Zeitung Heute : Albtraum Heimat

Sie flohen aus Srebrenica nach Berlin, jetzt sollen sie – krank vom Krieg – wieder zurück

Caroline Fetscher

Neira darf jetzt nicht mehr in den Kindergarten. „Wann kommt die Polizei und holt uns ab?“, fragt sie. Denn Neira soll mit ihren Eltern, Senad und Almasa Tobudic, abgeschoben werden. In das Land, das für die Familie Panik, Angst und Leid bedeutet. Von Berlin nach Bosnien.

Senad Tobudic lächelt viel und schweigt viel. Er spricht nicht gerne über die Vergangenheit. „An Bosnien, an den Krieg möchte ich nicht denken“, sagt der 32-jährige, schmale Mann mit den dunklen Locken in flüssigem Deutsch. „Ich muss jetzt vor allem meine Familie schützen.“ Seine Ehefrau Almasa, 27, sitzt neben ihm auf dem alten Sofa, das ihnen Nachbarn geschenkt haben. Sie strickt und blickt auf ihre Hände. Auf die hellblaue Wolle. Sie erwartet ein zweites Kind, im vierten Monat ist sie. Manchmal, fast geflüstert, sagt sie ein Wort zur kleinen Neira, die 1998 in Berlin geboren wurde.

Auch Almasa zuliebe ist das Thema Krieg in der kleinen Berliner Wohnung der Tobudics tabu. Almasa und ihre Mutter, die auch in Berlin lebt, gehören zur kleinen Gruppe so genannter „extremtraumatisierter Flüchtlinge“ aus Bosnien. Denn sie kommen aus Srebrenica. Almasas Vater und zahlreiche weitere Verwandte waren im Sommer 1995 unter den 8000 systematisch ermordeten Zivilisten der kleinen Stadt. Srebrenica steht für den brutalsten und größten Massenmord auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Fragt man die Tochter, wie ihr Vater hieß, schaut sie zu Boden, als hätte sie nichts gehört. Dann schenkt sie vorsichtig Tee ein und nimmt einen Zettel zur Hand, um den Namen aufzuschreiben: Nutfet Purkovic. Sein Name steht auch auf der langen Vermisstenliste des Roten Kreuzes. Hoffnung auf Überlebende von Srebrenica aber gibt es nicht mehr. Irgendwann wird Almasa ihren Kindern erzählen müssen, dass der Großvater in einem Massengrab liegt. Dass früher einmal das Den Haager Kriegsverbrechertribunal seine Mörder verfolgt hat.

Als der Bürgerkrieg die Dörfer und Städte ihres Landes verwüstete, suchten Senad und Almasa Asyl in Berlin. Zu Hause hatten die Bosnier serbische und kroatische Freunde gehabt. Sie begriffen den Bruderkrieg nicht. Schockiert vom Brandschatzen und Morden, von der Tobsucht der Kämpfenden, ergriffen sie die Flucht und kamen nach Berlin. Hier dürfen sie seit sieben Jahren nicht arbeiten, nicht studieren und die Stadt nicht verlassen – aber sie sind in Sicherheit.

Doch Senad Tobudic bekam auf Grund des Krieges eine schwere psychosomatische Erkrankung, Morbus Crohn. Bei mehreren Operationen wurde ihm ein Teil des Darms entfernt, Monate verbrachte er auf einer Odyssee von einer Klinik zur nächsten. Zuletzt lag er im Februar wieder zwei Wochen im Berliner St.-Gertrauden-Krankenhaus. Senad wartet seit langem auf eine Therapie beim Deutschen Roten Kreuz. Doch die begehrten Plätze sind rar. Behördlich anerkannte Ärzte und Psychiater bescheinigen Senad Tobudic seit Jahren die außergewöhnlich schwere traumatische Störung.

Schon im vergangenen Sommer hatte der Fall der Tobudics für Aufsehen gesorgt, als die Behörden das erste Mal mit Abschiebung drohten. Sogar die „Johannes B. Kerner Show“ im ZDF hatte damals bei ihnen angerufen, um die Tobudics einzuladen. Sie wagten nicht, sich im Fernsehen zu zeigen. Sie hatten zu viel Angst.

Von dieser Angst, von der Panik und den Albträumen der beiden Menschen sind die Ausländerbehörde und das Verwaltungsgericht Berlin offenbar noch immer unbeeindruckt. Die 21. Kammer des Gerichts in Moabit ließ den Anwalt von Senad Tobudic am Freitag wissen: „Der sich auf eine bei ihm bestehende Traumatisierung berufende Antragsteller erfüllt die Anforderungen der Weisung für die Erteilung einer Aufenthaltsbefugnis – gleich welcher Fassung – nicht.“ Das Gericht, sagt Anwalt Jung, „folgt ohne substanzielle eigene Prüfung und ohne jegliche Anhörung der Experten einfach den Argumenten der Ausländerbehörde“. Zu spät und nicht glaubwürdig, behauptet diese, habe sich der Geflüchtete darum bemüht, als Traumatisierter anerkannt zu werden. Seine Krankheit habe mit dem Krieg nichts zu tun. Das steht nun auch im Gerichtsbeschluss: „Die vollziehbar Ausreisepflichtigen haben einen Anordnungsanspruch nicht glaubhaft gemacht.“

„Vollziehbar ausreisepflichtig“, das heißt: Jeden Moment kann die Polizei vor der Tür der Tobudics mit Hunden und Handschellen auftauchen.

Erst am Freitag erhielt Anwalt Jung das richterliche Dokument. „Informiert wurde ich vorher nicht.“ Dabei hatte die Ausländerbehörde dem Gericht schon am 10.März eine Frist zur Entscheidung bis zum 16.März gesetzt. Man wollte die Tobudics offenbar jetzt endlich loswerden. „Der Stress, die Ungewissheit sind für die Familie unerträglich“, sagt Jung. „Dass Almasa Tobudic schwanger ist, macht die Situation besonders bedrohlich.“ Wie hier vorgegangen werde, das, sagt Jung, sei inhuman, würdelos und ohne Sorgfalt. Er hat gestern sofort Beschwerde eingelegt gegen den Beschluss der Kammer, der rechtlich, inhaltlich, ja sogar grammatikalisch zahlreiche Fehler aufweise und „offenbar hastig zusammengeschrieben“ wurde. Hier werde, sagt Rüdiger Jung, mit existenziellen Fragen von Menschen so fahrlässig umgegangen, dass es selbst erfahrene Asylrechts-Fachleute wie ihn erschrecke.

Eine Behandlung, wie der chronisch Kranke sie dringend braucht, könnte Senad Tobudic in Bosnien kaum finden. In Tuzla, der Stadt, in die sie ausreisen sollen, lagern in Hunderten weißer Plastiksäcke die sterblichen Überreste unidentifizierter Toter aus Srebrenica in Kühlhallen und Tunneln. Darunter können auch Almasas Verwandte sein. Der Gedanke an Rückkehr versetzt sie immer noch in Schrecken. „Es ist zu früh“, sagen sie. „Wir haben Albträume.“ Eben hatte der junge Vater angefangen, mit einem gebrauchten Computer, den Freunde ihm geschenkt haben, etwas Textverarbeitung zu lernen. Für den Tag, an dem er in Deutschland einmal Geld verdienen darf. „Ich bin am Rand meiner Kräfte“, sagt er. „Das Warten auf die Polizei ist die Hölle.“

Als letztes Mittel erwägt die Familie nun, die Evangelische Kirche um Asyl zu bitten. Denn Senad und Almasa fürchten bei einem gewaltsamen Abtransport auch um das ungeborene Kind. „Wir brauchen doch auch Zukunft“, sagt Senad Tobudic, „etwas, worauf wir uns freuen können.“

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