Zeitung Heute : Albanien brennt

WALTHER STÜTZLE

Ein Staat droht zu versinken - und Europa schaut mal wieder zuVON WALTHER STÜTZLEEin Staat droht zu versinken, und wieder schaut Europa zu.Der Bosnien-Schock, der die europäische Welt spät erfaßte und dann lange gefangen hielt, scheint seine Wirkung verloren zu haben.Entfesselter Bürgerzorn und unfähige Regierungskraft drohen den Staat Albanien in Schutt und Asche zu legen.Doch wieder ist die Zahl der Zuschauer größer als die der Ideen, wie dem Schwelbrand rechtzeitig Einhalt geboten werden könnte.Gründe für diesen mißlichen Zustand gibt es zuhauf: Albanien lag immer abseits des Hauptweges europäischer Aufmerksamkeit - und schaffte es eigentlich nur ein einziges Mal, hierzulande politische Beachtung zu finden.Das war 1975, als Tirana neben der CDU/CSU die einzige politische Kraft Europas war, die der KSZE-Schlußakte von Helsinki ihre Zustimmung verweigerte.1991 korrigierte Tirana dieses Malheur in Berlin und wurde Mitglied der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die sich heute OSZE nennt. Die 1991 hoffnungsvoll eingeleitete Wandlung Albaniens von einem verschlossenen erzkommunistischen zu einem offenen demokratiewilligen Staat trug zunächst bemerkenswerte Früchte.Rat und Auflagen des Internationalen Währungsfonds, der EU und der Weltbank wurden in Reformen umgesetzt und mit entsprechenden Finanzspritzen honoriert.80 Prozent der rund 500 Millionen Dollar-Auslandsschulden wurden dem Land 1995 erlassen.Von allen europäischen Reformländern hat Albanien pro Kopf der Bevölkerung die höchste Entwicklungshilfe erhalten - und Bonn war der freigiebigste Einzahler.Rund 280 Millionen DM flossen seit 1990 direkt in den albanischen Umbauversuch, 238 Millionen DM kamen als deutscher Anteil an den 850 Millionen EU-Unterstützung hinzu.Die Wirkung war meßbar: Im ärmsten Staat Europas stieg das jährliche Pro-Kopf-Einkommen von 350 auf 750 Dollar.Doch mit dem statistisch signifikanten Anstieg ging ein Aufstieg nur für einige, aber ein Abfall unter das Existenzminumum für viele einher."Soziale Differenzierung" lautet das Stichwort; dahinter steckt die bittere Wahrheit, daß heute mindestens 20 Prozent der Albaner unter der Armutsgrenze leben - 3- bis 4-Personenhaushalte monatlich also über weniger als 40 bis 50 Dollar verfügen, um ihr Dasein zu bestreiten.Mithin ein leicht entzündlicher Stoff, der keiner Revolution bedarf, um in Brand gesetzt zu werden.Dazu reichen unfähige, korrupte Machthaber - und die kann Albanien zur Genüge bieten, wie gefälschte Wahlergebnisse und ähnlich Kriminelles zeigen. Zu den Besonderheiten des Konflikts gehört, daß eine überhitzte albanische Wohnung die ganze Balkan-Etage des europäischen Hauses in Brand setzen könnte.Die ungelöste "nationale Frage des albanischen Volkes" ist ein gebrauchsfertiger Brandsatz, mit dem eifernde Nationalisten eine ganze Region anzünden können.Über die Hälfte der etwa sieben Millionen Albaner lebt außerhalb des Mutterlandes in den Grenzen der Nachbarstaaten.Neuralgischer Punkt sind die zwei Millionen Kosovo-Albaner, die auf Trennung von der sie beherrschenden serbischen Minderheit drängen.Doch die Zündschnur geht auch nach Griechenland und Mazedonien.Im Abkommen von Dayton wurde der Zünder nicht entschärft.Vorsorgende Konfliktverhütung ist dringend geboten.Die OSZE hat dazu die Mittel und kann sich überdies die entsprechende Erfahrung mit diesem Instrument in Mazedonien zunutze machen.Viel Zeit ist schon verspielt.Wieder beginnt sich der Eindruck zu verfestigen, daß nichts geschieht, es sei denn, jemand mit Entscheidungskraft ergreift die Initiative.In Bosnien waren das die USA - und in Albanien wird es wieder so sein, oder gar nicht.Denn von der EU ist nichts zu sehen.

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