „Zurück jetzt!“, forderte ich den Leithammel auf. Doch der blieb stehen. Ich stieß ihn mit dem Stock ein bisschen in die Seite. Da spannten sich die Muskeln unter seinem Fell, er machte ein paar wilde Luftsprünge und raste zum Ziegenhof hinaus. „Das ist noch nie passiert“, sagte der Inhaber der benachbarten Eisdiele, als er den Bock an den Hörnern wieder hereinzerrte. Der Eismann stammt ursprünglich aus Anatolien.

Die Friedrichshainer verabschiedeten sich, und ich hätte mir am liebsten eine Zigarette angezündet. Ich sah, dass die handgetischlerte Holzbank vor dem Ziegenstall zerbrochen war, sah die zertretene Buschgruppe, die verblassenden Farben an den Wänden der ehemals besetzten Häuser und streckte dem Bock die Zunge heraus, weil er mich die ganze Zeit so hungrig und vorwurfsvoll anglotzte.

„Die Zeiten haben sich verändert“, sagte plötzlich ein älterer Mann neben mir. „Früher, da haben wir die Ziegen gemolken. Da haben wir politische Diskussionen auf dem Ziegenhof veranstaltet und Freiluftkino. Jetzt hat keiner mehr Lust dazu. Dabei ist es doch so schön hier. Oder?“ Ich betrachtete die Birnbäume, die jugendlichen Knutscher, das Entenpaar, das sich sein Gefieder für die Nacht aufschüttelte, sah, wie eine Frau mich vom Balkon herunter durch ein Fernglas beäugte und nickte ihr zu.

Der Gesprächspartner zwinkerte mir, dem Nachwuchs, verschwörerisch zu und ging seiner Wege. Und ich schaute auf meine Gummistiefel. „Trägt man jetzt eigentlich runde oder spitze Schuhe?“ Selten hat mich eine Frage so beschäftigt. Ich wünschte den Enten eine gute Nacht, setzte mich in die U-Bahn und fuhr Richtung Friedrichshain. Für einen Abend.

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