Zeitung Heute : Alkohol: Interview: "Man darf den Wein nicht mystifizieren"

Sollte man der Bevölkerung empfehlen[zum Ess]

Sollte man der Bevölkerung empfehlen, zum Essen ein Glas Wein zu trinken, um den schützenden Einfluss dieses Getränks vor allem auf Herz-Kreislauf-Krankheiten zu nutzen?

Nein. Chronischer Alkoholkonsum erhöht das Krebsrisiko. Unter Alkoholeinfluss kommt es außerdem häufiger zu Unfällen, und bei Entwicklung einer Sucht treten schwere Alkohol-Folgekrankheiten wie etwa die Leberzirrhose auf. Dazu kommen soziale Probleme wie die Zerrüttung von Familien und Arbeitsplatzverlust.

Das gilt für starke Trinker. Bei moderatem Weingenuss schützt, Studien zufolge, ein Glas Wein vor Herzkrankheiten, und die Mortalitätskurve sinkt. Moderate Weintrinker leben länger.

Es gibt Studien, die Ihre These stützen. Danach haben Abstinenzler ein etwas höheres Risiko für koronare Herzkrankheiten als moderate Alkoholkonsumenten. Dabei wird aber übersehen, was moderater Konsum eigentlich heißt. Bei Männern liegt der optimale Wert bei etwa zehn Gramm Alkohol und bei Frauen sogar bei nur acht Gramm. Wenn Sie ein großes Glas Burgunder trinken, also etwa ein Viertele, dann haben Sie damit schon mehr als 20 Gramm Alkohol intus und liegen bereits außerhalb des Optimums. Eine weitere Gefahr: Wenn Sie der Bevölkerung Weintrinken empfehlen, suggerieren Sie, dass Alkohol etwas Gutes ist. Das geht dann schnell in Richtung "viel hilft viel". Wer wirklich etwas für seine Gesundheit tun will, sollte sich vernünftig ernähren, Sport treiben und aufhören zu rauchen.

Menschen, die mit Alkohol umgehen können, hätten aber einen Nutzen, wenn sie moderat genießen?

Sie hätten einen eingeschränkten Nutzen, was Herzkrankheiten angeht. Beim Krebs würden Sie ihr Risiko mit steigendem Alkoholkonsum erhöhen. Man darf den Wein nicht mystifizieren. In vielen Studien wird ein falscher Kausalzusammenhang hergestellt. Natürlich haben die Mittelmeerländer weniger Herztote, aber man kann dies nicht allein dem Wein zuschreiben. Die gesamte Ernährung, die Lebensgewohnheiten, das Klima - es gibt viele Einflussgrößen. Hier wird selektiv ein Punkt herausgepickt: Der Wein soll es sein. Und die Weinindustrie versucht, ihren Absatz unter dem Mantel objektiver Wissenschaft anzukurbeln.

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