Zeitung Heute : ALGIER

Nach dem 11. September erschienen seine Bücher gerade prophetisch. Natürlich, der Mann kennt sich aus mit fundamentalistischen Islamisten. Mohammed Moulessehoul war hoher Offizier in der algerischen Armee, bis er im Jahr 2000 den Dienst quittierte und nach Frankreich flüchtete. Bekannt wurde er unter dem Pseudonym Yasmina Khadra: als Autor einer Krimi-Trilogie über Algier und Chronist des algerischen Bürgerkriegs der neunziger Jahre.

In „Morituri“, „Doppelweiß“ und „Herbst der Chimären“ erfährt man von einem Konflikt, der in den westlichen Medien fast unsichtbar geblieben ist. Khadra (Jahrgang 1955) erzählt vom verheerenden Krieg der Fundamentalisten gegen den algerischen Staat und den historischen Hintergründen: dem Unabhängigkeitskampf gegen die französische Kolonialmacht, der Herrschaft der quasi-sozialistischen Einheitspartei FLN und dem Aufschwung der Islamischen Heilsfront. Die These: Es ist die alte Elite, die von den postsozialistischen Wirren profitiert und die Modernisierung des Landes zum eigenen Nutzen betreibt. Das Ergebnis ist eine weltanschaulich und materiell tief gespaltene Gesellschaft zwischen Islam und Islamismus, Elendsquartieren und obszön anmutenden Inseln des Luxus.

Khadras Ermittler ist der schriftstellernde Kommissar Brahim Llob: gläubiger Muslim, Moralist und Muster an Integrität in einem rettungslos korrupten Umfeld. Llob kämpft an zwei Fronten. Hier die „Bärtigen“, also die Islamisten, denen er als Intellektueller und Feind von jeglichem Fundamentalismus ein Dorn im Auge ist. Da die Funktionäre der Institutionen von Staat, Wirtschaft und Militär, die das Gemeinwohl des Landes privaten Interessen opfern. Mal muss Llob in einer Mordserie an Intellektuellen ermitteln und stößt auf Verbindungen zwischen Terroristen und Finanzoligarchie. Mal enthüllt er einen geheimen Plan algerischer Wirtschaftsmagnaten zur Übernahme des Staates. Schließlich wird er wegen eines kritischen Romans vom Polizeidienst suspendiert. Spannungsgeladene Action macht hier der Reflexion Platz, aus dem aktiven Ermittler wird ein passiver Zuschauer, der am Ende selbst einem Attentat zum Opfer fällt.

Das sprachliche Gemisch aus Argot, blumiger Poesie und hard-boiled-Vokabular findet man auch in Khadras Non-Crime-Romanen wie „Die Attentäterin“ und zuletzt „Die Sirenen von Bagdad“. Und die Mechanik des Terrorismus, nun des globalen, sie ist sein Thema geblieben.

STEFFEN RICHTER

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